Einstein-Jahr 2005

Alle für einen, aber auch einer für alle?

Von Manfred Lindinger
25.11.2005
, 21:59
2005 im Fokus: Albert Einstein
100 Jahre Relativitätstheorie, 50. Todestag Albert Einsteins: Zwölf Monate lang wird der geniale Physiker in diesem Jahr gefeiert. Ob Gedenken und Würdigung immer angemessen sein werden, muß sich erst noch zeigen.
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Das Jahr 1905 war für einen gewissen jungen Experten dritter Klasse am Patentamt Bern eine ganz wunderbare Zeit - ein "Annus mirabilis" sozusagen. Im Abstand von nur wenigen Wochen verfaßte er seine Doktorarbeit und vier wissenschaftliche Arbeiten, die in den renommierten "Annalen der Physik" erschienen und das physikalische Weltbild der Physik revolutionieren sollten. Seine Tätigkeit im Patentamt ließ ihm genug Zeit für private Studien. Der junge Mann war Albert Einstein und sein Name fast über Nacht in den physikalischen Zirkeln bekannt.

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Denn der 26 Jahre alte Patentangestellte erklärte der Wissenschaftsgemeinde die Existenz der Atome und die Quantennatur des Lichts, entwarf die Spezielle Relativitätstheorie und formulierte die wohl berühmteste Formel der Physik E = M x C⊃2;. Zehn Jahre später, aus Einstein war längst ein angesehener Professor geworden, holte er zu seinem zweiten großen Geniestreich aus, der Allgemeinen Relativitätstheorie, der Theorie von der Schwerkraft. Von da an war die Ikone und der Mythos Einstein endgültig geboren.

Einstein als Ereignis

Das "Annus mirabilis" jährt sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal und zum fünfzigsten Mal auch Einsteins Todestag am 18. April. Die idealen Anlässe also, den genialen Physiker gebührend zu ehren und an sein Lebenswerk zu erinnern. Das hat sich die Unesco wohl gedacht, als sie 2005 zum "World Year of Physics" erklärte, das die Physik-Gesellschaften in aller Welt dazu nutzen werden, für ihre Disziplin kräftig zu werben. Kein Wunder also, daß auch hierzulande das Wissenschaftsjahr 2005 mit seinem reichhaltigen Programm ganz im Zeichen des Physikers und des Menschen Albert Einstein mit seinen vielen Facetten stehen wird. Ob als passionierten Geigenspieler, überzeugten Weltenbürger jüdischer Abstammung oder den engagierten Zionisten sowie überzeugten Pazifisten - kein Wesenszug soll im Einstein-Jahr unbeleuchtet bleiben.

Dazu bieten die Hauptakteure - die Bundesregierung, die Initiative Wissenschaft im Dialog, die Max-Planck-Gesellschaft, die Deutsche Physikalische Gesellschaft, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Haus der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und das Einstein Forum ein entsprechend reichhaltiges Programm. Vier große Ausstellungen, sechs internationale Tagungen, zahlreiche Abendvorträge, Konzerte, Lesungen, Theateraufführungen und Stadtführungen, die feierliche Wiedereröffnung von Einsteins Sommerhaus in Caputh, ein zweiwöchiger Wissenschaftssommer und andere vor allem kulturelle Events sind geplant (www.einsteinjahr.de).

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PR-Maschinerie läuft

Als Hauptveranstaltungsorte hat man Berlin und Potsdam gewählt, wo Einstein zwar nicht in seinem Wunderjahr, aber zumindest von 1914 bis zu seiner Emigration nach Amerika 1933 lebte und wirkte. Insgesamt 13 Millionen Euro hat der Bund den Organisatoren zugesagt - doppelt soviel Geld wie in den Wissenschaftsjahren zuvor. Die gleiche Summe erwartet man noch einmal von den Sponsoren und von der fast täglich wachsenden Zahl von Mitveranstaltern, die manchmal nur wenig mit Einstein zu verbinden scheint.

Ob die ein oder andere Aktivität auch immer in das Programm zum Einstein-Jahr paßt, fragen sich mittlerweile auch Gerd Weiberg - erfahrener Expo-Organisator und bekennender Nichtphysiker - und seine Mitarbeiter vom Einsteinbüro, die alle Aktivitäten koordinieren. Eine namhafte Agentur wirbelt im Hintergrund bereits kräftig die Werbetrommel und will das Einstein-Jahr mit allen Mitteln der PR-Kunst gestalten. So werden Einsteins Zitate öffentliche Gebäude zieren oder auf roten Sauberlaufmatten - nicht zu verwechseln mit Fußabtretern - zu lesen sein, auch eine Lok wird mit einem Spruch Einsteins durch Deutschland fahren.

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Wird's eine Kakophonie?

Einige Forscher befürchten schon, daß bei den vielen Aktivitäten nicht immer die wissenschaftliche Seriosität gewahrt wird, Einstein zu einem Heiligen erhoben wird und der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in dieser Heldenvergötzung zu kurz kommt. Reichlich zur Verwirrung beigetragen hat Forschungsministerin Edelgard Bulmahn, die sich des Begründers der Relativitätstheorie bereits als Werbeträger für ihre Bildungs- und Innovationsoffensive bemächtigt hat. Schließlich habe Albert Einstein einst mit seiner Forschung Grundlagen für bedeutende Innovationen wie den Laser, die Solarzelle oder die Satellitennavigation geschaffen, so ihr Argument. Das ist richtig, nur gerät dabei offenkundig in Vergessenheit, daß es von Einsteins Entdeckungen bis zu den ersten Prototypen oft mehr als ein halbes Jahrhundert gebraucht hat. Offenbar zu langsam für unsere schnelllebige Zeit.

Einstein selbst hätte den ganzen Rummel um seine Person wohl mit der ihm eigenen ironischen Gelassenheit aufgenommen. Schließlich war der große Physiker auf Ehrungen nicht besonders erpicht und kommentierte das Getue um seine Person zu Lebzeiten mit dem Stoßseufzer, jeder Piepser werde bei ihm zum Trompetensolo. Im kommenden Jahr werden zu seinen Ehren ganze Symphonien und Hymnen erschallen. Bleibt nur zu hoffen, daß daraus keine Kakophonie entsteht.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2004
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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