Tiere

Rechenkünstler im Wasserbecken

08.04.2003
, 17:47
Der Schützenfisch spuckt nach seiner Beute
Der Schützenfisch hat eine besondere Jagdstrategie entwickelt. Er kann die Flugbahn seiner Opfer genau ermitteln
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Der Schützenfisch hat eine besondere Jagdstrategie entwickelt. Mit einem gezielten Wasserstrahl holt er kleine Insekten von Blättern und Zweigen. Dabei muß er seine Beute nicht nur zum Absturz bringen, sondern auch prompt zur Stelle sein, wenn sie auf der Wasseroberfläche auftrifft. Schließlich warten ringsum meist noch andere hungrige Mäuler auf einen nahrhaften Happen. Anscheinend können die Schützenfische berechnen, wo das abgeschossene Insekt landen wird. Das beobachteten Samuel Rossel, Julia Corlija und Stefan Schuster von der Universität Freiburg bei Jungfischen, die sie in einem geräumigen Aquarium einquartiert hatten.

In seinem angestammten Lebensraum, Flußläufen und Brackwasserzonen Südostasiens, erbeutet der Schützenfisch (Toxotes jacularis) allerlei exotische Insekten. Doch akzeptiert er auch ohne weiteres hiesige Arten von Schmeißfliegen. Das hat man für ein Experiment genutzt. Gut sichtbar vor einem weißen Hintergrund präsentiert, luden metallisch grüne, auch Goldfliegen genannte Insekten zum Zielschießen ein. Daß unter Wasser nur ein verzerrtes Abbild des luftigen Arrangements zu sehen ist, weil die Lichtstrahlen beim Übertritt in das dichtere Medium entsprechend abgelenkt werden, stört die hungrigen Schützenfische keineswegs. Sie sind dennoch treffsicher, selbst aus einer Entfernung von bis zu einem halben Meter.

Wendemanöver binnen Sekunden

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Wenn die Fliege dann herabpurzelt, wartet der erfolgreiche Schütze nicht etwa, bis sie den Wasserspiegel berührt. Wie die Videoaufnahmen bezeugen, dreht er sich schon vorher in die jeweilige Richtung. Meist beginnt er binnen hundert Millisekunden mit diesem Wendemanöver ("Journal of Experimental Biology", Bd. 205, S. 3321). Eile ist geboten, denn nicht nur der Schütze selbst handelt derart vorausschauend. Artgenossen, die den Treffer bemerkt haben, reagieren nicht minder flink.

Daß ein Schützenfisch tatsächlich abschätzen kann, wo er die Beute auffinden wird, zeigt folgendes Experiment: Wird die Fliege mit einem dünnen Faden an der kurzen Leine gehalten, endet ihr Fall schon nach wenigen Zentimetern abrupt. Diesen ungewöhnlichen Verlauf der Dinge scheint der erwartungsvolle Fisch überhaupt nicht zur Kenntnis zu nehmen. Unbeirrt steuert er auf den Punkt zu, an dem das Opfer eigentlich landen müßte. In einem weiteren Experiment hielten die Wissenschaftler ihre Versuchstiere auf andere Weise zum Narren. Sie fingen die abgeschossene Fliege auf einer waagerechten Glasplatte auf und ließen sie in der horizontalen Ebene davongleiten. Diese sonderbare Flugbahn extrapolierend, hätten die Schützenfische zu dem Schluß kommen müssen, daß ihre Beute erst in unabsehbar weiter Entfernung zu Boden sinken wird. Statt dessen reagierten sie so, als sei ihr Zielobjekt in freiem Fall herabgestürzt. Anscheinend basierte ihre Schätzung auf dem, was sie in den ersten hundert Millisekunden registriert hatten.

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Exakte Berechnung möglich

Wenn Fallhöhe und Richtung gleichermaßen bekannt sind wie die Anfangsgeschwindigkeit, läßt sich exakt vorhersagen, wo das Objekt auftrifft. Daß die Schützenfische diese Kunst beherrschen, erlaubt es ihnen, rasch zur Stelle zu sein. So haben sie gute Chancen, allen anderen Interessenten zuvorzukommen und sich die Beute zu schnappen. Bislang wurden derartige Rechenkünste noch bei keiner anderen Tierart nachgewiesen. Wenn beispielsweise eine Libelle einer Fliege nachstellt, nutzt sie eine ganz andere Strategie. Während der Verfolgungsjagd sorgt sie dafür, daß das Beutetier stets an der gleichen Stelle auf ihren Facettenaugen abgebildet wird. Auf diese Weise schneidet sie ihrem Opfer den Weg ab. Da sie es ständig im Auge behält, kann sie auch dann auf Kollisionskurs bleiben, wenn es seine Flugrichtung ändert.

Quelle: D.K., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2003, Nr. 84 / Seite N2
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