Herzblatt-Geschichten

Bitte zehn Minuten durchknutschen

Von Jörg Thomann
Aktualisiert am 05.07.2020
 - 11:49
Mike Krüger bereitet Christian Drosten Sorgen
Kann „Der Nippel“ gegen Corona helfen? Sollten Babys selbst über ihre Namen bestimmen? Und was ist ein Mann-Mann-Mann? Antworten in den Herzblatt-Geschichten.

Wenn es eines weiteren Beweises dafür bedurft hätte, wie steinalt wir sind, dann wäre er diese Woche mit der Nachricht erbracht worden, dass Mike Krügers Lied „Der Nippel“ den vierzigsten Geburtstag feierte. Deutlich jüngere Menschen dürften den Song nicht kennen und sich fragen, wovon er handelt, aber aufgepasst, liebe Kinder: Solltet Ihr danach googeln, und das womöglich gar über die Bildersuche, dann werdet Ihr auf Dinge stoßen, für die Ihr noch zu klein seid.

Von solchen Dingen erzählt das Lied ja auch gar nicht, sondern von schlecht verpackten und schlecht zu entpackenden Gebrauchsgegenständen, obwohl eine Strophe schon ein wenig in besagte Richtung geht. Ein Redakteur der „Bild“-Zeitung eröffnet der Leserschaft, dass er mit seiner Interpretation des Liedes einst den „Gesangswettbewerb auf dem Auricher Kinderfest“ gewann: „Auf der Bühne musste ich die schlüpfrige BH-Strophe weglassen, auf Anweisung meiner Mutter. Ich wusste ja auch noch nicht, was ein BH überhaupt ist...“ Die Strophe, in der der Protagonist seinen Fallschirm nicht aufkriegt und auf dem Boden zerschmettert, hat der Junge offenbar vortragen dürfen. Als „Bild“-Journalist darf er sich nun offen mit beidem befassen, dem Schlüpfrigen und dem Blutigen.

Fliehende Viren

Mike Krüger wiederum hat seinem Songklassiker ein fürs Jahr 2020 maßgeschneidertes neues Gewand verpasst. “Bild“ druckt den Text: „Sie müssen nur die Maske aus der Tasche zieh’n, weil Viren dann quasi von alleine fliehen.“ Wir finden das recht gewagt, gerade „Bild“-Lesern zu suggerieren, dass Viren verschwinden, wenn man die Maske nur herauszieht oder sie womöglich durch die Luft wirbeln lässt. Da wird Christian Drosten wieder Schwerstarbeit leisten müssen, um den größten Schaden vom Land abzuwenden.

Wenig hilfreich scheint es da auch, was „Gala“ anlässlich des „Weltkusstages“ am 6. Juli schreibt: „Durch den Austausch von Bakterien wirkt ein Kuss ähnlich wie eine Impfung.“ Hoffentlich glauben die Leute jetzt nicht, dass – solange die Corona-Impfung noch nicht da ist – der Corona-Kuss denselben Zweck erfüllt. Und noch mehr Vorzüge des Kusses führt „Gala“ uns vor Augen: „Küsse verbrauchen ähnlich viele Kalorien wie ein Lauf über 100 Meter – dafür sollte allerdings etwa zehn Minuten durchgeknutscht werden.“ Ob der Tatsache, dass ein 100-Meter-Lauf dem halbwegs Trainierten kaum mehr als 15 Sekunden abverlangt, scheint uns dieser Aufwand körperlich wie zeitlich deutlich übertrieben.

Gut durchblutet

Doch „Gala“ lässt nicht locker und führt noch ein weiteres Argument ins Feld: „Bei Zungenküssen werden in Gesicht und Hals über 30 Muskeln angespannt, das sorgt für eine gute Durchblutung der Haut.“ Mag ja alles sein, nur nimmt es dem Ganzen ein wenig die sinnliche Komponente, wenn man es praktisch in den morgendlichen Workout integrieren könnte: fünfzig Liegestütze, zehn Minuten Knutschen, fünf 100-Meter-Läufe.

Für die Hautpflege könnte man freilich auch den Weg wählen, den laut Salma Hayek ihre Oma bestritt: „Was beim Frühstück übrig blieb, hat sie sich ins Gesicht geschmiert“, hat die Schauspielerin „Frau im Spiegel“ zufolge gesagt. Womit wir wieder einmal sehen, wie wichtig eine gesunde Ernährung ist: Honig und Avocadocreme scheinen uns hier deutlich zweckdienlicher als Rührei mit Speck.

Mann, Mann, Mann

Zumal wenn der Speck von Tönnies stammt. Über diesen Herrn schreibt Franz Josef Wagner in „Bild“: „Er war ein Mann-Mann. Er hatte die Energie eines Riesen.“ Erst jetzt aber werde „sich zeigen, was für ein Mann Clemens Tönnies ist“, fährt Wagner fort, denn: „Richtige Männer werden in der Not geboren.“ Wenn aber Tönnies schon zuvor ein Mann-Mann war, was passiert, wenn er in seiner Not nun nochmals geboren wird? Wird er dann zum Mann-Mann-Mann?

Das zu schmale Rollenspektrum für Frauen beklagt in „Frau im Spiegel“ die Schauspielerin Lisa Bitter: „Entweder spielt man die liebe Süße oder die undurchschaubare Harte. Kann eine Frau nicht beides sein?“ Selbstverständlich, weshalb wir in Film und Fernsehen hoffentlich bald auch andere Frauentypen zu sehen kriegen, etwa die liebe Harte oder die undurchschaubare Süße.

Auch mit der Rolle als Vater und Mutter kann man fremdeln. „Den richtigen Namen für ein Kind zu wählen, fällt vielen Eltern schwer“, weiß „Bunte“. „Deswegen überlassen Katy Perry, 35, und Schauspieler Orlando Bloom, 43, das dem neugeborenen Mädchen selbst: ,Sie wird es uns sagen‘, sagt die Sängerin.“ Da sind wir gespannt, welchen Namen die Kleine dann tragen wird: Agu, Dada oder Grrbllbll?

Einen besonderen Gastbeitrag kündigt „Freizeitwoche“ unfreiwillig auf ihrer Titelseite an: „Florian Silbereisen – Gegendarstellung“. Unter der Überschrift „Schleicht er heimlich um Helenes Haus?“ hatte sie unter Berufung auf „Nachbarn“ Helene Fischers behauptet, Silbereisen sei einmal „in den Abendstunden am neuen Haus seiner Ex gesehen worden“, was dieser nun per Gegendarstellung bestreitet. „Florian Silbereisen hat Recht“, sieht sich das Blatt gezwungen zuzugeben. Da haben die Nachbarn womöglich Silbereisen mit einem herumschleichenden Reporter der „Freizeitwoche“ verwechselt.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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