Schönheitsoperationen

Frühe Jagd nach Perfektion

Von Florian Oertel, dpa
11.09.2002
, 11:27
Schönheit um jeden Preis?
Die Patienten in den Wartezimmern von plastischen Chirurgen werden immer jünger. Bereits 13-Jährige streben nach perfektem Aussehen.
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Der Trend kommt mal wieder aus den USA, wo sich Popstar Britney Spears angeblich noch vor dem 18. Geburtstag den Busen vergrößern ließ. Immer mehr Mädchen, oft noch jünger als die heute 20-jährige Sängerin, wünschen sich eine neue Nase, weniger Fett am Po oder eine größere Oberweite. Doch Schönheitschirurgen in Deutschland mahnen zur Zurückhaltung: „Bis auf wenige Ausnahmen sollte man darauf verzichten“, sagt etwa Wolfgang Hörl, Plastischer Chirurg in München.

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Eine neue Nase, bitte!

„Seit einigen Jahren kommen immer mehr 16-, 17- oder 18-Jährige und wollen sich operieren lassen“, sagt Jürgen Marsch, HNO-Arzt mit Zusatzqualifikation für Plastische Chirurgie in Essen. Mediziner Hörl weiß sogar von noch jüngeren Patienten. „Die Einstellung zu kosmetischen Operationen hat sich insgesamt geändert, und das macht auch vor Jugendlichen nicht halt“, bestätigt Detlef Witzel, Sekretär der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) in Berlin. Der Wunsch, schon in sehr jungen Jahren möglichst perfekt auszusehen, ist nach Marschs Worten auch daran zu erkennen, dass selbst 13-jährige Mädchen mittlerweile oft stark geschminkt sind.

Der größte Teil der weiblichen Teenager in den Wartezimmern der Schönheitschirurgen klagt über dicke Oberschenkel und möchte sich Fett absaugen lassen, sagt Experte Witzel. Jungen, die nach Beobachtung von Norbert Kania, Plastischer Chirurg in einer Privatklinik in Frankfurt, ebenfalls in zunehmender Zahl an den Praxistüren anklopfen, wollen meist Nase oder Ohren verschönert sehen.

Erziehungsberechtigte müssen zustimmen

Den tieferen Grund für den Wunsch nach einer Schönheitsoperation versuchen die Chirurgen gerade bei jugendlichen Patienten im Beratungsgespräch herauszufinden. „Viele werden dabei schon deutlich zurückhaltender“, sagt Hörl. Außerdem müsse auf jeden Fall der Erziehungsberechtigte zustimmen. „Wenn ich den Eindruck gewinne, dass der Patient noch zu kindlich ist, operiere ich nicht“, sagt Hörl. Dann spiele es auch keine Rolle, ob die Eltern einverstanden sind.

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Wesentlich ist nach Kanias Auffassung die Frage, ob der Teenager eine gefestigte Persönlichkeit hat. „Da werden oft zwischenmenschliche Probleme auf körperliche Makel projiziert. Eine Operation würde in einem solchen Fall vielleicht gar nichts ändern.“ Auch Chirurg Hörl ist davon überzeugt, dass viele der Jugendlichen, die in seine Praxis kommen, die Tragweite ihres Wunsches nicht wirklich einschätzen können.

Gerade Brustoperationen bei jungen Mädchen sind nach Witzels Worten ein Problem. Schließlich sei das Wachstum des Busens erst mit 18 oder 19 Jahren beendet. „Sie greifen da in einen Prozess ein, der noch nicht abgeschlossen ist.“ Eventuell seien Nachkorrekturen nötig. „Bei einer noch wachsenden Nase ist das endgültige Ergebnis vollkommen unvoraussehbar“, ergänzt Experte Kania. HNO-Arzt Marsch findet auch Fettabsaugungen bei Jugendlichen bedenklich. „Die Fettverteilung am Körper ändert sich noch lange.“ Der einzige nahezu unproblematische Eingriff in dieser Altersgruppe sei das Anlegen von „Segelohren“.

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Seelische Probleme können den Eingriff legitimieren

Bei aller Zurückhaltung können die Chirurgen jedoch auch von Ausnahmefällen berichten, in denen sie von ihren sonstigen Grundsätzen abgewichen sind. In all diesen Fällen ging es um Jugendliche, die wegen körperlicher Mängel unter massiven seelischen Problemen litten. Kania etwa erinnert sich an ein Mädchen, das wegen seiner missgebildeten Nase fünf Jahre lang in psychologischer Behandlung war. Hörl erzählt von einer 16-Jährigen mit nur einer ausgebildeten Brust: „Die wird jetzt tatsächlich operiert“.

Solche Ausnahmen sind nach Meinung der Chirurgen vertretbar, auch weil zumindest das Operationsrisiko für Jugendliche nicht größer ist als das für Erwachsene. „Es spielt keine Rolle, ob der Patient 18, 28 oder 48 ist“, sagt Kania. Das bedeutet im
Umkehrschluss jedoch auch, dass sich junge Patienten ebenso wie Erwachsene möglicher Gefahren bewusst sein sollten, sagt Witzel. Diese würden auf der Jagd nach Schönheit gerade bei Teenagern gern ausgeblendet. „Aber es ist und bleibt immer eine Operation - und da können auch Komplikationen auftreten.“

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