Aufforstung und Tiere

Holzgatter als Überlebenshilfe

Von Oliver Bock, Heidenrod
22.10.2020
, 10:33
Hessens waldreichste Gemeinde bewirtschaftet ihren Forst selbst. Die neue Freiheit beginnt mit direkt einer Herausforderung. Denn damit die Aufforstung erfolgreich verläuft, müssen die Bäume vor hungrigen Tieren geschützt werden.

Der Aufwand ist gewaltig. Damit in dem von Trockenheit und Borkenkäfern stark geschädigten Heidenroder Kommunalwald neue Bäume wachsen können, müssen sie vor dem hungrigen Reh- und Rotwild geschützt werden. Sonst wäre jede Aufforstung vergebliche Liebesmühe. Also lässt Bürgermeister Volker Diefenbach (SPD) derzeit Lärchenstämme für Holzgatter zurechtsägen. Auf rund 300 Hektar Waldfläche sollen insgesamt mehr als 4000 solcher Gatter errichtet werden, um jeweils zwölf mal zwölf Meter große Aufforstungsinseln zu schützen. Diese werden als unregelmäßiges Schachbrettmuster auf den Aufforstungsflächen angelegt. Genau dort, wo der Borkenkäfer die Fichte dahingerafft hat. 14 solcher Gatter werden je Hektar gebaut. Das entspricht etwa einer Aufforstungszone von 20 Prozent der Schadfläche. „Initialpflanzung“ nennt der gelernte Förster Diefenbach diese Methode, die ihr Vorbild in Rheinland-Pfalz hat.

Auf den übrigen 80 Prozent soll und muss sich der Wald schon aus Kostengründen selbst helfen. Ob und wie das gelingt, wird spannend zu beobachten sein. Diefenbach erwartet, dass sich zunächst Pioniergehölze wie die Birke breitmachen. Auf höher gelegenen Waldstandorten könnte sich auch die Fichte erholen. Aber das ist Spekulation. Vorteil der Gatter aus Lärchenholz ist, dass sie nach etwa zwei Jahrzehnten, wenn die von ihnen geschützten Jungbäume keinen Schutz mehr brauchen, von selbst verfaulen und nicht wie Drahtzäune mühsam entsorgt werden müssen.

Die neue Selbstständigkeit

Die Förderung der Wiederbewaldung ist jetzt ureigene kommunale Aufgabe, denn Heidenrod hatte zum 1. April die Betreuung durch den Landesbetrieb Hessenforst gekündigt und ein Gemeindeforstamt gegründet. Für Hessenforst ist das ein Verlust, denn hinter Frankfurt (5700 Hektar) und Wiesbaden (5600 Hektar) ist Heidenrod der drittgrößte Waldbesitzer Hessens. Es hätte auch andere Optionen wie die Verpflichtung eines privaten Dienstleisters gegeben, doch dafür konnte sich keine der politischen Fraktionen in Heidenrod erwärmen. Die Gemeinde hat für die neue Selbständigkeit zwei der drei Revierförster von Hessenforst übernommen: Ralf Schmidt, der in eineinhalb Jahren ohnehin in Pension geht, wurde von Hessenforst für diese Zeit nur ausgeliehen, während Timo Manthey jetzt Angestellter der Gemeinde ist. Der 4600 Hektar große Kommunalwald, der sich über 19 Ortsteile erstreckt, wurde in ein östliches und eine westliches Forstrevier aufgeteilt. Jeweils fünf Waldarbeiter unterstützten die beiden Revierförster.

Die Kündigung von Hessenforst ging sogar ein wenig schneller, als eigentlich vorgesehen war. Aber der Landesbetrieb legte Heidenrod trotz dessen großer Bedeutung für den Erhalt des Forstamtes Bad Schwalbach keine Steine in den Weg, und „wir wollten so schnell wie möglich raus“, sagt Diefenbach. Das hatte vor allem finanzielle Gründe, weil sich Hessenforst aus Sicht der Gemeinde die Aufarbeitung der Waldschäden allzu üppig bezahlen ließ. Denn der Landesbetrieb stellte der Gemeinde einen Pauschalbetrag je Kubikmeter Holz in Rechnung. Das war für Heidenrod insofern finanziell schmerzlich, weil durch die Schäden viel Holz angefallen ist, die Holzpreise aber im Keller und manche Absatzwege verstopft waren.

Kurze Entscheidungswege

In dem kleinen Gemeindeforstamt, als dessen Fachbereichsleiter Diefenbach selbst agiert und das gerade seinen Sitz um Kulturhaus Laufenselden bezieht, sind nun schnelle und kurze Entscheidungswege Trumpf. Langwierige Abstimmungen und Diskussionen mit Hessenforst über den richtigen Weg der Bewirtschaftung gehören der Vergangenheit an, auch wenn der vom Regierungspräsidium zu genehmigende Forsteinrichtungsplan unverändert die Leitplanke der kommunalen Forstwirtschaft ist. Auf unkomplizierten und kundennahen Service können damit auch die rund 400 Bürger hoffen, die im Wald ihr Brennholz selbst schlagen und sich bisweilen über das bürokratische Gehabe von Hessenforst geärgert hatten.

Der Brennholzverkauf bringt der Gemeinde zwar einiges Geld ein, aber mit der Rolle des Waldes als ertragreicher Sparbüchse ist es vorbei. Allein das auf fünf Jahre angelegte Aufforstungsprojekt wird jährlich zwischen 25.000 und 50.000 Euro kosten. Im Schnitt der zurückliegenden Jahre hatte der Gemeindewald dem nur 8000 Einwohner zählenden Heidenrod eine jährliche Rendite von rund 200.000 Euro eingebracht. Nun hofft Diefenbach, dass bis 2025 zumindest eine „Null“ im Haushalt stehen kann und nicht sogar Zuschüsse fällig werden. Statt 24.000 Kubikmeter wird Heidenrod absehbar nur 20.000 Kubikmeter Holz jährlich verkaufen, und es fehlen besonders die lukrativen Holzsortimente im Angebot.

Die Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft ist groß. „Wir stehen vor der Grundsatzfrage, wie es mit dem Wald weitergeht“, sagt Diefenbach, den die Sorge um die Hauptbaumart Buche umtreibt. Sollte der Buche ein ähnliches Schicksal wie der Fichte widerfahren, dann könne von einer geregelten Waldwirtschaft keine Rede mehr sein, nur noch von „Waldbetreuung“. Dass Heidenrod bislang besser als manch andere waldbesitzende Kommune durch die Waldkrise gekommen ist, hat laut Diefenbach vor allem zwei Gründe: ein mit rund 20 Prozent vergleichsweise geringer Fichtenanteil und eine naturgemäße Waldwirtschaft, die seit mehr als 15 Jahren überdies den FSC-Regeln folgt. Erst in diesem Jahr wurde Heidenrod – ohne jede Beanstandung – das FSC-Siegel neu zuerkannt.

Bewährt hat sich laut Diefenbach das neu gegründete „Forst und Holzkontor Rheingau-Taunus“, dessen Vorstandsvorsitzender er ist. Die Gründung dieses Kontors, das jährlich 150.000 Kubikmeter Holz vermarkten soll, war Konsequenz der Entscheidung des Kartellamtes, die Hessenforst die Vermarktung des Holzes aus Kommunalwäldern untersagt hatte. Damit war zugleich das bislang überzeugendste Argument in den Kommunalparlamenten entfallen, es trotz steigender Kosten bei der Partnerschaft mit Hessenforst zu belassen. Auch die Gemeinde Hünstetten hat inzwischen die Dienste von Hessenforst gekündigt. Anders als Hessenforst hat das Holzkontor die Gebühren für „seine“ Kommunen wegen der großen Holzmenge auf ein Zehntel gesenkt und diese damit in der Krise entlastet. „Ein solches Entgegenkommen hätten wir uns von Hessenforst gewünscht“ sagt Diefenbach. Das viele „Käferholz“ werde zum Großteil nach China verkauft, freut sich Diefenbach. Ohne diesen Großabnehmer sähe es düster aus.

Quelle: F.A.Z.
Oliver Bock - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Oliver Bock
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.
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