Weiterbau der Sagrada Família

Stern über Barcelona

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
08.12.2021
, 06:16
Auf die Spitze: Schwindelfrei mussten die Arbeiter sein, die den Stern auf den 138 Meter hohen Turm der Basilika installierten.
Am Mittwoch erstrahlt zum ersten Mal der gläserne Stern auf dem zweithöchsten Turm der Sagrada Família. Achtzehn Türme sollen am Ende Gaudís Basilika krönen – doch die Fertigstellung verzögert sich wohl bis ins nächste Jahrzehnt.
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Das Licht klettert schon seit einigen Tagen den Turm der Jungfrau Maria hinauf. Immer mehr Scheinwerfer beleuchten von innen das neue Wahrzeichen der Sagrada Família. Am Abend des Feiertags Mariä Empfängnis folgt die Krönung. An diesem Mittwoch erstrahlt zum ersten Mal der gläserne Stern auf der Spitze des zweithöchsten Turms der Basilika.

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In der vergangenen Woche hatte ihn ein Kran vorsichtig in 138 Meter Höhe gehoben. Seitdem funkelten schon die Sonnenstrahlen auf dem zwölfzackigen Stern aus Glas und Stahl, der einen Durchmesser von 7,50 Metern hat und fünfeinhalb Tonnen wiegt. Erst am Mittwoch wird Barcelonas Kardinal Juan José Omella den fertiggestellten Turm segnen. Danach wird der „Morgenstern“ jeden Abend „die Skyline von Barcelona für immer und ewig verändern“ und dazu beitragen, die große Dunkelheit zu beenden, die die Pandemie gebracht hat, hofft der Kardinal.

Nach dem Willen des Architekten Antoni Gaudí ist es der einzige leuchtende Stern auf den insgesamt 18 Türmen, die er entworfen hat. Zwölf für die Apostel, vier für die Evangelisten, jeweils einer für Maria und Jesus. Nur die Hälfte ist bisher gebaut. Der höchste wird der Jesus-Turm sein. Mit 172,5 Metern wird er die Basilika in das höchste Bauwerk der Stadt und die höchste Kirche der Welt verwandeln. Nach Gaudís Willen soll sie den höchsten Berg Barcelonas, den 173 Meter hohen Montjuïc, nicht überragen. Das wäre anmaßend, weil er den Berg als ein Werk Gottes betrachtete. An der Kirche wird seit 1882 gebaut – zehnmal so lange wie an der großen Pyramide von Gizeh in Ägypten. Eigentlich hoffte man, Gaudís Werk samt Jesus-Turm bis 2026 zu vollenden, dem 100. Todesjahr des Architekten. Als Gaudí an den Folgen eines Straßenbahnunfalls starb, war gerade ein Zehntel seines Plans verwirklicht. Seine „Unvollendete“ wird nicht vor 2030, wahrscheinlich erst später fertig, heißt es bei der katholischen Stiftung, die ohne Unterstützung von Staat und Kirche die Basilika errichtet.

Ausbleibende Besucher

Bis Anfang 2020 war das Bauwerk in den Himmel gestürmt. Weder Bürgerkrieg noch Wirtschaftskrisen konnten es aufhalten. Zuletzt wurde jedoch nur noch am Marienturm gearbeitet. Corona und mehrere Lockdowns ließen monatelang vollständige Ruhe auf der Baustelle und in dem Säulenwald im Inneren der Basilika einkehren, durch den sich sonst die Besucher drängen. Ohne sie geht es nicht, denn sie finanzieren mit ihren Eintrittsgeldern das Projekt. Vor dem Ausbruch der Pandemie waren es mehr als viereinhalb Millionen Menschen jedes Jahr. In der Hochsaison war der „Sühnetempel der Heiligen Familie“ oft tagelang ausverkauft und brachte der Stiftung Jahreseinnahmen von mehr als 50 Millionen Euro ein. Heute kann man problemlos im Internet eine Eintrittskarte für 27 Euro erwerben und sofort aufbrechen. Zuletzt kamen rund ein Drittel der Besucher aus der Zeit vor Covid. Vor allem die zahlungskräftigen Amerikaner und Asiaten machen sich in Barcelona immer noch rar. Die neue Coronavirus-Variante führte zu ersten Stornierungen.

Nach den Touristenmassen sehnen sich auch die Nachbarn der Sagrada Família nicht zurück. Fast 14 Millionen Menschen besuchten im Rekordjahr 2019 Barcelona. Das war vielen der 1,6 Millionen Einwohner zu viel, die sich in ihrer überlaufenen Stadt immer weniger zu Hause fühlen. Von solchen Zahlen ist man in diesem November weit entfernt: Rund ein Drittel der Hotels hat bisher nicht wieder aufgemacht. Doch die Gäste sind für die Wirtschaft der Stadt wie für die Basilika überlebenswichtig. Barcelona wirbt gezielt um anspruchsvolle und kulturell interessierte Besucher, die viel ausgeben, länger bleiben und nicht nur im Sommer kommen. Der neue Stern auf der Basilika und die üppige Weihnachtsbeleuchtung auf den Straßen und Plätzen soll dabei helfen, dass die Stadt auch in der Vorweihnachtszeit ein Reiseziel wird.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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