Grenzzaun gegen Pest

Wo Schweine schwimmen

Von Philipp Schulte
05.09.2018
, 13:42
Dass dieses Wildschwein die Afrikanische Schweinepest überträgt, ist unwahrscheinlich; es lebt in einem Gehege in Stuttgart.
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Dänemark baut einen Zaun an der Grenze zu Deutschland. Er soll mit Viren infizierte Wildsäue abhalten – oder doch Menschen?
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Deutschland endet auf Schotter. Henrik Hansen biegt mit seinem Audi rechts ab und fährt auf seinen Hof. „Zack. Wir sind in Dänemark“, sagt er und lacht. Die Straße, auf der er gerade noch gefahren ist, gehört zu Deutschland. Sein Haus steht jedoch auf dänischem Grund. Hansen ist Däne und Landwirt. Seine Korn-, Weizen-, Roggen- und Rapsfelder liegen in beiden Ländern.

Das Grenzgebiet ist hier, zwanzig Autominuten nördlich von Flensburg, dünn besiedelt. Wind, Weite, mal ein Trecker, mal ein Radfahrer, Spaziergänger. Sie fahren und gehen von einem Land in das andere. Seit Dänemark 2001 dem Schengen-Abkommen beigetreten ist, erkennt man die Grenze nur noch an Grenzsteinen und daran, dass irgendwann das blaue dänische Schild „Aabenraa Kommune“ auftaucht: Gemeinde Apenrade.

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Doch die grüne Grenze soll bald wieder deutlich werden. Die dänische Regierung will durch Felder und Wiesen einen Zaun bauen. Eineinhalb Meter hoch, 70Kilometer lang. Los gehen soll es im Herbst, fertig sein soll er Ende 2019.

Ist nur ein Schwein betroffen, muss der ganze Bestand getötet werden

Offizieller Zweck des Bauwerks: die Unterbindung unerwünschter Grenzübertritte – freilich nicht durch Menschen, sondern durch Tiere. Genauer: Wildschweine, die die Afrikanische Schweinepest (ASP) übertragen könnten. Die nämlich rückt immer näher heran. Das Virus ist in Polen und Tschechien auf dem Vormarsch und nur noch 300 Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt; das Risiko, dass es diese überspringt, gilt als hoch. Es verbreitet sich vor allem mit Hilfe von Lastwagen, die infiziertes Fleisch an Bord haben. Kommen Haus- und Wildschweine damit in Kontakt, erkranken sie. 2007 wurde die ASP das erste Mal in Georgien, 2014 in Polen und im Baltikum nachgewiesen. Ist nur ein Schwein auf einem Bauernhof betroffen, muss der ganze Bestand getötet werden. Für Menschen ist das Virus hingegen ungefährlich.

Die dänische Regierung will nun mit allen Mitteln verhindern, dass die ASP in ihrem Land auftritt. Der Export von Schweinefleisch ist für die Wirtschaft enorm wichtig, da er Milliarden einbringt. Landwirt Henrik Hansen kann das Ganze dennoch nicht verstehen: „Es ist total verrückt, dass die Regierung einen Zaun bauen will. Das macht keinen Sinn. Das ist Quatsch.“ Wenn er das sagt, macht er mit den Händen immer wieder eine wegwerfende Geste: Lasst mich einfach in Ruhe.

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Bauern in Sorge
Die Angst vor der Schweinepest
Video: Deutsche Welle, Bild: dpa

Der Zaun soll mitten durch Hansens Felder führen. Ein Teil von seinem Land würde unbrauchbar. Deshalb will die dänische Regierung Eigentümer wie ihn entschädigen. Das ist für den Mann mit den blonden Haaren und den schwarzen Shorts ein schwacher Trost. „Die Wildschweine können einfach über die Straße laufen, und sie sind in Dänemark.“ Die Straßen nämlich sollen offen bleiben. Der „vildsvinehegnet“, der Schweinezaun, wahrt auch an größeren Übergängen einen Abstand. An der A7 beim deutschen Grenzübergang Ellund sollen es zwanzig Meter sein, an anderen weniger. Auch wird es alle hundert Meter größere Löcher geben. Durch die sollen Hasen, Dachse oder Füchse hindurchschlüpfen.

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Deutsche Polizisten bedrohten Hansen einmal mit Maschinenpistolen

Als Hansen in den Sechzigern und Siebzigern aufwuchs, war Schengen noch in weiter Ferne, auf der Straße vor seinem Haus mit den weißen Backsteinen im „Kristiansmindevej“ marschierte die Grenzpolizei. „Dieser Scheißzaun lässt mich wieder daran denken“, sagt Hansen, dessen Urgroßmutter schon hier lebte. Die Grenzer haben sogar irgendwann mal seinen Vater verhaftet – für einen Tag. Und das, obwohl sein Pass einen Stempel enthielt, damit er ohne großen Aufwand die Grenze passieren konnte. „Auch als wir Kinder früher auf den deutschen Feldern gespielt haben, war das nicht gern gesehen“, sagt Hansen. Wenn Grenzer aus Berlin im Einsatz waren, sei es besonders streng gewesen. Die deutschen Polizisten bedrohten Hansen einmal mit Maschinenpistolen.

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Doch die Grenzgänger wussten sich zu helfen. Wenn die Hansens ihre deutschen Erntehelfer zum Essen einluden, benutzten sie einen Tisch, der vom dänischen Hof aus auf die deutsche Straße reichte und die Länder miteinander verband. „Die Polizisten konnten uns das nicht verbieten“, sagt Hansen. In der Tat ist der eine Gehminute von seinem Haus entfernte Übergang „Vilmkaer“ der „merkwürdigste Punkt der Grenze“, wie es auf einer Infotafel heißt. Wenn dänische Bauern Korn oder Gemüse auf deutschen Feldern geerntet hatten, durften sie es nicht nach Dänemark einführen. Eine Zeitlang durften sie auch Pferde nicht im Nachbarland einsetzen, und Besucher des Hofes wurden oft kontrolliert.

Heute arbeiteten Deutsche und Dänen wunderbar zusammen, sagt Henrik Hansen und streichelt seine zwei Hunde Emma und Angus. Er bezeichnet sich als Europäer und Verfechter der Integration des Kontinents. Schon die Grenzkontrollen, die Dänemark aufgrund des „Drucks auf Europas Außengrenzen und der Herausforderungen durch Migranten“, so die offizielle Begründung, an stark befahrenen Straßen seit 2016 wieder eingeführt hat, stören ihn. Sie führten zu Staus auf der A7, sagt er. Auch an der grünen Grenze tauchen jetzt häufiger dänische Polizisten auf. Fast wie früher.

„Wenn nur ein einziges infiziertes Wildschwein zurückgehalten wird, ist das ein Erfolg.“

Ebenfalls ein Freund der EU ist Thomas Andresen. Doch der Bürgermeister der dänischen Grenzgemeinde Apenrade verteidigt den Zaun. An einem heißen Augusttag sitzt er in seinem Büro, draußen funkelt die Ostsee. „Ich habe das beste Büro in ganz Syddanmark“, sagt Andresen. Damit meint er das südliche Dänemark, in das er vor kurzem aus dem Urlaub zurückgekehrt ist. Er ist braungebrannt, hat braun-blondes Haar, trägt die Ärmel seines weißen Hemdes italienisch hochgekrempelt.

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„Der Zaun“, findet Andresen, „ist ein Signal an das Ausland, dass wir etwas tun. Wenn nur ein einziges infiziertes Wildschwein zurückgehalten wird, ist das ein Erfolg. Das Virus breitet sich schnell aus.“ In der Tat gab es bis Ende August dieses Jahres in den betroffenen osteuropäischen Staaten bereits 4845 infizierte Haus- und Wildschweine. Im ganzen Jahr 2017 waren es 4140 Fälle. Andresen ist der Meinung, mit seinen 70 Millionen Euro koste der Zaun wenig im Vergleich zu dem Gewinn, der mit Schweinefleisch erwirtschaftet wird; für jährlich viereinhalb Milliarden Euro exportiert Dänemark nach Regierungsangaben Schweine und Schweinefleisch.

Andresen verteidigt das geplante Hindernis auch gegen den Vorwurf, die Regierung wolle es als Schutz vor Migranten benutzen. „Der Wildschweinzaun und die Flüchtlingsbewegung haben nichts miteinander zu tun“, sagt Andresen, der selbst Jäger ist, aber noch kein Wildschwein geschossen hat. „Diese Kuppelung ärgert mich.“ Damit meint der gelernte Bauingenieur Kopplung. Sein perfektes Deutsch ist in diesem Moment nicht ganz so perfekt. Doch es ist bezeichnend, dass ihm gerade bei diesem Thema ein Fehler unterläuft. Das Thema bewegt die Leute. Er zeigt einen Leserbrief aus einer dänischen Lokalzeitung, der fordert, der Zaun solle höher werden als die geplanten eineinhalb Meter. Um Migranten aufzuhalten?

Sind Flüchtlinge der Grund für den Zaun?

Nicht wenige vermuten ohnehin, die Idee für den Zaun stamme von der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei, die bei den Parlamentswahlen 2015 zweitstärkste Kraft wurde und die Minderheitsregierung aus der konservativ-liberalen Venstre-Partei, der Liberalen Allianz und der Konservativen Volkspartei stützt; sie plädiert für eine restriktive Flüchtlingspolitik.

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Lars Sörensen beispielsweise sieht die Flüchtlinge als Grund dafür, dass die Regierung den Zaun baut. „Aber niemand spricht es aus“, sagt er. Der weißhaarige Mann mit den Sandalen, den man auf dem Parkplatz eines dänischen Großmarkts in der deutschen Grenzgemeinde Harrislee trifft, lädt gerade palettenweise Cola- und Bierdosen in einen Transporter: Alkohol, Süßigkeiten und vieles mehr ist in dem skandinavischen Land bei einer Umsatzsteuer von 25 Prozent sehr teuer. „Die dänische Regierung will eher die Flüchtlinge in Deutschland halten“, vermutet Sörensen. Gegen die Wildschweine helfe der Zaun wenig: wegen der Lücken darin.

Ähnliche Zweifel hegt auch Martin Ellermann. Er ist Bürgermeister von Harrislee; die deutsche Gemeinde beheimatet 11500 Bürger, von denen sich ein Drittel der dänischen Minderheit zugehörig fühlt. Hier heißen die Leute Petersen, Larsen und Peterson; es gibt dänische Schulen und Kindergärten. Zehn Grenzübergänge hat Ellermanns Kommune; die Gemeinde ist verärgert über den Zaun-Plan und hat ein Protestschreiben an die Landesregierung in Kiel verfasst. Darin beklagt Harrislee, der Zaun beeinträchtige den Wildwechsel in Grenznähe. Er stelle außerdem eine optische Grenze dar: „Das ist in Zeiten von Schengen ungewöhnlich“, sagt Ellermann.

„Der Gedanke an einen trennenden Zaun ist unerträglich“

Ein großes Problem sei auch, dass der Zaun Auswirkungen auf den Tourismus haben könnte. Das Ausflugsziel Krusauer Tunneltal sei besonders betroffen. Die Grenze verläuft dort durch eine idyllische Landschaft, die durch den Fluss Krusau bestimmt ist. Besonders hier sei „der Gedanke an einen trennenden Zaun unerträglich“, heißt es in der Protestnote der Gemeinde.

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Doch kann der Zaun Dänemark nun schützen oder nicht? Anruf bei Franz Conraths vom Friedrich-Löffler-Institut. Die Behörde forscht über Tiergesundheit und hat ihren Sitz in Greifswald. „Die Erfahrungen aus Tschechien lassen vermuten, dass Zäune ein Mittel sein können, um die Afrikanische Schweinepest aufzuhalten“, sagt der Tierarzt. Dort habe man Wildschweine auf einer Fläche von 60 Quadratkilometern erfolgreich eingezäunt, um eine Ausbreitung der ASP zu verhindern. Das Risiko, dass sich das Virus über die Wildschweine ausbreitet, ist laut Conraths jedoch gering. Der Mensch sei ein viel größerer Faktor.

Und das geht so: Das Virus klebt an Schuhsohlen, in den Rillen von Lastwagenreifen oder steckt in roher Wurst, die aus Fleisch von infizierten Schweinen gewonnen wurde. Etwa in der Salami des Pausenbrots von Lastwagenfahrern. An Raststätten werfen die Fahrer Reste ihrer Wurst weg, die dann Wildschweine fressen. Das Virus legt so Hunderte Kilometer besonders entlang von Fernstraßen zurück. Hinweisschilder an Autobahnen in Osteuropa und Deutschland machen mittlerweile darauf aufmerksam, man möge Abfall vorschriftsmäßig entsorgen.

„Wir wollen doch eigentlich in einem Europa leben, in dem Zäune eine geringe Bedeutung haben.“

Gegen die Verbreitung des Virus durch Wildschweine spricht Conraths zufolge auch, dass die Säue bei einer Infizierung innerhalb von vier bis fünf Tagen sterben. Des Weiteren sei die Wildschwein-Dichte in Schleswig-Holstein gering. Wenn die Dänen es ernst meinten, sagt der Tierarzt, müssten sie den Zaun auch durch das Wattenmeer ziehen. Letztlich frage man sich schon, wogegen sich die Maßnahme wirklich richtet. „Wir wollen doch eigentlich in einem Europa leben, in dem Zäune eine geringe Bedeutung haben.“

Wenn der Streit um den Wildschweinzaun ein Gutes hat, dann, dass die Öffentlichkeit jetzt weiß: Wildschweine können schwimmen. Es ist eines der Hauptargumente der Zaun-Gegner: Barriere hin oder her, die Tiere könnten Dänemark auch übers Wasser erreichen. Im Internet gibt es das Handy-Video eines Autofahrers von einem trüben Apriltag dieses Jahres.

Darauf sieht man, wie eine Rotte Säue schwimmend das Ufer der Schlei bei Maasholm im Kreis Schleswig-Flensburg erreicht, die Böschung hochläuft, eine Straße überquert und im Dickicht verschwindet. Das Filmchen schaffte es unter dem Titel „Seltene Aufnahmen“ und „Auch in kühlen Fluten kennen sie sich aus“ auf die Websites von Regionalzeitungen in beiden Ländern. Die dänische Regierung plant ohnehin, den Zaun zu verlängern: bis ins Meer.

Quelle: F.A.S.
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