<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>

Lasst hundert neue Kleider blühen

Das Geld der chinesischen Kunden wollte die Modebranche schon immer. Jetzt aber kommen die chinesischen Modeschöpfer. Schreibt die Stilikone Susanna Lau, Britin mit Wurzeln in Hongkong.

11.04.2019
Text: SUSANNA LAU, Übersetzung: DIRK KÖLLING

„Du weißt doch sicher, was in China passiert, oder? Du bist doch Chinesin, stimmt’s?“, fragt mich die neugierige westliche Welt der Mode. Ich bin eine in Großbritannien geborene Chinesin. Ich habe immer hartnäckig darauf bestanden, dass meine Eltern aus Hongkong stammen, einem Gebilde, das sich trotz der Wiedervereinigung im Jahre 1997 deutlich von China unterscheidet. China war mir lange Zeit so fremd wie jede andere Gegend der Welt, die ich noch nicht besucht hatte. Auf den wenigen Reisen, die ich mit meinen Eltern als Kind unternommen habe, wollte ich von einem gewissen Punkt an immer wieder möglichst schnell in die durch und durch kolonialisierte und gepflegte Umgebung von Hongkong zurück. Hätte man mich vor zehn Jahren nach chinesischer Mode gefragt, ich hätte nicht viel dazu sagen können.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren

Vor fünf Jahren nahm ich an einer von Giorgio Armani anlässlich seiner großen Modenschau in Peking veranstalteten Diskussionsrunde teil. Dort bemerkte die Chefredakteurin der „Vogue China“, Angelica Cheung, dass man eigentlich erst seit ein paar Jahren Fortschritte in der chinesischen Modebranche beobachten könne, vor allem bei den jungen Designern. Der Westen kann auf mehr als ein Jahrhundert hochkarätiger Modekultur zurückblicken, China hat, seit den Neunzigern, nur eine sehr kurze Aufholjagd vorzuweisen in dem Bemühen, Modeschöpfer und nicht nur Konsumenten hervorzubringen.

Alle hofften auf einen frischen Wind in der chinesischen Modebranche und warteten gespannt darauf, wer oder was der erste Laufstegerfolg aus China sein würde. Cheung sagte damals auch:


„In den 1980er Jahren gab es die japanischen Designer, die etwas sehr subtil Japanisches entwickelten, aber gleichzeitig sehr international waren.“
SUSANNA LAU

Die gestiegene Aufmerksamkeit der Modebranche für das Reich der Mitte sorgte dafür, dass ich seit 2010 häufiger die Möglichkeit hatte, nach China zu fahren. Etablierte Marken wie Chanel, Louis Vuitton, Tommy Hilfiger und Prada veranstalteten Events und Shows in China. Jede Reise brachte neue Erkenntnisse.

Der Zustand, den die „Vogue“-Chefin Cheung vor fünf Jahren beschrieben hat, ist inzwischen überholt: Gerade nach meinen jüngsten Besuchen bei der Shanghai Fashion Week kann ich konstatieren, dass es mittlerweile eine funktionierende hochklassige Modebranche gibt. Die generellen Bemühungen, mit denen das Image Chinas von der „Fabrik der Welt“ hin zu „Erfinder der Welt“ verändert werden soll, zahlen sich in der Modeindustrie aus: Die ist dynamisch, bringt laufend neue Designer und kreative Köpfe hervor, die international Einfluss haben und idiosynkratische Mode schaffen.

Chinas Konsumenten verfügen über eine enorme Kaufkraft, mit der sie nicht mehr nur blind erwerben, was ihnen gerade angeboten wird. Sie sind klüger, anspruchsvoller und besser ausgebildet als je zuvor, dank der vielen neuen Möglichkeiten, sich über Mode informieren und inspirieren zu lassen. Und dieser Wandel geht weiter. Im Mai gibt es die nächste Shanghai Fashion Week – und die Achse der Mode wird sich wieder etwas weiter nach Osten verlagern.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Interesse der Außenwelt an China stark gewachsen; speziell die Modebranche mit ihren wichtigsten Marken zog vor rund zehn Jahren in den Fernen Osten, um China „zu knacken“ und die Welt des Konsums zu kolonialisieren. China hat dieser „Invasion“ natürlich zugestimmt. Es ist der weltweit größte Markt für Luxusgüter – knapp ein Drittel des Weltmarkts ist chinesisch. Im Jahr 2025, so gehen Schätzungen, wird man in China 150 Milliarden Dollar für Luxusautos, Hotels, Weine und Mode ausgeben.


„Die Herausforderung für junge Designer in China besteht darin, internationale Aspekte und ihre chinesischen Wurzeln miteinander zu verbinden.“
SUSANNA LAU

Mit der Kaufkraft ist aber auch das Bedürfnis nach einheimischer Mode gewachsen. Die Zeit ist vorbei, in der die Szene durch einsame Pioniere geprägt wurde, wie das Mitte der neunziger Jahre zum Beispiel mit der Modedesignerin Ma Ke der Fall war – heute gibt es einen großen Pool an herausragenden Talenten. Dies ist auch das Ergebnis der chinesischen Ein-Kind-Politik (von 1979 bis 2015), die den Millennials der Mittelklasse und der Generation Z (den nach 2000 Geborenen) eine erstklassige Modeausbildung an den besten Modeschulen im Ausland – wie dem Central Saint Martins College, dem Royal College of Fashion oder der Parsons School of Design, um nur einige zu nennen – ermöglichte.

Diese Kinder haben weder das kommunistische China unter Mao erlebt noch den rasenden Fortschritt, der die Volksrepublik in den Achtzigern und Neunzigern zu dem erfolgreichen Produktionsstandort werden ließ, der sie heute ist. Dies ist eine neue Generation, die regelmäßig um die Welt reist, soziale Medien und das Internet ungefiltert mittels diverser Apps durchforstet (um Chinas berüchtigte Firewall zu umgehen) und einen Beruf im kreativen Bereich nicht als einen fernen Traum, sondern als greifbare Realität betrachtet.

Sie reisen viel, sie tauschen sich aus, so mehren sie ihr Wissen und verfeinern ihren Geschmack. Und die Kreativität zu Hause kommt in Schwung.

Designer, die früher den Verweis auf ihre chinesischen Wurzeln vermieden haben, zeigen jetzt wieder Interesse an einer von Chinesen selbst formulierten Chinoiserie. Sie beeindrucken mit sorgfältiger Verarbeitung, die sie mit modernster Technik erreichen.

Veränderung. Das Wort höre ich von ortsansässigen Chinesen aus der Kreativindustrie während meiner häufigen Reisen zur Fashion Week nach Schanghai immer wieder. Diese Stadt verändert sich schnell und dramatisch. Glänzende neue Verkaufsgalerien und Ladenkomplexe tauchen innerhalb von Monaten aus dem Nichts auf. Neue Geschäfte und angesagte Restaurants eröffnen so häufig wie in New York oder London, vielleicht sogar häufiger. Die Digitalisierung springt einem überall ins Gesicht, die einheimischen Tech-Plattformen orientieren sich an ihren westlichen Pendants und fügen noch eine Vielzahl von Funktionen und Features hinzu. Didi Chuxing etwa ist eine Art Uber auf Crack mit einer Unmenge verschiedener Autos, die innerhalb von Minuten verfügbar sind. WeChat ist das wichtigste Organisationsmittel im täglichen Leben und gleichzeitig Kommunikationsvehikel, Zahlungsmittel, Nachrichtenquelle, Handelsplattform und Universalmedium. Wer im Coffee Shop mit Bargeld bezahlen will, wird mit einem seltsamen Blick gemustert, der Unverständnis darüber ausdrückt, warum man kein WeChat oder Alipay auf dem Telefon hat.

Das hat auch Auswirkungen auf Chinas Influencer, die KOL’s (Key Opinion Leaders), wie sie hier genannt werden. Sie sind so produktiv und vielseitig, dass sie nicht einfach – wie in Europa oder den Vereinigten Staaten – unter dem großen Oberbegriff „Influencer“ zusammengefasst werden. Es gibt etwa Wanghongs (locker übersetzt: „Online-Promis“), aufstrebende junge Frauen mit dem richtigen Aussehen, die Produkte in großen Mengen ans Publikum verkaufen und häufig aus den Influencer-Akademien kommen, die überall in China entstehen. Traditionell aufgezeichnete Vlogs werden jetzt durch Live-Video-Blogging von Plattformen wie Xiandanjia und Yingke ersetzt, die interaktive Übertragungen ermöglichen (dabei zahlt das Publikum für die Interaktion mit dem bevorzugten Vlogger). Diese Vlogger sitzen bei den Shows der Shanghai Fashion Week in der ersten Reihe, kommentieren live und befragen die Zuschauer. Im Westen dauerte es mehr als ein Jahrzehnt, bis sich das Mode-Establishment digitale Medien zunutze machte; in China scheint das deutlich schneller und zielstrebiger zu passieren. Die Botschaft ist klar: Das ist der neue Weg zum Fortschritt.

Aber auch wenn E-Commerce-Giganten wie Tmall und Taobao ein größeres Publikum mit chinesischer Mode versorgen, spielen Geschäfte in den Innenstädten mit ihrem direkten Kontakt zu Käufern immer noch eine große Rolle. Maßstäbe in Sachen Präsentation junger chinesischer Mode setzt Labelhood, früher bekannt als Dongliang, gegründet von Tasha Liu, Lang Nan und Charles Wang. In seiner jetzigen Form ist Labelhood ein fester Bestandteil der Shanghai Fashion Week und bietet der aktuellen Generation junger Designer mit halbjährlich stattfindenden Präsentationen und Modenschauen die Möglichkeit, ihre besten Kreationen vorzuführen. Die Teilnahmegebühr ist so gering, dass sich selbst Designer, die am Anfang ihrer Karriere stehen, hier eine Show leisten können. Zugang haben nicht nur traditionelle Medien und Fachbesucher – auch die Öffentlichkeit darf kommen. Hier begegnet man der wirklichen Avantgarde des chinesischen Street Style, die ihre Liebe zu lokalen Marken offen zeigt und selbst trägt, was Labelhood vor Ort verkauft.

In den kosmopolitischen Hot Spots im Französischen Viertel von Schanghai findet man modebewusste Menschen, die sich beim neuesten Track von Disclosure oder Jamie XX in einer Mischung aus Mandarin, Kantonesisch und Englisch unterhalten. Das sind diejenigen, die aus dem Ausland zurückgekommen sind, um es hier zu versuchen. Einige mögen ihre Arbeiten während der traditionellen Pret-à-porter-Saison in London, Paris, Mailand oder New York zeigen, um international beachtet zu werden – aber China ist für sie der beste Ort fürs Geschäft. Es sind Designer, die vielleicht in Chengdu, Shenzhen oder Xiamen an der Produktion arbeiten, dann aber für die Schauen in die Vereinigten Staaten oder nach Europa reisen. Sie sind gleichzeitig global und lokal.

Rihanna mit Cape, 2015 Foto: AFP

Modemacher, die früher den offensichtlichen Verweis auf die eigenen Wurzeln gemieden haben, zeigen jetzt wieder Interesse an einer von Chinesen selbst formulierten Chinoiserie, als Gegensatz zu einem idealisierten Designkonzept, das sich der Westen ausgedacht hat – und das zum Beispiel im Jahr 2015, bei der erfolgreichen Ausstellung „China: Through the Looking Glass“ im New Yorker Metropolitan Museum, nur zu deutlich zu sehen war. Mit Ausnahme der Couturière Guo Pei aus Peking, deren langes, gelb besticktes Cape für Rihanna ihre Marke international bekannt machte, waren alle, wirklich alle Designer, die in der Ausstellung vorgestellt wurden, Nichtchinesen. Würde diese Ausstellung heute auf Tour gehen, könnte man problemlos chinesische Namen hinzufügen.

Samuel Guì Yang, ein Designer, der in London lebt und am Central Saint Martins College studiert hat, hat wiederholt seine Arbeiten im Rahmen von Labelhood auf der Shanghai Fashion Week präsentiert. Seine Sommerkollektion 2019 bestand aus einer meditativen Zusammenstellung zeitgenössischer Kleider mit Qipao-Kragen, aus Schnitten, die vom Stil der 1940er Jahre inspiriert waren, und einem handwerklichen Gespür, das die traditionellen chinesischen Silhouetten wieder modern erscheinen ließ. Mit einem Soundtrack, der auch Anita Mui, die früher als die „Madonna des Ostens“ bezeichnet wurde, spielt, schließt sich Yang mit dem Gefühl einer Generation kurz, die sich von Nostalgie angezogen fühlt und keine Angst davor hat, die Vergangenheit in einen neuen, gegenwartsbezogenen Kontext zu setzen.

Liushu Lei und Yutong Jiang, beide Absolventen des London College of Fashion, haben ihre Marke Shushu/Tong erst 2015 gegründet, sind aber schnell zu den Lieblingen der Shanghai Fashion Week aufgestiegen. Ihre Arbeit ist inspiriert von alten chinesischen Uniformen und chinesischer Erotik und bringt eine ganz eigene Art kantiger, femininer, mit subversiven Bögen, Rüschen und Cut-outs verzierter Kleidung hervor. Nachdem sie ihre Arbeiten einige Jahre bei Labelhood gezeigt hatten, sind sie jetzt auf der Hauptbühne der Shanghai Fashion Week in Xintiandi angekommen. Es ist beeindruckend, wie Shushu/Tong trotz der erfolgreichen Zusammenarbeit mit der avantgardistischen englischen Handelskette Dover Street Market nach wie vor an der Basis in Schanghai festhalten und gleichzeitig internationale Präsenz aufbauen.

Foto: EPA
Foto: EPA
Foto: EPA
Herbst/Winter Kollektion der Designer Liushu Lei und Yutong Jiang für das Label Shushu/Tong, März 2019

Xu Zhi ist einer der herausragenden Designer, die in London ihre Kollektionen zeigen und dann nach Schanghai zurückkehren, um die heimischen Kunden zu treffen und Veranstaltungen fürs heimische Publikum zu organisieren. Betrachtet man die Kleidung dieser jungen Designer, beeindruckt die sorgfältige Verarbeitung, die sie mit ausgefeilten modernen Techniken erreichen. Made in China ist längst nicht mehr gleichbedeutend mit geringer Qualität oder niedrigem Preis; selbst amerikanische und europäische Designermarken lassen dort produzieren. Beim letzten Finale des internationalen Woolmark Prize in London präsentierte die Strickwarenmarke i-am-chen eine Möglichkeit, mit Strickmaschinen mittels pastellfarbener Garne abwaschbare, supermodische Strickwaren mit Musterstrukturen herzustellen. Die Designerin Zhi Chen arbeitet mit Spezialfabriken zusammen und schreibt Programme für extrem abstrakte Strickmuster, die die Grenzen des Maschinenstrickens neu definieren.

Ximon Lee, Xander Zhou, Pronounce, Chen Peng und Feng Chen Wang sind mittlerweile etablierte Namen auf den Schauen der Männermode in London oder in New York. Die Liste kann beliebig verlängert werden. Deshalb hat die angesehene Website Business of Fashion einen Preis – ähnlich dem LVMH-Preis – mit einem Preisgeld in Höhe von 100.000 Dollar ausgerufen, der sich nur an junge Designer aus China oder Hongkong richtet. Der Gewinner wird dieses Jahr während der Shanghai Fashion Week ermittelt.

Früher wirkten die Modenschauen in Schanghai oder während der China Fashion Week in Peking eher wie künstlerische Inszenierungen, deren Mode die eigentlichen Kunden kaum erreichte. Der Dialog zwischen der Branche und den potentiellen Konsumenten hat sich seither dramatisch verändert.

Foto: Reuters
Foto: Reuters
Foto: EPA
Mode von Xander Zhou, London Fashion Week, Januar 2019

Für die Mode-Ikone und Beraterin Leaf Greener etwa, die regelmäßig von den Streetstyle-Fotografen am Rande der Schauen abgelichtet wird, ist es wichtig, ihren Followern zu zeigen, was ihr Land zu bieten hat. Greener trägt chinesische Designer wie Ryan Lo und Xu Zhi, manchmal auch gewagtere Teile, die sie in den traditionellen Trachten der Miao findet, eines indigenen Volks aus den südlichen Bergen Chinas, für das sie eine Leidenschaft hegt. Ihre Botschaft: Es ist cool, mit den eigenen Ressourcen zu arbeiten und die heimische Produktion zu unterstützen. Früher war Greener eine Ausnahme, heute ist sie Teil einer immer aufgeklärteren und selbstbewussteren chinesischen Modeszene, die in den vielen neuen Boutiquen des Landes nach genau solchen Entdeckungen sucht.

Der große Einfluss der sozialen Medien in China ist unübersehbar. Sowohl Weibo als auch WeChat ermöglichen häufig schonungslose Unterhaltungen, trotz der Überwachung durch die chinesische Regierung. Die Modekommentare können, verglichen mit denen im Westen, außerordentlich scharf und kritisch sein. Während der kurzen Zeit, in der ich bei Weibo aktiv war, war ich überrascht, wie kenntnisreich und detailliert die Leser meine Beiträge kommentiert haben. An dieser Art von Dialog erkennt man, dass Chinas Jugendliche nicht bloß eine eindimensionale Masse sind, die Logos und It-Bags hinterherläuft, sondern mit großer Leidenschaft als Modeliebhaber versuchen, ihren ganz individuellen Geschmack zu kultivieren.

Die Botschaft ist: Es ist cool, mit eigenen Ressourcen zu arbeiten und die heimische Produktion zu unterstützen. Chinas Jugendliche versuchen, ihren ganz individuellen Geschmack zu kultivieren.

Vor ein paar Monaten sahen sich westliche Modegiganten im Internet harter Kritik durch die chinesische Öffentlichkeit ausgesetzt. Grund war eine Werbekampagne von Dolce & Gabbana, in der ein chinesisches Model gezeigt wurde, das Spaghetti mit Stäbchen aß. Auf die massenhafte Kritik reagierte Stefano Gabbana mit einem Post, dessen Botschaft sich so zusammenfassen lässt: China sei nichts als ein Hundehaufen, und er könne auch weiterhin gut ohne Chinesen leben. Dass er später sagte, sein Account sei gehackt worden, dass er die Chinesen um Entschuldigung bat: Das nutzte ihm nichts. Eine lange geplante Modenschau in der Volksrepublik musste abgesagt werden, in den sozialen Medien beklagten sich ungezählte chinesische Kunden. Wenn es um ihr schwer verdientes Geld geht, lassen sich die Chinesen weder bevormunden noch von oben herab behandeln. Das Geschäft für Dolce & Gabbana in China ist faktisch immer noch auf Eis gelegt; man wird sehen, ob die Marke das Vertrauen ihrer chinesischen Kunden zurückerobern kann.

Der Aufstieg „normaler“ chinesischer Vlogger wie Papi Jiang, die eine bodenständige, unverfälschte Stimme in die sozialen Medien bringen, deutet in jüngster Zeit auch auf eine Veränderung in der chinesischen Psyche hin. Jiang macht sich lustig über Frauen, die exzessiv einkaufen, und angesichts der Abschwächung der Wirtschaft könnte dies einer bewussteren Haltung gegenüber Mode und Konsum den Weg bereiten. Für junge chinesische Modedesigner, die in einer Umgebung auf sich aufmerksam machen wollen, in der bisher meist Luxusmarken dominieren, könnte dies ein Segen sein.

Die Mode-Achse hat sich noch nicht vollständig verschoben. Das Auftauchen chinesischer Modedesigner auf der großen internationalen Bühne ist immer noch nur eine Zwischenstufe. Einen speziellen Moment, der sich so zukunftsträchtig anfühlt wie etwa der, als Virgil Abloh erster schwarzer Kreativdirektor bei einem großen Modehaus – Louis Vuitton – wurde, gab es noch nicht. Aber ein echter Made-in-China-Designer an der Spitze eines der großen Häuser könnte sehr wohl der Augenblick sein, der die obersten Etagen der Industrie aufhorchen lässt. Im Moment gilt das Hauptinteresse der großen Konzerne noch der Kaufkraft Chinas, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Interesse auf die chinesischen Kreativen verlagern wird. Die Frage ist nicht, ob, sondern wann dieser große Moment kommt.


Nächstes Kapitel:

Made in Asia


Made in Asia

Der Ferne Osten ist groß – und die Asiaten gibt es eigentlich gar nicht: weil die Menschen asiatischer Herkunft ihre Traditionen und ihr Erbe lieber als indisch, chinesisch, koreanisch verstehen. Wir stellen hier zehn Menschen vor, die mit diesem kulturellen Erbe die Zukunft der Mode schaffen.

Text und Auswahl: NAOMI BECHERT, ALEX BOHN

PRIYA AHLUWALIA (25), LONDON

Mehr Lesen
In ihrer kulturellen Heimat Indien und Nigeria sind die Folgen der Fast Fashion besonders sichtbar – die gebrauchten Textilien häufen sich tonnenweise. Ahluwalia verarbeitet sie neu und experimentiert mit technologischen Innovationen aus Asien wie funktionalen Hanffasern und philippinischem Ananasleder.
Foto: Henry Gorse

MOOHONG KIM, SEOUL

Mehr Lesen
Er ist kein typischer Modemacher: Mit einem Doktor in Politik sieht sich MOOHONG Kim nicht nur als Label, sondern als „globales ideologisches Projekt“, mit dem er Kritik an gewaltreichen Systemen in unkonventionelle, dekonstruierte Silhouetten übersetzt.
Foto: Hasisi Park

ALEXANDER BALAKRISHNAN (19), NEU-DELHI

Mehr Lesen
Weil Homosexualität in Indien trotz der Legalisierung von gleichgeschlechtlichem Sex im vergangenen Jahr nicht akzeptiert ist, setzt sich Balakrishnan als Social-Media-Aktivist für sexuelle Minderheiten in Südostasien ein. Als Model schätzt er, dass in der indischen Modeindustrie vielfältigere Schönheitsideale gelten als in Europa.
Foto: Bharat Sikka

MAIKO KUROGOUCHI (33), TOKIO

Mehr Lesen
Der Markenname Mame Kurogouchi stammt vom Spitznamen der Designerin – Mame ist japanisch für Bohne. In ihrem Tagebuch sammelt sie Ideen zu Traditionen und fertigt daraus verträumte Mode mit neuer Technik. Ihre PVC-Handtaschen etwa werden mit Lasercut-Technologie in einer Fabrik für Rettungsringe gefertigt.
Foto: Motohiko Hasui

AMESH WIJESEKERA (25), COLOMBO/LONDON

Mehr Lesen
Mit traditionellen Strick- und Webtechniken aus Sri Lanka und digitalen Printverfahren stellt Wijesekera intensive Farb- verläufe her. Seine Unisex-Mode richtet sich nach den Jahreszeiten seiner Heimat Sri Lanka – Resortwear für den ewigen Sommer.
Foto: Hanifah Mohammad

RUCHIKA SACHDEVA (30), NEU-DELHI

Mehr Lesen
Die bewusste Beschränkung auf eine minimalistische Farbpalette und geradlinige Formen zeichnet die Marke Bodice aus. Mühelos verbindet die Designerin traditionelles Handwerk wie die Kantha-Stickerei mit neuen Funktionen, wie Mode, die UV-Licht filtert und Bakterien abwehrt. Sie ist eine Preisträgerin des renommierten Woolmark-Prize.
Foto: Bharat Sikka

XIAO LI (30), LONDON

Mehr Lesen
In der Architektur ihrer chinesischen Heimatstadt Qingdao spiegeln sich westliche und fernöstliche Einflüsse. Das inspiriert die Designerin zu experimenteller Strickarbeit, die für den LVMH-Preis nominiert ist. Mit ihren Kreationen hat sie den Begriff „Marshmallow Chic“ geprägt: Es sind bonbonfarbene, skulpturale Objekte, die Mode nicht zu ernst nehmen.
Foto: Michael Hemy

ANGEL CHEN (26), SCHANGHAI

Mehr Lesen
Chen beobachtet ein Umdenken in der Wirtschaft Chinas – die frühere Skepsis gegenüber der aufstrebenden Modebranche weicht Unterstützung. Die Designerin verbindet historische und kulturelle Referenzen mit Punk-Ästhetik und landete damit 2016 in der „Forbes“-Liste „30 under 30“.
Foto: Tang Ting

JINWOO CHOI (39), SEOUL

Mehr Lesen
Mit der Präzision, mit der traditionell Maßanzüge gefertigt werden, arbeitet der Koreaner Jinwoo Choi auch für die Streetwear des Labels J Koo. Seine Partnerin Yeonjoo Koo musste sich während des Fototermins um den Umzug in ein größeres Atelier kümmern. Das internationale Interesse an ihrem Label wächst gerade stark.
Foto: Cho gi Seok

XANDER ZHOU (36), PEKING

Mehr Lesen
Konfrontiert mit dem starren europäischen Mode-Establishment entschied sich Zhou nach dem Studium für Peking. Mit dem Vermerk „Made on Another Planet“ auf seinen Labels hinterfragt er subversiv das Image Chinas als Gegenentwurf zu westlichen Gesellschaften.
Foto: Zeng Wu

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Lesen Sie diesen und weitere, spannende Artikel in der aktuellen Ausgabe der „F.A.Q. – Frankfurter Allgemeine Quarterly“.
Abonnieren Sie die Print-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeine Quarterly“ hier: fazquarterly.de
Lesen Sie die „Quarterly“ lieber digital? Hier finden Sie alle bisher erschienenen Ausgaben der F.A.Q. als PDF: e-kiosk.faz.net
Möchten Sie wissen, wie es hinter den Kulissen der „Quarterly“ aussieht? Für Neuigkeiten aus der Redaktion, „Behind the scenes“-Videos von unseren Shootings und Hintergrund-Informationen zur neuen Ausgabe folgen Sie uns einfach auf:
Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly