Studenten

Andere Leute müssen auch Kekse backen

Von Julia Schaaf
11.10.2010
, 11:35
Zu faul? - Lediglich 26 Wochenstunden bringen deutsche Studenten im Schnitt für ihr Studium auf
Gerade mal 26 Stunden pro Woche arbeiten Studenten im Schnitt fürs Studium, fand eine Erhebung heraus - deutlich weniger als verlangt. Sind sie faul? Lernen sie falsch?
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Mara ist eine leistungsstarke Studentin. Sie ist es gewohnt, gute Noten zu schreiben, und sie arbeitet dafür hart. Eine Drei akzeptiert sie nur, wenn sie ihr Bestes gegeben hat. Natürlich findet die angehende Medien- und Kommunikationswissenschaftlerin ihr Studium stressig. Aber „Stress hat irgendwie jeder“, sagt sie. Schlimmer findet sie die Angst zu scheitern. Und nie ist Feierabend, immerzu plagt sie das Gefühl, irgendwas lesen zu müssen. Vergangenen Winter hat Mara an einer Studie teilgenommen, um die Arbeitsbelastung von Deutschlands Bachelorstudenten zu ermitteln. Tag für Tag hat sie protokolliert, wie sie ihre Zeit verbringt. Sie hat jeden Bibliotheksbesuch vermerkt und notiert, wenn sie vom Schreibtisch aufstand, um Wäsche aufzuhängen. In Prüfungsphasen ergab das Sechzig-Stunden-Wochen. Manchmal jedoch kam sie auf gerade mal dreieinhalb. „Oh, mein Gott“, dachte Mara*. „Was ist da passiert?“

Rolf Schulmeister zieht ein kanariengelbes T-Shirt unter seinem Schreibtisch im Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Universität Hamburg hervor. „Bundesweiter Bildungsstreik“ steht darauf. Vergangenen Herbst hat der Professor das Hemd getragen und ist mitmarschiert, als die Studenten so zahlreich wie lange nicht auf die Straße gingen, um für bessere Studienbedingungen zu kämpfen. Schulmeister war überzeugt, der Nachwuchs habe recht: Der „Bologna-Prozess“, die Umstellung auf ein europäisches System aus Bachelor- und Masterabschlüssen, habe das Semesterpensum und die Zahl der Prüfungen auf ein unzumutbares Niveau geschraubt. Kein Wunder, dass so viele Studenten über Überlastung klagten. Mit der Zeitbudget-Erhebung „Zeitlast“ wollte der Hochschuldidaktiker diesen Zusammenhang belegen. „Inzwischen“, sagt der Professor, „sind wir böse überrascht.“

40 Wochenstunden arbeiten nur die wenigsten

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Denn ganz gleich ob geistes-, sozial- oder ingenieurwissenschaftliche Studenten, ob angehende Erziehungswissenschaftler in Mainz, Mechatroniker in Ilmenau oder die Hamburger Medien- und Kommunikationswissenschaftler: Im Schnitt bringen die untersuchten Bachelor-Studenten 26 Wochenstunden für ihr Studium auf - das Kopieren von Texten und fachbezogene Gespräche mit Kommilitonen inklusive. Die Bologna-Vorgaben erwarten 40 Wochenstunden, abzüglich Urlaub bleiben 37,5. Dieses Pensum erreichen - abgesehen von fleißigen Ausnahmen - nur die Mechatroniker im Hauptprüfungsmonat Februar. Überhaupt schnellen die Werte rund um die Klausuren in die Höhe, während das Selbststudium im Semester, die Vor- und Nachbereitung von Veranstaltungen, meist vernachlässigt wird. Schulmeister seufzt. „Das sind insgesamt schwache Werte.“ Eine weitere Zahl untermauert den enttäuschenden Befund. Der Professor sagt: „Die Studenten haben elf bis zwölf Stunden Freizeit eingetragen am Tag.“

Bild: F.A.Z.

Die Ergebnisse stellen die Debatte über die Zumutungen von Bologna auf den Kopf. Man könnte auch sagen: Sie entziehen ihr die Grundlage. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) zum Beispiel sieht in den Ergebnissen offenbar eine Ehrenrettung für die Bachelor/Master-Umstellung. Zwar müssten die Hochschulen die Hinweise ernstnehmen, dass die Organisation des Studiums verbessert werden kann, sagte sie dieser Zeitung. Aber: „Es zeigt sich, dass es offenbar Vorurteile gegen die mit der Bologna-Reform eingeführten Studiengänge gibt, die sich so nicht halten lassen.“ Erst im Dezember hatten sich die Kultusminister der Länder darauf verständigt, dem Unmut Rechnung zu tragen und den Bachelor zu entrümpeln. Seitdem soll nicht nur die Zahl der Prüfungen sinken. Auch der zeitliche Aufwand wird nur noch mit 32 bis 39 Wochenstunden veranschlagt.

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„Ich habe es mir nicht so anstrengend vorgestellt.“

Aber war das nötig? Oder ist die Mehrheit der Studierenden einfach faul? Und wie prägend bleibt der Mythos vom Studium als Lebensphase, in der es ein Recht auf Ausschlafen gibt und alle Zeit der Welt für Freunde, Freizeit und Muse? Gehört das zum Bildungserlebnis dazu, funktioniert dieses vielleicht nur so? Oder geht es zu oft um Gammelei?

Pauline hatte solche Vorstellungen von grenzenloser Freiheit. Wenn am nächsten Tag keine Vorlesung ist, wollte sie feiern gehen, auch unter der Woche. Daraus ist nichts geworden. Die Zweiundzwanzigjährige studiert in Hildesheim Sozial- und Organisationspädagogik und sagt: „Ich habe es mir nicht so anstrengend vorgestellt.“ Sie leidet unter dem Druck, eine Menge Anforderungen in knapp bemessener Zeit bewältigen zu müssen. Wegen der Hausarbeiten seien die Semesterferien manchmal stressiger als die Vorlesungszeit. Dann bekommt sie Kopfschmerzen, kann nicht mehr abschalten und zieht sich zurück.

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Die Ergebnisse der „Zeitlast“-Studie machen auf Pauline wenig Eindruck. Anders als das Gros der Teilnehmer kann sie darauf verweisen, dass sie mindestens 16 Wochenstunden jobbt, um ihr Studium zu finanzieren. Die Mehrheit ist nicht einmal sechs Stunden wöchentlich erwerbstätig. Eine gängige Erklärung für die überforderten Bachelor-Studenten ist damit hinfällig. Aber auch Tim, 24 Jahre, Mechatroniker in Ilmenau, 28 Stunden „Workload“ die Woche, beschreibt sein Studium als straff und belastend. Er sagt: „Das ist so eine Dauerspannung. Man möchte sich in die Badewanne legen und entspannen und kommt raus und fühlt sich genauso wie vorher.“

Hausgemachter Stress

Studentenvertreter nehmen ihre Kommilitonen pauschal in Schutz. Die neue Studie untermauere sogar die studentische Systemkritik, meint Sören Faika vom Asta der Uni Hamburg: Die unflexible Studienstruktur verursache „subjektiv Stress“. Beim Deutschen Studentenwerk wird zunächst die schmale Basis von „Zeitlast“ bemängelt. Grundlage sind Tagesprotokolle von 112 Probanden aus fünf verschiedenen Bachelor-Studiengängen. Aufgrund der Methode sind die Daten jedoch ungewöhnlich detailliert und belastbar. Stefan Grob, Sprecher des Studentenwerks, sagt: „Ich glaube nicht, dass die Proteste des vergangenen Jahres grundlos waren. Im Gegenteil. Der entscheidende Punkt scheint allerdings nicht der messbare Zeitaufwand zu sein.“ Nicht einmal die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sieht „Anlass für ein Bashing der Studierenden“. Immerhin merkt sie an: „Die Studierenden sollten sich aber auch selbst fragen, wie sie ihre Studienzeit intensiver nutzen können.“

Mara aus Hamburg hat inzwischen ein Zeitmanagement-Seminar absolviert, das für die Teilnehmer der Studie angeboten wurde. Seitdem ist ihr klar, dass Stress auch hausgemacht sein kann. Im Dezember zum Beispiel, als die Lern-Werte ins Bodenlose sackten, hätte sie gewettet, viel für die Uni getan zu haben - so groß schien der Druck. Heute vermutet sie die Ursache im allgemeinen Weihnachtsstress. „Aber andere Leute müssen auch Kekse backen und Geschenke kaufen.“

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„Extracurriculare Zeit“: 84 Prozent

Mara ist bewusst geworden, wie viel Zeit sie vor dem Laptop vertrödelt, indem sie Kaffee kocht und E-Mails checkt. Wie sie Freistunden zwischen Seminaren verbummelt, aber denkt, sie hätte den ganzen Tag studiert. Inzwischen versucht sie, sich realistische Ziele zu stecken und pragmatisch zu arbeiten: einfach anzufangen, anstatt sich mit Entscheidungen aufzuhalten, welche Aufgabe die dringlichste ist. Tatsächlich war sie noch nie so früh mit ihren Hausarbeiten fertig wie im Sommer. Sie sagt: „Ich habe auch gelernt, meine Freizeit zu genießen.“

Bei Corinna, die ebenfalls Medien- und Kommunikationswissenschaften in Hamburg studiert, hat die Studie einen Einstellungswandel ausgelöst. Die Einundzwanzigjährige war in ihre Traumstadt gezogen, um ihr Traumfach zu studieren; nie hat sie in Veranstaltungen gefehlt. Ihre Noten: immer mindestens „gut“. „Ich muss gar nicht viel machen“, dachte Corinna deshalb. Die Auswertung der Studie traf sie wie ein Schock. In der Rubrik „extracurriculare Zeit“ stand: 84 Prozent.

Corinna hat nie zu den Studenten gehört, die über die Last des Studiums geklagt hätten. Sie liest und begreift schnell und macht sich nicht unnötig einen Kopf. Wenn man fragt, was sie denn treibe in all ihrer Freizeit, stützt sie ihr Kinn in die Hand und verdreht die Augen zum Hamburger Herbsthimmel. „Oooch“, sagt sie nur. Nichts Besonderes, soll das wohl heißen. Jobben, Freunde treffen und so. Noch immer hat sie das Gefühl, reichlich Zeit für sich zu haben. Sie surft einfach weniger im Internet oder arbeitet in der Bahn, anstatt wie früher Musik zu hören. Aber zum ersten Mal hat sie zu Beginn des Sommersemesters einen Stapel Texte kopiert. Wenn im Seminar Referate gehalten werden, liest sie sich ins Thema ein. Nicht, dass sie deshalb bessere Noten schreiben würde. Darum geht es ihr nicht. Sie sei zufriedener, sagt sie. Und sie habe das Gefühl, sie lerne mehr.

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Noten als Messlatte aller Dinge

Vor der Einführung des Bachelors hat es mitunter Jahre gedauert, bis Studierende bemerkten, dass der Nutzen des Studiums sich weniger an vorgeschriebenen Leistungen bemisst als am eigenen Engagement. Zum Anspruch der Bologna-Reform gehörte es, die Universitätsausbildung zu beschleunigen. Da war es konsequent, auch den erwarteten Zeitaufwand zu berechnen und das Selbststudium mit Leistungspunkten zu honorieren - ein Paradigmenwechsel. Eine Vergleichsgruppe von Diplom-Erziehungswissenschaftlern aus Mainz, die ebenfalls an der „Zeitlast“-Studie teilgenommen haben, zeigt denn auch: Die investieren noch weniger Zeit in ihr Studium, nur zwanzig Stunden die Woche. Nun verlangt Bologna das Doppelte. „Ich finde das, ehrlich gesagt, zu viel“, sagt Pauline. Eine andere Probandin aus Hildesheim pflichtet ihr bei: „Das kann ich einfach nicht leisten. Das kann man als Arbeitnehmer, wenn man eine Routine entwickelt hat. Lernarbeit ist etwas anderes.“

Was also ist angemessen? Professor Schulmeister schnaubt. Dann redet er von der Auseinandersetzung mit komplexen Themen, von der Lektüre ganzer Bücher anstelle von Aufsätzen, von selbständiger Recherche und eigenen Ideen. „Das ist der Maßstab“, sagt Schulmeister. „Wie viel Zeit Studenten dafür brauchen, ist mir schietegal.“ Aber Bildung? Erkenntnis? Lernen für einen selbst? „Gibt's nicht mehr. Ist futsch“, glaubt Schulmeister. Seiner Meinung nach trägt die Fixierung auf Leistungspunkte und Prüfungen zu dieser Entwicklung bei. Die innere Motivation lässt nach, Noten werden zur Messlatte aller Dinge, und nach der letzten Klausur fällt der Hammer. Faul? „Das ist keine Kategorie“, sagt Schulmeisters Mitarbeiterin Christiane Metzger. „Die Studenten heute studieren nur anders.“ In diesem Sinne war Corinna typisch für Bologna. Mara sagt: „Ich habe Angst, dass ich im Studium verlerne, mich für Sachen zu interessieren.“

Blockseminare statt zerfaserte Stundenpläne

Noch beunruhigender ist, dass die Zeitbudget-Studie keinerlei Zusammenhang zwischen Arbeitsleistung und Noten feststellt. Noch die Kandidaten mit dem geringsten Zeitaufwand haben alle Prüfungen bestanden. Die Daten legen nahe, dass sinkende Anforderungen genauso wenig zur Zufriedenheit der Studenten beitragen wie eine Verminderung der zeitlichen Belastung. Christiane Metzger will deshalb die Universitäten in die Pflicht nehmen. „Wenn die Hochschule für das Selbststudium Leistungspunkte vergibt, dann muss sie auch die Verantwortung dafür übernehmen.“ Metzger ist überzeugt, dass die allgemeine Unzufriedenheit viel mit der Organisation der Lehre, etwa zerfaserten Stundenplänen, zu tun hat.

In Ilmenau wird von morgen an erforscht, wie sich Blockveranstaltungen auswirken. Die Mechatroniker beschäftigen sich dann vier bis fünf Wochen hintereinander quasi nur mit „Körperdynamik“. Geprüft wird gleich im Anschluss, damit es sich zum Semesterende weniger ballt. Phasen des Selbststudiums sind im Tagesablauf eingeplant, die Rückmeldung im nächsten Seminar inklusive. Weil die Blockstruktur jedoch einen größeren Zeitaufwand bedeutet, sind nicht alle Mechatroniker begeistert. Offenbar fürchtet mancher um seine Freizeit.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Schaaf, Julia
Julia Schaaf
Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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