Regionalwährung im Chiemgau

Noch so ein Schwundgeld

Von Julia Lauer, Rosenheim
17.06.2011
, 09:14
Der Chiemgauer ist die erfolgreichste Regionalwährung Deutschlands. Er soll die heimische Wirtschaft stärken. Vielen Rosenheimern ist er aber zu kompliziert - obwohl es ihn inzwischen sogar bei der Sparkasse gibt.

Hin und wieder zahlt die Kundschaft im Café Elisabeth in der Rosenheimer Innenstadt mit Chiemgauern. Kräutertee und Omelette? Zehn Chiemgauer, so viel wert wie zehn Euro, aber der Schein ist kleiner, rot und mit Erdbeeren auf der Rückseite. Münzen gibt es nicht. Also gibt die Bedienung dem Gast das Restgeld in Euro-Münzen zurück.

Der Kunde ist Christian Gelleri. Er rief den Chiemgauer 2002 ins Leben, um die heimische Wirtschaft zu stärken. Die Währung gilt nur in der Region und soll dafür sorgen, dass das Geld in der Gegend bleibt. In Rosenheim gibt es Matratzen, Fleisch- und Backwaren, Schmuck, Hörgeräte und Spielzeug im Tausch gegen Chiemgauer. Auch einige Psychotherapeuten und Zahnärzte nehmen rote Scheine.

Die Weltwirtschaftskrise brachte das Regionalgeld hervor

Die ersten Regionalgelder in Deutschland entstanden um 1930 zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise. Danach verschwanden sie wieder von der Bildfläche. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts erlebten sie eine Renaissance: Knapp 40 Regionalwährungen gibt es heute zwischen Alpen und Küste, etliche weitere werden geplant. Der Chiemgauer hat alle abgehängt: Gelleri sagt, 179.916 Chiemgauer seien in bar in Umlauf, im vergangenen Jahr soll der Chiemgauer zu einem Umsatz im Wert von fünf Millionen Euro geführt haben. Angesichts des Euro-Krisengeredes, wegen des Griechenland-Problems nun wieder aktuell, ist es fast ein Menetekel, dass Gelleris Chiemgauer in jüngster Zeit so erfolgreich ist.

Dabei ist das Neben-Geld nur in den beiden Landkreisen Rosenheim und Traunstein im Umlauf. 600 Unternehmen akzeptieren den Chiemgauer neben dem Euro. Manche Geschäfte weisen mit einem Aufkleber an der Tür darauf hin. „Der Chiemgauer soll den Euro ergänzen, nicht ersetzen“, sagt Christian Gelleri, der in den Neunzigern Betriebswirtschaftslehre studierte, Lehrer für Wirtschaft und Informatik wurde und mit seinen Oberstufenschülern das Geld erfunden hat. Inzwischen ist der Chiemgauer sein Vollzeitprojekt.

Braucht man den Chiemgauer, um regional einzukaufen?

Gelleri, ein ruhiger und ernster Mann, findet Globalisierung nicht grundsätzlich schlecht – aber eben auch nicht immer sinnvoll. Wenn es nach ihm ginge, bliebe globaler Austausch dort erhalten, wo es keine regionalen Alternativen gibt – zum Beispiel beim Bananenhandel. Und er würde dort zurückgefahren, wo ein regionales Angebot besteht. „Wenn Schweinefleisch aus der Gegend vergleichbar teuer ist wie das aus England, kann ich das doch von hier kaufen. Damit schaffe ich Arbeitsplätze hier und schone die Umwelt, weil die Transportwege kürzer sind.“ Den Konsum regionaler Güter könne man von 30 auf 50 Prozent erhöhen.

Aber braucht man dafür eine eigene Währung? Gelleri sagt, dass sich Konsumenten über den Chiemgauer gegenseitig dazu verpflichten, ihn vor Ort wieder auszugeben. Wenn beispielsweise Annette Pailas, die Inhaberin des Café Elisabeth, Chiemgauer einnimmt, muss sie das Geld ortsnah wieder ausgeben, beispielsweise in der Metzgerei Lohberger oder in der Apotheke gegenüber. Zurücktauschen in Euro käme sie nämlich teuer zu stehen: Die Gebühr beträgt fünf Prozent des Betrags. Ein Teil davon dient der Finanzierung des Chiemgauer-Vereins, ein anderer kommt Einrichtungen der Region zugute, zum Beispiel dem Kindergarten Zwergerlburg, dem Heimat- und Trachtenverein Obing oder dem Ruderverein Babensham.

Mit dem Rücktausch schließt sich der Geldkreislauf, er ist aber nur den Unternehmen erlaubt. Privatpersonen, die anders als Unternehmen beeinflussen können, wie viele Chiemgauer sie haben, sollen sie bitteschön ausgeben. Nur einmal machte Gelleri eine Ausnahme: Ein Vereinsmitglied kehrte dem Chiemgau den Rücken und zog nach Hessen. Dort hätte er mit dem Chiemgauer nichts anfangen können, und bis zu den nächsten Ferien am Fuß der Alpen wäre sein Geld vielleicht schon nichts mehr wert gewesen.

Mit Rostgeld den Konsum ankurbeln

Denn wie die meisten anderen Regionalwährungen auch ist der Chiemgauer ein Schwundgeld. Er verliert über die Zeit an Wert. „Dass der Chiemgauer Rostgeld ist, führt dazu, dass er regelmäßig schneller ausgegeben wird“, sagt Gelleri. Die Idee stammt von dem deutsch-argentinischen Finanztheoretiker Silvio Gesell. Er forderte im 19. Jahrhundert, den Vorteil des Kapitals gegenüber dem der produzierten Güter aufzuheben – den er darin erkannte, dass sich Ware nicht ewig lagern lässt und außerdem Lagerkosten verursacht, während sich das Geld sparen lässt und sich dabei sogar vermehrt. Gesell ersann folgende Lösung: „Wir hängen dem Geld den gleichen Verlust an, den die Waren auf Lager erleiden. Dann ist das Geld nicht mehr besser als die Ware, Dann ist es für jeden einerlei, ob er Geld oder Waren besitzt oder spart, dann sind Geld und Ware gleichwertig.“ Der Chiemgauer, so folgert Gelleri, soll das Geld an die Realwirtschaft binden – indem der Kunde mit ihm greifbare Produkte kauft.

Wer seine Chiemgauer am Quartalsende noch immer im Portemonnaie mit sich trägt, hat Pech: Alle drei Monate verlieren Chiemgauer zwei Prozent ihres Werts. Manche Mitglieder des Chiemgauer-Vereins tauschen ihr Geld deshalb zu Quartalsbeginn in Chiemgauer um, zum Beispiel in der Buchhandlung oder in der Goldschmiede, um sie nach und nach auszugeben. So macht es auch Jeannette Dinglreiter. Wenn sie innerhalb des Quartals ihre 500 Chiemgauer in Scheinen nicht los wird, kauft sie kleine Märkchen (wieder in der Buchhandlung oder in der Goldschmiede, sie kosten zwei Prozent des Betrags, der auf dem Schein steht) und klebt sie auf die Vorderseite der Chiemgauer-Note, damit der Schein wieder gültig ist. So funktioniert die eingebaute Inflation. „Wer hundertprozentig hinter dem Chiemgauer steht, hat damit kein Problem“, sagt Jeannette Dinglreiter. „Die Leute sagen ,Ja mei’, wenn hier im Ort wieder ein Geschäft schließen muss, kaufen aber in München ein.“ Dem könne der Chiemgauer entgegenwirken, indem er einen Rahmen dafür schaffe, das Geld konsequent in der Region auszugeben.

Was aussieht wie Geld, ist rechtlich gesehen ein Gutschein

Für die Unternehmen besteht der Anreiz darin, neue Kunden zu gewinnen. Markus Bauer zum Beispiel, Inhaber der Alten Apotheke, berichtet, dass zwei oder drei seiner Kunden zu ihm kämen, weil sie mit Chiemgauern zahlen könnten. Ebenso habe er Kunden, die der Payback-Punkte wegen kämen. Rechtlich gesehen sind Payback, Chiemgauer und auch die Meilenkonten von Fluggesellschaften inoffizielle Privatgelder. Der Chiemgauer allerdings ist dem Geld wesentlich ähnlicher, schließlich hat er ein silbernes Logo, eine eingestanzte Prägung und eine Seriennummer, was die Fälschung erschweren soll. Eigentlich ist der Chiemgauer ein Gutschein – denn in Deutschland ist nur die Bundesbank dazu befugt, mit Genehmigung der Europäischen Zentralbank Geld in Umlauf zu bringen.

Die Bundesbank akzeptiert die Regionalgelder, weil sie keine ernstzunehmende Konkurrenz zum Euro darstellen, bezweifelt aber ihren Nutzen. Volkswirt Gerhard Rösl, der sich im Auftrag der Bundesbank mit den alternativen Währungen beschäftigt hat, schätzt, dass Regionalgelder im Wert von einer Million Euro in Umlauf sind – „viel zu wenig, um mit dem Euro zu konkurrieren“. So lange der Kurs zum Euro eins zu eins sei, seien Schwundgelder immer verhältnismäßig teuer: Allgemeine Preissteigerungen würden weitergegeben, Kosten für Druck und Regionalbank sowie die Inflation kämen außerdem dazu. In Rösls Augen sind das „völlig unnötige Kosten, die am Unternehmer hängenbleiben“. Den Gewinnen der am Chiemgauer beteiligten Unternehmen stünden Umsatzverluste anderer Unternehmen gegenüber. Das ist für Rösl „ein Protektionismus, der die heimische Wirtschaft abschottet und jeglicher Konsumenten-Souveränität widerspricht“.

Die meisten Leute bezahlen mit dem Euro

Gelleri verteidigt seinen Chiemgauer: Es sei schließlich eine freie Entscheidung, damit zu zahlen. Für die 3000 Privatpersonen aus Rosenheim und Traunstein, die mitmachen („vor allem Frauen mit Kindern und gestandene Bayern“) sei meist entscheidend, dass auch Vereine vom Chiemgauer profitieren. Gelleri hat berechnet, dass es damit statistisch gesehen in einem Prozent der Haushalte jemanden gibt, der mit Chiemgauern zahlt.

Das entspricht aber nicht einmal einem Prozent der Bevölkerung, weshalb in Rosenheim auch nicht viel vom Chiemgauer zu sehen ist. Die Verkäuferin der Thalia-Buchhandlung erkundigt sich bei ihrer Kollegin, was das überhaupt sein soll. Im Gummibärchengeschäft wollte in all den Jahren noch keiner mit ihm bezahlen, schon gar nicht die Touristen im Hotel Wendelstein. Und vielen ist er einfach zu kompliziert. Yvonne Frank zum Beispiel sagt, es sei ihr zu umständlich, ständig zwei Sorten Geld dabeizuhaben und die Gültigkeitsdauer der Chiemgauer im Blick zu behalten. Aber ihr Bioladen nimmt die Scheine, und ihre Kinder gehen auf die Priener Waldorfschule, an der Christian Gelleri den Chiemgauer einst entwickelte. Außerdem ist es inzwischen auch möglich, mit Karte zu zahlen. Und im November kam eine weitere Ausgabestelle hinzu: Nun gibt es die bunten Scheine sogar am Schalter der Rosenheimer Sparkasse.

Quelle: F.A.Z.
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