Seit 1956 verlassen: Das Krankenhaus von Kolmannskuppe war einst das modernste auf dem Kontinent.

Sand in Sicht

Von PETER-PHILIPP SCHMITT
Fotos: NORBERT FRANCHINI
Seit 1956 verlassen: Das Krankenhaus von Kolmannskuppe war einst das modernste auf dem Kontinent. Foto: Norbert Franchini

22. Februar 2020 · Kolmannskuppe war einst die reichste Stadt Afrikas. Heute scheint die frühere deutsche Siedlung in Namibia dem Untergang geweiht.

Wo einst das erste Röntgen­gerät des gesamten Kontinents stand, liegt heute kniehoch feiner Wüstensand. Er dringt durch jede Ritze, hat auch Fenster und Türen eingedrückt, so dass er fast ungehindert in das ehemalige Krankenhaus gelangen kann. Einigen anderen Gebäuden, etwa dem Haus des Lehrers und des Architekten, haben der Sand und auch der Wind so stark zugesetzt, dass sie nicht einmal mehr betreten werden ­dürfen. Die einst reichste Stadt Afrikas, die mitten im Nirgendwo liegt, scheint dem Untergang geweiht zu sein.

Willkommen in Kolmannskuppe: Das alte Stadtschild empfängt auch heute noch die Besucher am Fuße von Coleman‘s Head.
Willkommen in Kolmannskuppe: Das alte Stadtschild empfängt auch heute noch die Besucher am Fuße von Coleman‘s Head. Foto: Norbert Franchini

„Willkommen in Kolmannskuppe“, sagt Gisela Schmidt zur Begrüßung. Die ­resolute Rentnerin führt seit vielen Jahren Touristen durch die ehemalige deutsche Siedlung, die im sogenannten Sperrgebiet unweit der namibischen Küste liegt. Sie kennt die Gefahren, denen die Besucher ausgesetzt sind. „Ich sehe Sandalen“, sagt sie zu Beginn ihrer einstündigen Tour mit leicht vorwurfsvollem Unterton. „Achten Sie darauf, wohin Sie treten. In den Häusern gibt es Schlangen und Skorpione.“


„Achten Sie darauf, wohin Sie treten. In den Häusern gibt es Schlangen und Skorpione.“
GISELA SCHMIDT

Bevor es in die einst prachtvollen Villen geht, führt sie ihre Reisegruppe in die ehemalige Kegelbahn. Sie ist fast unversehrt erhalten geblieben. „Tür zu“, ruft Gisela Schmidt. „Sonst kommt der Sand mit rein.“ Die Wände sind blau gestrichen, an der Decke hängen Jugendstilleuchter, in einem Schrank liegen noch Kegel und ­Kugeln. Nur die hölzerne Bahn ist etwas uneben geworden. Gespielt hat hier schon lange niemand mehr. Neben dem Schrank hängt noch ein gerahmtes Bild, mit dem sich der Kegelclub „Gut Holz“ verewigt hat – am 4. Juni 1927.

Alte Pracht: An der Decke hängen noch die Jugendstilleuchter.
Alte Pracht: An der Decke hängen noch die Jugendstilleuchter.
Alte Pracht: An der Decke hängen noch die Jugendstilleuchter.
Vom Sande befreit: Auf der alten Kegelbahn wurde allerdings lange nicht mehr gespielt.
Vom Sande befreit: Auf der alten Kegelbahn wurde allerdings lange nicht mehr gespielt.
Vom Sande befreit: Auf der alten Kegelbahn wurde allerdings lange nicht mehr gespielt.
Fast wie vor 100 Jahren: Der Kolonialwarenladen hat sich bis heute erhalten.
Fast wie vor 100 Jahren: Der Kolonialwarenladen hat sich bis heute erhalten.
Fast wie vor 100 Jahren: Der Kolonialwarenladen hat sich bis heute erhalten.
Kegel und Kugeln: Selbst die alten Sportgeräte liegen noch im Schrank.
Kegel und Kugeln: Selbst die alten Sportgeräte liegen noch im Schrank.
Kegel und Kugeln: Selbst die alten Sportgeräte liegen noch im Schrank.
Fotos: Norbert Franchini

Kolmannskuppe war bis Ende der fünfziger Jahre bewohnt, und das überwiegend von Deutschen. Auch Gisela Schmidts Wurzeln sind unverkennbar, auch wenn sie erst nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und nicht in der deutschen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, die offiziell von 1884 bis 1915 bestand. Gisela, wie sie genannt werden möchte, wohnt gut zehn ­Kilometer entfernt von Kolmannskuppe in Lüderitz. Die Hafenstadt ist nach Adolf Lüderitz benannt. Der Bremer Tabakhändler hatte dort 1884 die deutsche Flagge ­gehisst, nachdem er weite Landstriche aufgekauft und ein „Schutzgebiet“ geschaffen hatte, aus dem Deutsch-Südwestafrika werden sollte. Die Kolonie des Kaiserreichs war immerhin gut doppelt so groß wie das heutige Deutschland, und sie zog viele deutsche Siedler an. Noch heute tragen die Straßen in Lüderitz Namen wie Nachtigall, Bülow, Vogelsang, Bismarck und Stauch.

Glücksritter: August Stauch gilt als Entdecker der Diamantvorkommen.
Glücksritter: August Stauch gilt als Entdecker der Diamantvorkommen. Foto: Norbert Franchini

Ein Foto von August Stauch hat einen Ehrenplatz im Museum von Kolmannskuppe. Ihn verschlug es aus dem thüringischen Ort Ettenhausen an der Suhl, wo er 1878 geboren wurde, nach Deutsch-Südwestafrika. Er wanderte 1907 nach Lüderitz aus und wurde bei der Eisenbahn an­gestellt. Die 140 Kilometer lange Strecke zwischen Lüderitz und Aus im Landesinneren war 1906 fertiggestellt worden und sollte weiter bis Seeheim und zum Knotenpunkt Keetmanshoop führen: Von dort ging es in den Norden bis nach Windhuk und gen Westen nach Swakopmund. Stauch war als Bahnmeister mit seinen einheimischen Angestellten dafür verantwortlich, in der unwirtlichen Wüste einen Zehn-Kilometer-Abschnitt von Flugsand freizuhalten. Noch heute wird beinahe täglich so viel Sand auf die Gleise geweht, dass für die Züge von und nach Lüderitz kein Durchkommen ist.

F.A.Z.

Anfang April 1908 änderte sich auf einen Schlag das Leben von August Stauch. Einer seiner Männer, Zacharias Lewala, fand einen glitzernden Stein unweit eines Hügels, der schon damals Kolmannskuppe genannt wurde. Dort war ein paar Jahre zuvor ein gewisser Johnny Coleman mit seinem Ochsenkarren im Sand stecken­geblieben. Coleman konnte gerettet werden, sein Karren aber war noch lange von weitem zu sehen. Die Deutschen in Lüderitz machten aus dem Coleman’s Head die Kolmannskuppe. Der Stein, den Lewala dort entdeckte und seinem Vorgesetzten überließ, war ein Diamant.

Stauch vergeudete keine Zeit, kündigte seine Stelle und kaufte bislang wertlose Grundstücke bei Kolmannskuppe auf. Sechs Wochen später hatte er schon einige hundert meist kleine Diamanten von vier bis fünf Karat beisammen. Und er war nicht der einzige, der im Diamantenrausch nach den Edelsteinen suchte: Fotos aus der Zeit zeigen Dutzende Lüderitzer, die in langen Reihen und auf Knien durch den Sand robben. Für Stauch allein arbeiteten Ende 1908 mehr als 70 Personen.

Im Diamantenfieber: Das alte Schild zeigt die ersten Kolmannskupper, die nach Edelsteinen suchen.
Im Diamantenfieber: Das alte Schild zeigt die ersten Kolmannskupper, die nach Edelsteinen suchen. Foto: Norbert Franchini

Auch der deutsche Kaiser war wenige Wochen nach den ersten Diamantenfunden davon unterrichtet worden, dass seine bislang wenig ergiebige Kolonie reich an zumindest einem Bodenschatz war.

Der Staatssekretär seines Reichskolonialamts, Bernhard Dernburg, und der spätere Reichsaußenminister Walther Rathenau hatten im Juli Lüderitz und die Diamantenfelder besucht und Wilhelm II. Steine aus Deutsch-Südwestafrika mitgebracht. Unver­züglich wurde am 22. September 1908 ein Gesetz erlassen, das eine riesige Fläche zum „Sperrgebiet“ erklärte. Es erstreckt sich bis heute entlang der Küste und genau 100 Kilometer ins Landesinnere, insgesamt ist es gut 26.000 Quadratkilometer groß.

  • Die prächtigste Villa: In dem Haus wohnte einst der Betriebsleiter Leonhard Kolle.
  • Gute Stube: Die Möbel aus der Gründerzeit wurden damals eigens aus Deutschland nach Kolmannskuppe verschifft.
  • Mit fließendem Wasser: In einigen Häusern stehen noch die alten Badewannen.
  • Dem Verfall preisgegeben: Blick auf die Villa des Architekten
  • Die prächtigste Villa: In dem Haus wohnte einst der Betriebsleiter Leonhard Kolle. Foto: Norbert Franchini
  • Gute Stube: Die Möbel aus der Gründerzeit wurden damals eigens aus Deutschland nach Kolmannskuppe verschifft. Foto: Norbert Franchini
  • Mit fließendem Wasser: In einigen Häusern stehen noch die alten Badewannen. Foto: Norbert Franchini
  • Dem Verfall preisgegeben: Blick auf die Villa des Architekten Foto: Norbert Franchini


Nur wer schon eine Lizenz hatte, durfte damals weiter auf eigene Rechnung suchen. Alle anderen Diamanten gehörten offiziell der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika. An einigen Stellen, etwa bei Pomona 150 Kilometer südlich von Lüderitz, lagen die Edelsteine „wie reife Pflaumen unter einem Pflaumenbaum“, wie Stauch sich erinnerte. Man musste sie nur aufheben. Bis zum Ersten Weltkrieg lag die Ausbeute in Deutsch-Südwestafrika bei fast fünf Millionen Karat, was einer Tonne Diamanten entspricht.


Bis zum Ersten Weltkrieg lag die Ausbeute in Deutsch-Südwestafrika bei fast fünf Millionen Karat, was einer Tonne Diamanten entspricht.

Bis dahin war auf der Kolmannskuppe eine kleine Stadt entstanden. Die Baracken wurden von 1910 an durch herrschaftliche Villen ersetzt. Noch heute lässt sich die einstige Pracht erahnen. Der Rundgang mit Gisela Schmidt führt auch in ein Haus, das restauriert und original­getreu möbliert wurde, mit Möbelstücken, die von den Bewohnern einst zurückgelassen wurden. In der Küche steht noch der Kühlschrank, der mit Eisblöcken bestückt wurde, die in einer eigenen Eisfabrik her­gestellt wurden. „Es gab ein Elektrizitätswerk, ein Salz­wasser-Schwimmbad, ein Theater und eine Turnhalle, eine Poststelle und sogar eine Schmalspurbahn“, erzählt Gisela Schmidt. „Die fuhr durch Kolmannskuppe und transportierte nicht nur Güter. Sie holte auch die feinen Damen in ihren langen Kleidern vor der Haustür zum Einkauf beim Metzger oder im Kolonialwarenladen ab und brachte sie wieder nach Hause.“


„Es gab ein Elektrizitätswerk, ein Salz­wasser-Schwimmbad, ein Theater und eine Turnhalle, eine Poststelle und sogar eine Schmalspurbahn.“
GISELA SCHMIDT

Die prächtigste Villa gehörte natürlich dem Betriebsleiter der Diamantengesellschaft, Leonhard Kolle. Von seinem Balkon aus konnte er an klaren Tagen sogar das Meer sehen. Kolle hatte einen großen Empfangsraum, ein Kaminzimmer und im oberen Stockwerk ein Terrazzo-Bad, in dem noch heute die Wanne steht. Das Wasser musste anfangs aus dem 1200 Kilometer entfernten Kapstadt per Schiff über Lüderitz nach Kolmannskuppe gebracht werden. Später wurden Entsalzungsanlagen ­gebaut, das Meerwasser wurde über Fernleitungen in die Stadt befördert.

Dem Verfall preisgegeben: Sand und Wind zerstören nach und nach die alten Gebäude.
Dem Verfall preisgegeben: Sand und Wind zerstören nach und nach die alten Gebäude.
Dem Verfall preisgegeben: Sand und Wind zerstören nach und nach die alten Gebäude.
Einsturzgefährdet: Das Krankenhaus darf man nur auf eigene Gefahr betreten.
Einsturzgefährdet: Das Krankenhaus darf man nur auf eigene Gefahr betreten.
Einsturzgefährdet: Das Krankenhaus darf man nur auf eigene Gefahr betreten.
Türen zu! Der Sand dringt überall ein.
Türen zu! Der Sand dringt überall ein.
Türen zu! Der Sand dringt überall ein.
Fotos: Norbert Franchini

Am luxuriösen Lebensstil der 350 Kolmannskupper änderte sich auch nach dem Ersten Weltkrieg zunächst nichts, als die ehemalige deutsche Kolonie unter die Verwaltung der Südafrikanischen Union gestellt wurde. Erst nachdem Ende der zwanziger Jahre die Diamantenvorkommen erschöpft waren, zogen immer mehr Bewohner fort, um ihr Glück an anderen Orten zu suchen. 1956 schließlich wurde auch das Krankenhaus geschlossen, und Kolmannskuppe wurde endgültig zu einer Geisterstadt im Sperrgebiet.

In den Dünen kann man heute noch Diamanten finden. Darum auch kam das Röntgengerät, das angeblich sogar erste der gesamten Südhalbkugel, schon damals nicht nur bei Knochenbrüchen zum Einsatz: Mit ihm wurden auch die Mägen der Diamantensucher durchleuchtet. Einige von ihnen versuchten immer wieder, die Edelsteine aus der Stadt zu schmuggeln, indem sie diese hinunterschluckten.