FAZ plus ArtikelSchauspieler-Aktion

Seien Sie unsolidarisch!

Von Jörg Thomann
24.04.2021
, 16:17
Die Internetaktion #allesdichtmachen via Youtube zeigt Schauspieler, die sich an der Aktion beteiligen.
Rund fünfzig Schauspieler kritisieren die Corona-Politik. Eine Aktion, die zu denken gibt – anders als geplant. Denn jene mehrheitlich vegan lebenden Loft- oder Landhausbewohner sind nun mal nicht besser oder klüger als wir selbst.
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Er wirkt nervös, der junge Mann, der von einer auf einem Lkw zusammengezimmerten Holztribüne spricht. Sein Name sei Jan Josef Liefers und er sei Schauspieler, stellt er sich vor und beginnt, von einem Zettel abzulesen. „Es ist richtig, jeden Menschen zu ermutigen, die durch die Politik von Partei und Regierung in diesem Land entstandene Krise durchzustehen“, spricht er zu den Menschen, die sich versammelt haben, und er betont, dass nicht einzelne Personen diese Krise verursacht hätten, sondern „die von ihnen geschaffenen und zementierten Strukturen“, welche zerstört werden müssten. Jubel und Beifall in der Menge. Es ist ein leicht unsicherer und doch mutiger Auftritt an diesem 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz; erst fünf Tage später wird die Mauer fallen. Der 4. November ‘89 ist nicht nur der Tag, an dem es zur ersten Großdemonstration kam, die nicht vom SED-Apparat organisiert wurde, er markiert auch so etwas wie die Geburtsstunde des Schauspielers Jan Josef Liefers als politischer Künstler.

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Mehr als dreißig Jahre danach wendet sich Liefers nun wieder an das Volk. Von Unsicherheit keine Spur mehr, der Mann ist ein Könner, einer der populärsten und bestbezahlten Fernsehdarsteller des Landes; tritt Liefers neben Axel Prahl beim Münsteraner „Tatort“ an, dann schalten schon mal – wie im Dezember vergangenen Jahres – 13,6 Millionen Menschen ein. Eine einflussreichere Position kann man kaum haben. Als Regimekritiker aber versteht Liefers sich noch immer, oder besser: wieder. Für das knapp anderthalbminütige Video hat Liefers in einer geräumigen, hellen Wohnküche Platz genommen, wo er über die – Achtung Ironie! – „sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung“ spottet. Und über die regierungshörigen Medien, die keinen kritischen Disput zuließen; nur bei vereinzelten Zeitungen sehe er den Versuch, „alte, überwunden geglaubte Vorstellungen von kritischem Journalismus wiederaufleben zu lassen“. Dazu dürfe man es nicht kommen lassen, warnt Liefers und gibt uns den sarkastischen Rat: „Verzweifeln Sie ruhig, aber zweifeln Sie nicht.“

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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