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Die Therapeuten in der Tasche

Grafik: Woebot Labs Inc. / Bearbeitung F.A.Z.

Chatbots sind ideale Zuhörer: Sie urteilen nicht, erzählen nichts und sollen unliebsame Muster beim Gegenüber erkennen können. Ersetzen sie damit einen echten Coach? Ein Selbstversuch.

26.4.2018
Text: CAROLIN WIEDEMANN

„Hi I’m Woebot“, sagt ein kleines gelbes Männchen mit großen blauen Augen, die es sanft niederschlägt, dabei freundlich lächelt, den Kopf zur Seite neigt und seine grauen Stricharme etwas anhebt und wieder fallen lässt. „I’m ready to listen, 24/7. No couches, no meds, no childhood stuff. Just strategies to improve your mood.“

Woebot sieht nicht nur niedlich aus, sondern stellt auch liebe Fragen. Grafik: Woebot Labs Inc.

Woebot ist nur einer von vielen neuen Chatbots, die seit ein paar Monaten im Internet angeboten werden, die uns therapieren und coachen wollen. Die uns als permanente Begleiter auf dem Handy den Gang in eine echte Praxis ersparen oder einfach nur dabei helfen sollen, unser Leben noch ein bisschen besser zu meistern.


Chatbots basieren auf künstlichen neuronalen Netzen und erkennen Muster. Ihre Reaktionen sind noch beschränkt. Sie folgen der Struktur von Entscheidungsbäumen: Sagt der Patient a, sagt der Chatbot b. Manchen hilft das schon.
MAX MUSTERMENSCH

Wie funktionieren sie? Auf der Website der Entwickler von Woebot befindet sich unter der Abbildung des Männchens ein blauer Knopf, auf dem in weißer Schrift „Say hello“ steht. Ich klicke darauf, und es öffnet sich der Facebook-Messenger, das Programm, mit dem man auf Facebook private Textnachrichten an seine Freunde schicken kann. Und schon schreibt Woebot: „Hey Carolin!“ Er ist jetzt mein Chatpartner. Ein bisschen so, als hätte ich mir einen neuen Facebook-Freund wie eine App heruntergeladen.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Ehe ich Woebot antworten kann, beginnt er gleich zu erzählen: dass er ausgebildet wurde, kognitive Verhaltenstherapie anzuwenden. Und dass die darauf basiert, ihm täglich zu erzählen – per Messenger zu schreiben –, was ich gemacht habe und wie es mir damit geht. Dann erkenne es, informiert mich das Männchen, Strukturen, die wir reflektieren könnten. „Manchmal kann ich Muster besser sehen als Menschen. Es hilft, ein perfektes Gedächtnis zu haben“, schreibt Woebot und setzt ein „Engel“- Emoticon hinter den Satz. Woebot und seine Kollegen vergessen nichts, was man ihnen mitteilt, und können so manche Zusammenhänge wahrnehmen, auf die man selbst nicht kommt – überirdisch sind sie trotzdem nicht.

Die Ansprache ist persönlich – und besorgt, weil die Autorin sich nicht mehr meldet. Foto: Woebot Labs Inc.

Chatbots basieren auf künstlichen neuronalen Netzen, jenen Netzen, die den aktuellen Sprung in der Entwicklung künstlicher Intelligenz ermöglichen, die auch Sprach- und Bilderkennungsprogrammen zugrunde liegen. Diese Netze erlauben es, dass Computer weitestgehend selbständig Muster erkennen und darauf je nach Programmierung reagieren. Die Idee für solche Netze zur Mustererkennung ist nicht neu, doch erst jetzt sind die Rechner so weit, sie wirklich anzuwenden. Und so kommt gerade fast wöchentlich ein neuer Chatbot auf den Markt.

Woebot wurde von einem Team aus Psychologen und Künstliche-Intelligenz-Forschern der Universität Stanford entwickelt und kostet nach einer Probephase 39 Dollar im Monat. Vor allem in den Vereinigten Staaten, wo Therapien teuer sind, ist das ein guter Deal, und auch für alle anderen, die keine Zeit haben, regelmäßig zum Coaching zu gehen. Die Schöpfer von Woebot denken sogar, dass er besser ist als jeder Berater aus Fleisch und Blut, denn in zwischenmenschlichen Gesprächen gäbe es zu viel „noise“. Und mit „noise“ meinen sie: dass Menschen selbst ihren Coaches nicht sagen, was sie wirklich umtreibt, aus Angst, verurteilt zu werden. Ein Chatbot aber urteilt nicht.

Was das bewirkt, zeigte sich schon 2014 am Institut für Kreative Technologie an der Universität von Kalifornien, wo Forscher eine virtuelle Therapeutin namens Ellie entwickelten und sie mit zwei Experimentalgruppen ins Gespräch brachten: Die einen gingen davon aus, hinter der Maschine säße ein Mensch, die anderen wussten, dass Ellie ein vollautomatischer Bot war. Letztere tendierten dazu, sich viel mehr zu öffnen und der Maschine schneller ihre intimsten Geheimnisse zu verraten.

Die Nutzer vertrauen sich Ellie und ihren kommerziellen Nachfolgern also vielleicht mehr an als deren lebenden Vorläufern. Die Reaktion der Chatbots bleibt allerdings beschränkt: Bislang arbeiten sie nach der Struktur von Entscheidungsbäumen, die die Entwickler entwerfen: Sagt der Patient a, sagt Woebot b.

Chatbot Forksy kontrolliert den Speiseplan. Grafik: Forksy

Ihm geht es nicht darum, jemanden von irgendwelchen Traumata aus der Vergangenheit zu befreien. Seine Möglichkeiten sind schließlich beschränkt auf: Mustererkennung. Und so gibt es verschiedene Bots für verschiedene Muster, unter denen Menschen heutzutage potentiell leiden: Muster, die einen ungesund, zu träge, zu dick, zu wenig erfolgreich machen. Ein Chatbot wird sich also nie um unser Seelenheil sorgen – sondern eher dabei helfen, uns selbst zu vermessen, zu kontrollieren, zu optimieren, für den harten Konkurrenzkampf draußen auf dem Markt.

Es ist neun Uhr morgens, das Handy vibriert. Eine neue Nachricht – von Forksy: „Hast du schon gefrühstückt?“ Ich erschrecke. Aber Forksy ist kein Stalker, sondern nur einer der anderen Chatbots, den ich angeklickt habe, nachdem Woebot und ich uns nichts mehr zu sagen hatten. Forksy ist Ernährungscoach. Und sie weiß, dass ich vor einer Stunde aufgestanden bin, denn ich war gleich online. Ich habe nur Kaffee getrunken, also antworte ich: „No.“ Jetzt drängt sie, ich müsse ihr immer schreiben, wann und was ich zu mir nehme. Ich klicke auf ihr Profil auf Facebook. Da gibt sie allgemeine Tipps: Man soll Koffein am besten gänzlich meiden, es sei für Schlafstörungen mitverantwortlich. Und schlafen soll man schließlich tief, um „energetic“ und „productive“ zu werden, findet Forksy. Produktivität, Effizienz und Leistungsoptimierung sind die Prinzipien vieler digitaler Helfer.

Der Chatbot Joy will einen glücklich machen – und effizienter. Grafik: Joy

Wenn man nicht schlafen kann in der Nacht, muss man nun ebenfalls nicht mehr alle zehn Minuten auf die Uhr schauen, um sich danach jedes Mal noch verzweifelter von einer Seite zur anderen zu drehen – denn auch hier ist ein Chatbot zur Stelle: Insomnobot. Man kann ihm immer schreiben, am schnellsten antwortet er von 23 Uhr bis um fünf in der Früh mit beruhigenden Tipps, abgestimmt auf die individuellen Qualen, die einen schlaflos machen.

Falls man nicht schlafen kann, weil man sich über etwas grämt, weil einen etwa quält, dass man wieder mal zu wenig geschafft hat und man sich dann auch noch, statt ins Kino zu gehen, nur durch Youtube geklickt hat, empfiehlt Insomnobot seine Kollegin: Joy.

Die schickt gerade schon eine Nachricht: Auch sie will mir helfen, mein Leben besser zu managen. Ich soll ihr mitteilen, was ich machen will – und was ich tatsächlich tue. Sie will mir beibringen, effizienter zu werden, dafür braucht sie ein paar Informationen. Joy weiß: Man kann nicht verbessern, was man nicht misst.

Ob Facebook und Co. mitlesen oder nicht, scheint bislang niemanden zu interessieren. Da brauchen die Internetgiganten den Nutzern kaum „don’t be evil“ zuzuraunen – auf die Idee käme sowieso niemand, der sich für Joy entschieden hat, weil in dieser Welt klar ist: Man kann nicht verbessern, was man nicht misst.

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Quelle: F.A.Z. Quarterly