Sommerhaus der Stars

„Du bist eine abartige Person“

Von Anke Schipp
01.11.2020
, 14:04
Wie tief Trash-TV sinken kann, sieht man in diesen Wochen bei „Das Sommerhaus der Stars“ auf RTL: Wo früher gezickt und gestritten wurde, findet heute waschechtes Mobbing statt.

Bis vor kurzem kannte ich Lisha und Lou nicht. Vermutlich bin ich auch nicht ihre Zielgruppe. Ich schaue selten Youtube-Videos und selbst wenn, würde ich vermutlich nicht auf Lisha und Lou kommen, die ein Pärchen aus Berlin-Kreuzberg sind, ihre Videos mit „Ey Leute“ beginnen und irgendwas Banales in die Kamera quatschen. Seit kurzem kenne ich Lisha und Lou aber besser, als ich sie je kennenlernen wollte, weil ich beim Zappen durchs Fernsehprogramm zufällig bei Folge 5 der Sendung „Sommerhaus der Stars“ auf RTL hängenblieb.

Ich gebe zu, zuerst faszinierte mich das scheußliche 80er-Jahre-Interieur des Hauses, in dem die Promi-Paare zwei Wochen im Sommer lebten und gefilmt wurden. Dann faszinierte mich, was sich darin abspielte, aber mehr aus einem gewissen Entsetzen heraus. Ich konnte nicht wegschauen, so wie man es nicht kann, wenn man zufällig eine Schlägerei beobachtet. Man ist wie erstarrt und ohnmächtig, bevor man schließlich Hilfe holt. Die gab es in den vergangenen Wochen bei RTL allerdings nicht. Stattdessen konnten Lou und Lisha vor den Augen von Millionen von Zuschauern ungestört ihr Terrorregime führen.

Rekapitulieren wir kurz für alle Nichtwissenden, um was es in der Sendung geht: Zehn Promi-Paare, die man nur kennt, wenn man regelmäßig den „Bachelor“, „Goodbye Deutschland!“ oder „DSDS“ guckt, leben zwei Wochen auf engstem Raum und müssen zwischendurch zu Spielen antreten, die entweder eklig, grausam oder dafür gemacht sind, die extreme Doofheit der Kandidaten zu offenbaren. Am Ende der Staffel gewinnt ein Pärchen und erhält 50.000 Euro. Das alles kennt man auch aus dem Dschungelcamp und ähnlichen Formaten, und auch, dass für jede Staffel absichtlich Kandidaten gecastet werden, die für Stunk sorgen. Was wir in diesen Wochen auf RTL sahen, ist aber mehr als dumpfes Genöle am Lagerfeuer, es ist waschechtes Mobbing.

Am Anfang war es ein weitgehend normaler Trash-TV-Konflikt. Der Bachelor von 2019 (Andrej) und seine Freundin (Jenny), die er damals als Herzensdame auserwählte, trafen im Sommerhaus auf eine andere Teilnehmerin der Sendung (Eva), die seinerzeit beim Bachelor den zweiten Platz gemacht hat, zuvor aber schon mit Andrej geschlafen hatte, woraufhin sie ihm übelnahm, dass sie nicht Siegerin wurde. Clever gecastet also von RTL, denn eine Situation wie diese birgt einigen Zündstoff. Wer will schon plötzlich zwei Wochen mit seinem Ex und dessen neuer Freundin auf engstem Raum abhängen? Und wer will, andersherum, seine Ex sehen, die ihm ständig Vorwürfe macht?

Das war Phase 1 der drei Stufen, die es bei Mobbing gibt: ein Konflikt als Auslöser. Dann tritt schon schnell Phase 2 ein: die Zuspitzung. „Der ungelöste Konflikt gerät in den Hintergrund, die betroffene Person wird immer häufiger zur Zielscheibe von systematischer Schikane“, definiert es die Gewerkschaft IG Metall, wenn es um Mobbing am Arbeitsplatz geht (und nichts anderes sind ja diese Reality-Formate für die Kandidaten).

Das Phänomen des Gaslighting

Phase 2 gelingt vor allem dann, wenn jemand dabei ist, der gut andere manipulieren kann und sie auf seine Seite zieht. Das machten zuerst der Bachelor Andrej und seine Jenny, die Eva auf ganzer Linie schlechtredeten und einen Großteil der Gruppe von ihrer Niedertracht überzeugten. Nach dem überraschenden Auszug der Mobber übernahmen das Lisha und Lou, die offenbar allen zeigen wollten: Wir können es noch besser!

Hier ein kleiner Auszug ihrer Beschimpfungen: „Halt deine Fresse!“, „Ihr seid die F***** hier“, „Ratte“, „Drecksstück“, „abartige Person“.

Schon sind wir mitten in Phase 3: der Eskalation. „Das Mobbing richtet jetzt greifbaren Schaden an“, wie es in einer Definition der Gewerkschaft heißt. „Die gemobbte Person ist völlig verunsichert und verängstigt, kann sich nicht mehr konzentrieren und macht Fehler.“ Es gab eine Szene im „Sommerhaus“, in der Eva zu den anderen sagte, dass sie Angst habe. Daraufhin wurde sie von Lisha niedergeschrien, und die anderen warfen ihr vor, dass diese Aussage mal wieder nur eine Gemeinheit von ihr sei.

Wer schon immer wissen wollte, wie Mobbing funktioniert, kann beim „Sommerhaus der Stars“ auch das Phänomen des Gaslighting beobachten, das in der Psychologie eine Form von psychischer Gewalt bezeichnet, mit der Opfer gezielt verunsichert werden, indem einfach gelogen wird. In einer Szene sagt Lou in der Küche zu Eva: „Du bist eine asoziale Person“, vermutlich, weil Eva irgendwas nicht weggeräumt hat. Eva antwortet: „Bin ich nicht“ und geht raus. Darauf später angesprochen, verteidigt sich Lou, indem er behauptet, sie habe auf seinen Vorwurf hin doch gelacht, nach dem Motto: Sie fand das gar nicht schlimm. Der Videobeweis zeigte: Sie hat nicht gelacht!

Am Ende der Mobbingkette ist es eigentlich egal, was am Anfang stand, wer zuerst was gesagt hat, denn alle Menschen, die mobben, gehen davon aus, dass es das Mobbingopfer auch verdient hat und selbst dran Schuld ist. Vermutlich ist Eva auch kein Unschuldsengel, vielleicht hat sie Sachen behauptet, die nicht stimmen, aber sicher ist, dass sie ab Folge 5 nichts falsch gemacht hat, sondern sich nur noch gemeinsam mit ihrem Verlobten Chris verzweifelt gegen das Mobbing wehrte.

Alle gegen einen

Das wiederum nur schlimmer wurde. Das Erschütternde ist an der Sendung, deren Finale an diesem Sonntag ausgestrahlt wird (und vorher schon im Internet zu sehen war), dass bei einem Familiensender wie RTL ein Hass gezeigt wird, wie man ihn sonst nur anonym vorgetragen aus dem Netz kennt.

Das Beruhigende ist wiederum: Es gab auch Menschen, die sich dem Mobbing entgegenstellten. „Jetzt sind alle gegen einen, das ist doch nicht normal“, sagte etwa Iris Klein, die Mutter von Daniela Katzenberger. Und in ihrem schönsten Pfälzisch klang das einfach nach gesundem Menschenverstand. Leider wurden Iris und ihr Mann eine Folge später rausgewählt, und es waren nur noch die Schauspielerin Diana und ihr Mann Michael, die immer wieder sagten, dass es nicht okay ist, was hier passiert – und wiederum lautstark beschimpft wurden. Eine weitere Genugtuung ist, dass der Bachelor Andrej nach seinem Auszug aus dem Sommerhaus die Quittung bekam und sich Werbepartner wegen seines Verhaltens von ihm trennten.

Auch RTL selbst war offenbar nicht ganz wohl bei der Sache. Unterhaltungschef Kai Sturm sagte am Samstag in einem Interview mit dem Onlinemagazin „Übermedien“, dass der Sender persönlich betroffen gewesen sei von der „Eskalation der Aggressivität“ und dem „unangenehmen negativen Gefühl, das in dieser Staffel steckt“. Trotzdem wurde munter weiter gesendet.

Und am Ende sind es vor allem Lou und Lisha, die – zumindest nach den Kriterien der Social-Media-Welt – schon vor dem Finale als Art Sieger aus dem Konflikt hervorgingen. Die Zahl ihrer Follower auf Instagram hat sich massiv vermehrt. Da die Sendung längst abgedreht ist, rechtfertigen sich die beiden über soziale Netzwerke, dass RTL alles falsch zusammengeschnitten habe und dass ihre Art zu reden nun mal so sei, weil man so in Berlin-Kreuzberg rede. Von ihren Followern werden sie für ihre „authentische Art“ gefeiert. Es gibt also offenbar eine Menge Menschen, die empfinden es als guten Charakterzug, wenn man statt: „Ich sehe das anders“ schreit: „Halt die Fresse, du Stück Dreck!“. Das sollte nachdenklich stimmen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schipp, Anke
Anke Schipp
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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