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„Gott hat mir eine Aufgabe gegeben“

James Ellroy seziert unerbittlich die dunklen Seiten Amerikas. So wurde er der beste Krimi-Autor der Welt.

03.05.2018
Text: ANNE PHILIPPI
Fotos: BENJAMIN RASMUSSEN

Die große Kunst des James Ellroy besteht aus so einer klugen, raffinierten und unwiderstehlichen Verquickung von echten Ereignissen, lebenden Personen und nachprüfbaren Fakten mit fiktionalen Protagonisten, intelligenten Spekulationen und möglich erscheinenden Behauptungen, dass daraus ein höchst faszinierendes, verwirrend realistisch wirkendes Panorama der jüngeren amerikanischen Geschichte entsteht: brutal, korrupt, hoffnungslos. So wühlt er sich etwa mit seinem L.A.-Quartett, bestehend aus „Die schwarze Dahlie“, „Blutschatten“, „L. A. Confidential“ und „White Jazz“, durch die Abgründe der vierziger und fünfziger Jahre, so entwirft er in seiner „Underworld-Trilogie“ mit den Teilen „Ein amerikanischer Thriller“, „Ein amerikanischer Albtraum“ und „Blut will fließen“ eine tiefschwarze Antithese der sechziger und siebziger Jahre zum amerikanischen Traum. Seine Literatur macht nervös, sie wirkt immer „überkoffeiniert“, wie es mal hieß. Ellroy, der gerade 70 geworden ist, folgt keiner Schule. Er ist ein Autorenmonolith. Bis heute.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Die lange Affäre zwischen Los Angeles und James Ellroy ist vorbei. „Ich ziehe dort nie mehr hin. Ich wollte wieder mit meiner Exfrau zusammen sein. Sie lebt in Colorado und sagte, James, du musst herziehen. Ich sagte, you got it“, erzählt der Autor und klingt so gut drauf wie nie. Wer glaubt, das hätte mit dem phantastischen Bergklima und ein paar Gipfeln vor seiner Nase zu tun, täuscht sich. „Ich schaue nicht auf die Berge. Ich habe kein Fenster in meinem Schreibzimmer.“ Wie könne man bloß auf so einen Unsinn kommen. Die Sache sei einfach. Er habe einen „Job“, noch präziser: eine von Gott gegebene Lebensaufgabe, ähnlich übrigens wie Beethoven, wie er betont. Diese sei, Leser auf die „verdeckte menschliche Infrastruktur während wichtiger geschichtlicher Ereignisse hinzuweisen“.

James Ellroy gehört zu den wenigen, die solche Dinge sagen dürfen. Sein Grunzen nach so einem Satz, die Abwesenheit bürgerlicher Verzückung über die Bedeutung der eigenen Arbeit in der sogenannten Kultur macht ihn zu einer einzigartigen Figur in der amerikanischen Literatur: ein Mann ohne falsche Selbstliebe, also kein Narzisst. Ein Mann, der überlebt hat, ab einem bestimmten Zeitpunkt eben mit Worten. Jemand, der keine Philosophiebücher angefasst hat. „Nietzsche? Nie gelesen.“ Jemand, der mit drei Jahren Abenteuerbücher las und später hartes Krimizeug. Ellroy will die Welt nicht erklären, er will sie beschreiben; im Grunde schreibt er eine Gegengeschichte des zwanzigsten, des amerikanischen Jahrhunderts. So wie in „L. A. Confidential“, dem Buch über die Verbrechen des Los Angeles Police Department. Gleichzeitig verehrt Ellroy die Polizei. Er hielt auf LAPD-Festen Reden, in seinem alten Arbeitszimmer in L. A. hing Polizeinippes an den Wänden, Orden, Urkunden. Der typische Ellroy-Widerspruch. Er hasst und liebt dieselben Dinge mit gleicher Intensität. Das muss man auch erst einmal aushalten können.

James Ellroy in Denver. Wegen seiner Exfrau ist er von L.A., wo viele seiner Bücher spielen, in den Bundesstaat Colorado gezogen.

Ellroy schreibt über Los Angeles, über dessen dunkle Irrationalität und glänzende Härte. Er schreibt über die drastischsten Morde, die schönsten, unberechenbarsten Frauen, die heftigsten Verbrechen. Es geht immer um Superlative. Während einer Ellroy-Lektüre hat man das Gefühl, man sitze direkt im Schmerzzentrum des Autors. Ironie und Verfeinerung kennt er nicht. Dafür Energie und den Effekt eines rücksichtslos beschriebenen Traumas.

Man muss sich die Herstellung dieser Ellroy-Welt so vorstellen: Der Mann steht um vier Uhr morgens auf, schreibt bis acht Uhr. Dann folgt ein kurzes Schläfchen. Dann wieder schreiben, acht Stunden. Ellroy trinkt dabei ununterbrochen Kaffee, isst Haferflocken, steigt zwischendurch aufs Laufband. Störungen in dieser Schreibphase sind zu vermeiden. „Es ist, als wäre ich ein Tier im Zoo hinter Gittern. Zur Pause kommt jemand und wirft ein Fleischstück hinein“, sagt er und knurrt, wie man sich das bei einem unterfütterten Tiger vorstellt.


„Ich bin jung. Meine Energie verschwindet nicht. Ich werde mindestens noch sechs Romane schreiben“
MAX MUSTERMENSCH

Vor sechs Jahren bei einem Hausbesuch in Los Angeles wirkte Ellroy nicht besonders tigerartig. Als er die Tür öffnete, dachte man an einen dieser alten Lateinlehrer, den die Schüler bis ins Mark fürchten. In Ellroys staubfreiem, abgedunkeltem Apartment hingen Tatortfotos in Schwarzweiß, die Wände hatte er in Ochsenblutrot gehalten. Als der Fotograf ihm damals vorschlug, er solle sich in seiner Badewanne fotografieren lassen, bekam er fast einen Tobsuchtsanfall. Mit Ellroy hätte man sich nicht anlegen wollen. Sein Gym-Körper spannte sein kurzärmeliges Hemd. Erst später, sozusagen in Therapieposition auf der Couch, begann er, ohne jede Zickigkeit oder Vorsicht zu erzählen. Trotzdem wirkte er stets so, als ob man ihn nicht aus seinem vorsichtig herbeigeführten Gleichgewicht bringen dürfe. Nicht wie ein alter Mann. Eher wie eine vergessene Bombe aus dem letzten Krieg, bei der man nicht weiß, wo und wann sie explodiert. Am 4. März wurde Ellroy 70 Jahre alt, klingt aber mehr denn je wie jemand, der morgen 38 wird. „Ich bin jung. Meine Energie verschwindet nicht. Ich werde mindestens noch sechs Romane schreiben“, kündigt Ellroy an, und man hat das Gefühl, sein Energielevel hat mit Exfrau Helen Knode und mit dem Berghaus in Colorado zu tun. Für seinen Verlag ist der Geburtstag Anlass, noch einmal sein L. A.-Quartett rauszubringen, außerdem „Die Rothaarige“, Originaltitel „My Dark Places“. Das Buch, ohne das man James Ellroy nie verstehen wird. Es geht um Ellroys Erinnerungen und die Untersuchungen des Los Angeles Police Department in Sachen Mord an Ellroys Mutter, als dieser zehn Jahre alt war. Das Verbrechen hat Ellroys Besessenheit für dunkle Seiten geprägt, für Einblicke in Gedanken, die man sich nicht unbedingt wünscht. Todesphantasien, Mordgelüste, harte Gewalt, die Besessenheit von Verbrechen in seinen Romanen, all das stammt aus der Psyche des Zehnjährigen, der von der Polizei nach dem Mord in der Nachbarsgarage als ein etwas trauriger, aber aufgeweckter Junge fotografiert wurde und so in der Zeitung auftauchte.

Ellroy liebte seine Mutter nicht. Er hasste ihre fehlende Selbstliebe, hegte nach ihrem Tod aber, laut eigenen Aussagen, ödipale Phantasien für Frauen mit heller Haut und roten Haaren. „Dein Tod dominiert mein Leben“ heißt es im Vorwort von „Die Rothaarige“. Mit klinischem Blick schaut Ellroy auf seine Eltern. Sie seien ein großartig aussehendes Paar gewesen, aber ein bisschen billig. Wie Robert Mitchum und Jane Russell in „Macao“. Nach der kurzen Ehe musste Ellroy in den „White Trash Heaven“ El Monte ziehen. Seine Mutter hatte ihn gefragt, ob er bei ihr oder dem Vater leben wolle, und als er den Vater wählte, gab die Mutter dem Sohn eine so heftige Ohrfeige, dass sich Ellroy am Glastisch verletzte. Daraufhin nannte Ellroy die Mutter eine Hure und Alkoholikerin – und wünschte ihr den Tod. Drei Monate später ging sein Wunsch gewissermaßen in Erfüllung. Ein unbekannter Killer ermordete sie und besorgte ihm ein „brandneues, schönes Leben“.

Von diesem Moment an lief Ellroy mit einem riesigen Schuldpaket durchs Leben. Als er 17 Jahre alt war, starb auch noch sein Vater, Ellroy taumelte an den Rand mehrerer Nervenzusammenbrüche. Er verbrachte ein ganzes Jahrzehnt mit Scotch-Flaschen und dem Wachmacher und Appetitunterdrücker Benzedrex. Er fuhr betrunken Auto, stahl Essen in Supermärkten, brach in Häuser ein, in denen er jedoch „nur kurz ausruhte“. Ellroy lebte in ständiger Angst, seinen eigenen Namen zu vergessen. Also schrieb er ihn auf die Wand hinter seinem Bett. Und den Satz: „Ich werde nicht verrückt.“ Nach einem Gefängnisaufenthalt hörte Ellroy auf mit dem Trinken, begann als Golf-Caddie zu arbeiten und zu schreiben. Bis zu seinem fünften Buch blieb Ellroy jeden Tag bis um zwei auf dem Golfplatz und verlegte sein Suchtpotential auf Frauenphantasien, „crushes“ nannte er seine Droge. Solche, die seiner Mutter ähnelten. Doch damit ist Ellroy, dessen Leben so lange vom Mord an seiner Mutter geprägt wurde, durch, behauptet er. „Mir ist unfassbar egal, dass 'My Dark Places' heute wieder erscheint. Meine Mutter ist tot. Die Fahndungen sind abgeschlossen. Auf Wiedersehen!“ Die letzten beiden Worte sagt er tatsächlich auf Deutsch. Den Abschied meint er ernst, er sagt: „Zeit für mein zweites Leben. Zeit für meinen neuen großen Roman nach ,Perfidia'!“


„Ich fasse keinen Computer an, ich tippe in kein Telefon, ich weiß nicht mal, wie man tippt. Ich schreibe mit der Hand extrem genau. Meine Hand ist mit meiner Seele verbunden“
MAX MUSTERMENSCH

Als Nächstes erscheint „This Storm“. Darin geht es um die US-Armee in Mexiko in den Jahren 1941 und 1942. Viele Charaktere aus seinem letzten großen Roman „Perfidia“ tauchen wieder auf. Es geht um große Lieben, große Verbrechen, große Tragödien, es geht um die Erweiterung des Opus Ellroy. Und wer ihm richtig schmeicheln will, kann ihm zum Beispiel sagen, dass seine schöpferische Kraft an Beethoven, seinen „Ersatzonkel“, wie Ellroy sagt, erinnert. Sofort steigt seine Laune spürbar.

„Ich winke Ludwig jeden Tag zu. Sein Bild hängt an meiner Wand. Er ist der größte Künstler, der je gelebt hat. Er war schlampig, witzig und hatte großen Mut. Er konnte in die Zukunft sehen. Er war laut und kraftvoll“, schwärmt Ellroy, der nach dem „Beethoven-Gesetz“ lebt. Wie heißt das? „Schicksal, ich pack dich an der Gurgel.“ Teil des Beethoven-Gesetzes ist für Ellroy außerdem die Ablehnung jeder Form von Technologie. „Ich fasse keinen Computer an, ich tippe in kein Telefon, ich weiß nicht mal, wie man tippt. Ich schreibe mit der Hand extrem genau. Meine Hand ist mit meiner Seele verbunden“, sagt Ellroy, genau das sei seine Stütze, wenn es um seine großen Lebensziele geht. „Riesengroße Bücher schreiben. Große Liebesgeschichten. Und Auftritte. Gern auf Lesungen. Ich komme auch zu Ihnen in Ihr Land und schaue mir an, was am Flughafen Tempelhof so los ist!“, sagt der Autor, und man weiß nicht genau, welches Jahrzehnt Ellroy am ehemaligen Berliner Flughafen Tempelhof genau interessiert. Seit neuestem aber seien er und Helen große Fans der Serie „Deutschland 83“. „Sagen Sie mir, dass es weitergeht! Bitte!“

Harte Erfahrungen: Seine Mutter wurde ermordet, er stürzte ab, das Schreiben rettete Ellroy.

Man darf sich Ellroy niemals als politischen Kommentator der Gegenwart vorstellen. Nicht als Schriftsteller, der zu allem und jedem eine Meinung hat. Er erzählt Politik anders, etwa wie in „Perfidia“. Es ist der Vorabend des Angriffs der Japaner auf Pearl Harbor. Amerika steht kurz vor dem Kriegseintritt. In Los Angeles wird eine japanische Familie tot aufgefunden. Niemand kennt die Hintergründe. Die Hauptfiguren Hideo Ashida, ein japanischer LAPD-Forensiker, Kay Lake, eine erlebnishungrige Frau, William H. Parker, ein Cop mit Alkoholproblem, und Dudley Smith, ein böser, hintertriebener irischer Polizist, treffen während der Ermittlungen aufeinander. Morgen könnten alle schon tot sein wegen Pearl Harbor. Doch dann geht „Perfidia“ erst los. So, wenn überhaupt, erzählt Ellroy Politik. Direkte Fragen zur Gegenwart prallen an ihm ab. „Ihnen wurde ja vor dem Interview gesagt, dass ich keine Fragen über Politik und Amerika beantworte.“ Auf das Wort „Trump“ reagiert Ellroy nicht. Auf das Wort „Präsident“ auch nicht. Die Antwort ist das übliche Ellroy-Grunzen. „Ich folge der Welt nicht. Mich interessiert Authentizität nicht. Ich lebe im Jahr 1942. Ich lebe in einer Blase. Oder in einem Käfig, zu dem der Zoowärter kommt, um den Tiger zu füttern“, sagt Ellroy.

James Ellroy schwärmt von Beethoven, der sei so laut und kraftvoll gewesen, der größte Künstler, der je gelebt habe. Er folgt dem „Beethoven-Gesetz“. Wie lautet das? „Schicksal, ich pack dich an der Gurgel!“

Ellroys Grundlage für jedes Buch, für jedes seiner Dramen ist jedoch nicht das Jahr 1942 oder Historienstoff. Es ist wieder eine Frau. „Als ich acht Jahre alt war, sah ich im 'Life'-Magazin ein Foto von einer Frau, die sich eine Parade auf dem Wilshire-Boulevard zum Kriegsende anschaute. Ich kenne die Frau nicht, sie war anonym, aber ich denke jeden Tag an sie. Ich glaube, das war der Moment, der mich süchtig machte, über Geschichte zu schreiben.“ Aber jedes Drama beginnt für ihn erst richtig, wenn ein Mann eine Frau trifft. Am liebsten kreiert Ellroy die Frauen selbst. „Da ist zum Beispiel Kay aus 'Perfidia'. Ich war sehr in sie verliebt. Ich bin wie sie. Also nein, ich bin verliebt in sie. Es ist dasselbe“, sagt Ellroy über seine Lieblingsfrau, die Dudley Smith in „Perfidia“ nicht mal küsst, aber in „This Storm" wieder vorkommt. „Da werden die beiden sich küssen, und mehr. Das können Sie sich schon mal vorstellen.“

Was James Ellroy dieser Tage jedoch nicht mehr versteht, sind Männer. „Wenn eine Frau im Raum ist, muss man sie als Mann doch beeindrucken. Wirke ich dadurch verzweifelt? Na klar! Aber das ist okay. Das heißt doch, ich habe ein Herz und einen Puls“, sagt der Schriftsteller, für den es zu den schlimmsten Erlebnissen zählt, wenn er im Restaurant Männer sieht, die „sehr schwach, sehr sanft und unentschlossen erscheinen. Sie sitzen vor ihrem Date und tippen etwas in ihr Telefon. Dann schauen sie wieder die Frau an, dann tippen sie wieder und schauen weg. Ich kann das nicht verstehen.“

Ellroy hätte ohnehin keine Zeit für Facebook oder Instagram-Fotos. Seine Lebenszeit wird in Romane umgerechnet und in Zeit mit Helen, selbst Autorin, die von der üblichen Schriftsteller-Krankenschwester-Gattin weit entfernt ist.

„Mein Lebensziel“, sagte Ellroy, „ist es, unfassbare Bücher zu schreiben und mit Frauen zu leben, die große Substanz haben.“

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Quelle: F.A.Q.