Herzblatt-Geschichten

Ich beschimpfe mich vor dem Spiegel

Von Jörg Thomann
18.10.2020
, 14:21
Arnold Schwarzenegger mag nicht altern, Jens Spahn siegt dank purer Größe und einer Katze droht der soziale Absturz: die neuen Herzblatt-Geschichten.

Ab und an bemüht sich sogar die Bild-Zeitung, ein wenig Niveau in ihr Blatt zu bringen. Dann interviewt sie zum Beispiel „Deutschlands klügsten Philosophen und Denker“, wie sie Peter Sloterdijk nennt, was gegenüber Habermas und Richard David Precht nicht sehr nett ist. Sloterdijk jedenfalls widmet sich im Gespräch auch ganz profanen Themen wie der Frage nach dem künftigen CDU-Vorsitzenden und möglichen Kanzlerkandidaten der Union, und er beantwortet sie so, wie man es vom klügsten deutschen Denker erwarten darf: Der Größte werde gewinnen.

Er glaube nämlich, so Sloterdijk, „dass die Körpergröße von Jens Spahn so etwas wie einen De-Gaulle-Effekt auslöst. Wenn einer so groß dasteht, dann sollte er die entsprechenden Begabungen besitzen, nicht?“ Ganz gewiss, nur fragen wir uns, was das heißt, wenn laut Wikipedia Jens Spahn 1,92 Meter groß ist, Markus Söder aber 1,94 Meter und Friedrich Merz sogar 1,98 Meter. Konkurrieren dann verschiedene De-Gaulle-Effekte miteinander? Und was genau hatte einst die Herren Schröder (1,74 Meter) und Schmidt (1,72 Meter) zu Kanzlern gemacht: ein Napoleon-Effekt?

Mein Name: Frutti di Mare

Etwas größer hat sich gerade Nathalie Volk gemacht. Das Model „heißt jetzt offiziell geändert Miranda DiGrande“, weiß Bild, und möchte so in Hollywood durchstarten: „Mit ‚Miranda DiGrande‘ fühle ich mich wie ich selbst.“ Der Name, schreibt Gala, „sei ihr im Traum eingefallen“, und auch wenn uns selbst ein solcher Name im Traum nicht einfallen würde, müssen wir doch zugeben, dass er einprägsam ist. Noch klangvoller hätten wir allerdings Cruella de Vil, Frutti di Mare und Roberta De Niro gefunden.

Ganz ohne Künstlernamen zum Star geworden ist Arnold Schwarzenegger, der den Bunte-Interviewer hübsch auflaufen lässt, indem er auf dessen Aufforderung „Erzählen Sie uns etwas über die neue Frau in Ihrem Leben“ antwortet: „Ich erzähle Ihnen etwas über mein Leben. Es ist ausgefüllt mit drei Karrieren.“ Die er dann ausgiebig Revue passieren lässt. Beim Schauspiel freilich, gibt er zu, „engen sich meine Möglichkeiten für Rollen immer mehr ein. Wenn man einen jungen Lover braucht, werde ich bestimmt nicht mehr angerufen.“ Das überrascht uns dann doch, dass Schwarzenegger offenbar auch mal für junge Lover in Erwägung gezogen wurde und nicht nur für die immergleichen brachialen Kraftpakete.

Wo ist Mister Olympia?

Das Altern, auch das räumt Schwarzenegger ein, falle ihm „vermutlich schwerer als so manchen anderen. Es gibt nicht sehr viele, die wie ich vor dem Spiegel stehen und sagen: ‚Du warst mal Mister Universum. Schau dich an. Wo ist der jetzt? Wo ist Mister Olympia?‘“ Da sind wir doch ganz froh, dass wir niemals Ambitionen hegten, besonders gut in Schuss zu kommen, und uns jetzt daher nicht vorm Spiegel selbst beschimpfen müssen. Der schlaffe und schwächliche Typ, der wir vor dreißig Jahren waren, ist jedenfalls noch immer da.

Bessere Zeiten erlebt hat auch Choupette, einst verhätschelte Schoßkatze des seligen Karl Lagerfeld. Weil sich laut Bunte die Auszahlung von Geldern aus Lagerfelds Testament verzögere, „flog sie zuletzt Linie nach Olhão an der Algarve und wohnte in einem Low-Budget-Ferienhaus. Statt lukrativer Werbedeals mit Weltmarken standen bisher Auftritte bei Katzenmessen auf der Agenda.“ Arme Mieze! Wir wünschen Choupette, dass sie demnächst nicht noch Baumärkte eröffnen oder ins Dschungelcamp einziehen muss, um sich mühsam ihre Mäuse selbst zu verdienen.

Zu allem Unglück weckt auch noch Gala ihren Sozialneid mit der Schlagzeile „Claudia Schiffer – So luxuriös wohnen ihre Hunde“. Dazu zeigt sie den „Entwurf des Hundezimmers mit Körbchenplatz, Garderobe, Waschbecken und Heizlüfter unter der Decke“. Gilt so etwas tatsächlich schon als Luxus? Und ob sich die Hunde wirklich so sehr über ihre Garderobe und ihr eigenes Waschbecken freuen?

Als Knirps ein Lümmel

Sehr gefreut haben wir uns auf jeden Fall über die Schlagzeile der Freizeitwoche: „Jörg Pilawa – Lustiges Geständnis – Als Knirps war er ein kleiner Lümmel“. Gleich zwei fast schon vergessene Begriffe in einem Satz, wunderbar, da hätten wir gern mehr davon: War Pilawa nicht auch als Dreikäsehoch ein kleiner Schlawiner? Als Steppke ein kleiner Flegel? Und als Bübchen ein kleiner Rabauke?

All dies trifft offenbar auch auf Sänger Michael Patrick Kelly zu, der gegenüber Echo der Frau eingesteht: „Ich habe wahrscheinlich fast alle zehn Gebote mehrmals gebrochen.“ Fast alle, das ist bestürzend. Da wollen wir inständig hoffen, dass er eher mehrmals den Tag des Herrn nicht geheiligt oder seines Nächsten Weib begehrt als dass er mehrmals getötet hat.

Deprimierend auch die aktuelle Corona-Entwicklung. Barbara Wussow aber sieht Hoffnung, sagt sie dem Neuen Blatt: „Beim letzten Dreh in Kolumbien traf ich einen Schutzengel in Form eines Arztes. Er betete für meine Familie und mich. Das gab mir das Gefühl, dass uns nichts passieren kann.“ Schön, wenn sie das so sieht. Hätten wir allerdings selbst einen Termin beim Arzt und der würde sofort zu beten anfangen, dann wären wir nicht ganz so zuversichtlich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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