Zum Tode von Uli Stein

„Ein Künstler geht nicht in Ruhestand, er stirbt“

Von Peter-Philipp Schmitt
04.09.2020
, 16:19
Seine Werke waren für viele das perfekte Geschenk: Abermillionen Kalender, Postkarten und Bücher verkaufte der Künstler Uli Stein seit den achtziger Jahren. Nun ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.

Liegt ein toter Clown in der Wüste. Sagt der eine Aasgeier zum anderen: „Schmeckt irgendwie komisch.“ Uli Stein war ein Meister des Wortwitzes. Mit seinen Zeichnungen und meist nur einem prägnanten Satz brachte er fast jeden zum Lachen. Für die einen waren seine Werke zu leichte Kost: Katz und Maus, Mensch und Tier, Mann und Frau, die oft in absurden Alltagssituationen aufeinander trafen. Für die anderen aber, und sie waren in der Mehrheit, war „Uli Stein“ das perfekte Geschenk. Abermillionen Kalender, Postkarten und Bücher hat der 1946 in Hannover geborene Ulrich Steinfurth, wie er eigentlich hieß, seit den achtziger Jahren verkauft. Stein war mit weitem Abstand der erfolgreichste Cartoonist Deutschlands.

Er habe schon in der Schule unablässig gezeichnet, „aber richtig gelernt habe ich es nie“. Darum auch hatte dem Abiturienten die Berufsberatung beschieden, dass seine Kunst „brotlos“ bleiben werde, wie Stein einmal erzählte. Also begann er auf Lehramt zu studieren, Deutsch, Erdkunde und Biologie. Nebenher arbeitete er als freier Journalist. Schließlich ließ er sein Studium in Berlin sausen und ging einige Jahre zum Saarländischen Rundfunk. Erst mit Anfang 30 begann er, sich ganz aufs Zeichnen zu konzentrieren. Sein erstes Buch mit dem Titel „Ach du dicker Hund“ erschien 1983 – mit einer Auflage von 3000 Stück. Die zweite Auflage brachte es schon auf 300.000 Exemplare.

Mit seinen witzigen eieräugigen und knubbelnasigen Tieren wie Menschen machte Stein, der jeden Morgen um neun Uhr anfing zu arbeiten und selten vor Mitternacht aufhörte, schnell Karriere. Zeitweise waren seine Cartoons in mehr als 100 Zeitungen und Magazinen vertreten. Neben dem Zeichnen schrieb und fotografierte er – Hundeporträts zum Beispiel oder auf beeindruckende Weise das Bahnausbesserungswerk in Hannover-Leinhausen, eine Industrieruine, mit der der Eisenbahnersohn Kindheitserinnerungen verband. Sein Vater, von Beruf Bahninspektor, hatte dort einst sein Büro.

Ans Aufhören dachte Uli Stein nie, obwohl er zuletzt an Parkinson litt. „Ein Künstler“, sagte er vor seinem 70. Geburtstag, „geht nicht in Ruhestand, er stirbt.“ Wie erst jetzt bekanntwurde, starb der Dreiundsiebzigjährige in der Nacht zum vergangenen Samstag in seinem Haus in Hannover.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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