Tod im Tümpel Botswanas

Hunderte Elefanten sterben durch Cyanobakterien

Von Thilo Thielke, Kapstadt
24.09.2020
, 21:00
Lange war unklar, warum es in Botswana zu einem Massensterben der Elefanten kam. Der oberste Tierarzt des Landes gab nun die Ursache bekannt: Cyanobakterien, auch als Blaualgen bekannt, sind sowohl im Wasser als auch im Blut der Dickhäuter nachgewiesen worden.

Lange wurde gerätselt, wie es in Botswana zu einem Massensterben von Elefanten kam. Nun hat der oberste Tierarzt des Landes, Mmadi Reuben, die wahrscheinliche Todesursache bekanntgegeben. „Tests haben ergeben, dass ein von Cyanobakterien produziertes Nervengift für den Tod der Elefanten verantwortlich war“, erklärte der für Botswanas Nationalparks zuständige Veterinär in der Hauptstadt Gaborone. Die Bakterien seien sowohl im Wasser als auch im Blut der verendeten Tiere nachgewiesen worden. Als die Wasserstellen Ende Juni nach und nach ausgetrocknet seien, habe auch das mysteriöse Sterben der Tiere ein Ende gefunden. Zahlreiche Fragen seien dennoch ungeklärt. Zum Beispiel, warum mit der Ausnahme eines Pferdes ausschließlich Elefanten gestorben waren.

Bemerkt worden war der Tod Hunderter Elefanten im südlichen Afrika von Elephants Without Borders (EWB). Bei Flügen über das Okawango-Delta waren Mitarbeitern der Artenschutzorganisation im Mai und Juni zahlreiche Elefantenkadaver aufgefallen. Viele Tiere hatten leblos auf dem Bauch gelegen – als hätte sie der Tod ganz plötzlich ereilt. In einem Bericht an die Regierung schrieb EWB-Chef Michael Chase, lebende Elefanten seien beobachtet worden, wie sie „schwach, lethargisch und ausgezehrt“ durch die Gegend geirrt seien. Andere „wirkten desorientiert, hatten Schwierigkeiten zu gehen, zeigten Zeichen einer teilweisen Lähmung“.

Fast immer hatten sich die Tiere in der Nähe von Wasserlöchern befunden. Insgesamt 330 der Kolosse fanden auf diese Weise den Tod.

Verwandlung der Kalahariwüste

Das Delta des Okawango gilt als eine der größten Touristenattraktionen Afrikas. Einmal im Jahr spült der aus Angola kommende Okawango seine gewaltigen Wassermassen in den Süden und verwandelt, bevor er schließlich im Norden Botswanas versiegt, die Kalahariwüste in eine unvergleichliche Landschaft mit Sümpfen, Inseln und Seen. Das Delta beherbergt mehr als 70 Fisch-, über 400 Vogel- und 122 Säugetierarten, unter ihnen gewaltige Herden von Elefanten.

In keinem Staat der Erde leben mehr Vertreter der Gattung Loxodonta africana als in dem ehemaligen Betschuanaland mit seinen knapp zweieinhalb Millionen Einwohnern. EWB-Chef Chase schätzt die Zahl der Elefanten in Botswana auf 130.000. 2014 hatte Chase die bislang umfangreichste afrikaweite Zählung von Elefanten geleitet und war auf eine Gesamtzahl von etwas mehr als 350.000 Savannenelefanten gekommen.

Suche nach dem Verursacher

Nachdem die Kadaver entdeckt worden waren, wurde Wilderei als Ursache von den Tierschützern schnell ausgeschlossen, da das Elfenbein nicht abgetrennt worden war. Proben wurden nach Kanada, Zimbabwe, Südafrika und in die Vereinigten Staaten geschickt, um dort analysiert zu werden. Weil die Regierungen vieler Länder aus Angst vor dem Coronavirus ihre Grenzen geschlossen haben und internationale Verkehrsverbindungen unterbrochen wurden, mussten die Tierärzte lange auf die Ergebnisse warten. Erste Tests auf Milzbrand und Pestizide fielen negativ aus. Zuletzt wurde noch auf jenes toxikologische Gutachten gewartet, in dem Cyanobakterien schließlich als Verursacher des Tiersterbens ausgemacht wurden.

Mit wenigen Ausnahmen produzieren Cyanobakterien, die auch als Blaugrünbakterien oder Blaualgen bekannt sind, durch Photosynthese Sauerstoff. Wenn es besonders heiß ist und die Sonne auf die Tümpel knallt, vermehren sie sich explosionsartig, können auf der Oberfläche dichte Teppiche bilden und das Wasser verderben. Einige Cyanobakterien sind hochgiftig. Im Schweizer Neuenburgersee verendeten erst vor kurzem sechs Hunde durch eine von Blaualgen hervorgerufene Vergiftung.

Warum in Botswana fast ausschließlich Elefanten durch die Bakterien zu Tode kamen, ist noch unklar. Eine Erklärung könnte sein, dass die Elefanten das Wasser mit ihrem Rüssel tief vom Grund des Wasserlochs aufsaugen, also von dort, wo die Cyanobakterienkonzentration besonders hoch ist. Der Durst eines Elefanten ist gewaltig: Sein täglicher Wasserbedarf liegt bei bis zu 140 Litern. Es gebe einige Fragen und Hypothesen, sagte der oberste Tierarzt Botswanas. Man arbeite an der Aufklärung.

Quelle: F.A.Z.
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