Bruderkalb-Initiative

Elternzeit für unsere Kühe

Von Verena Carola Mayer
27.03.2022
, 14:56
Erst wenige Stunden alt: Die Kälber werden oft kurz nach der Geburt abgegeben.
Damit die Tiere Milch geben, müssen Kälber geboren werden. Nur wohin mit ihnen? Eine Initiative sorgt dafür, dass sie nicht sofort geschlachtet werden.
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Da hinten ist unser Jüngstes, das ist gerade fünf Tage alt.“ Langsam geht Anja Frey auf das kleine Kalb zu, das mit seiner Mutter etwas abseits der Herde auf einer Anhöhe liegt. „Die genießen hier den Ausblick.“ Dass Kuh Nalla und ihr Junges so entspannt in der Sonne liegen können, ist keine Selbstverständlichkeit: Normalerweise werden Kälber direkt nach der Geburt von ihren Müttern getrennt. Nicht nur in der konventionellen Landwirtschaft; auch Bioverbände machten bei der Aufzucht kaum Vorgaben, sagt Landwirtin Frey.

Seit über 20 Jahren bewirtschaftet sie mit ihrem Mann Pius den Völkleswaldhof im Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald nordöstlich von Stuttgart. Ein biologisch dynamischer Milchviehbetrieb mit 50 Tieren auf 82 Hektar. 20 Kilometer Zaun brauchen die Freys, um ihre Weiden einzugrenzen, auf denen die Kühe reihum grasen. Je nachdem, wo sie stehen, schmeckt die Milch nach Kräutern oder nach Gras.

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Am Hang gegenüber liegen drei Kühe einsam auf einer weitläufigen Wiese: „Die bekommen bald ihre Jungen“, erklärt Frey. „Da haben sie Ruhe und können sich auf die Geburt vorbereiten.“ Danach kommen Mutter und Kalb wieder zu den anderen auf die Weide. „Kuhgebundene Kälberaufzucht“ nennt sich das. Die Kälber werden von mehreren weiblichen Tieren, sogenannten Ammen, oder – wie im Falle des Frey-Hofes – von ihren leiblichen Müttern aufgezogen.

Die Kühe müssen jedes Jahr ein Kalb bekommen

Auch im Biolandbau dürfen Kuh und Kalb direkt nach der Geburt getrennt werden. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbandes wird nur ein Sechstel der rund 3,9 Millionen deutschen Milchkühe als Ammen- oder Mutter­kühe gehalten. Milch- und Fleischproduktion laufen heutzutage getrennt – Ergebnis der zunehmenden Spezialisierung, die in der Nachkriegszeit, als Lebensmittel knapp und teuer waren, vorangetrieben wurde.

Auch Anja Frey hat früher viele ihrer Kälber direkt nach der Geburt an  Viehhändler abgegeben. „Das stand halt so in den Lehrbüchern“, sagt sie.  Heute dürfen sie auf ihrem Hof zwölf Wochen bei ihrer Mutter bleiben.
Auch Anja Frey hat früher viele ihrer Kälber direkt nach der Geburt an  Viehhändler abgegeben. „Das stand halt so in den Lehrbüchern“, sagt sie.  Heute dürfen sie auf ihrem Hof zwölf Wochen bei ihrer Mutter bleiben. Bild: Völkleswaldhof

Also gibt es Milchviehbetriebe, in denen Kühe jedes Jahr ein Kalb bekommen – denn ohne Kalb keine Milch. Der Mensch aber will die Milch der Kühe selbst nutzen. Daher werden die Kälber von ihren Müttern getrennt. Der Milchbauer selbst hat meist keine Verwendung für sie: Die männlichen geben sowieso keine Milch. Und die weiblichen? Nur manchmal bleibt eines auf dem Hof – dann, wenn eine Milchkuh alters- oder krankheitsbedingt ausscheidet. Der Großteil der Kälber geht an spezialisierte Mast- und Schlachtbetriebe. Sie landen irgendwann als Fleisch im Kühlregal.

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„Das stand halt so in den Lehrbüchern“, sagt Anja Frey. „Das hat man einfach so gemacht.“ Auch sie hat früher viele ihrer Kälber direkt nach der Geburt an Viehhändler abgegeben. Mangels Alternativen landen auch Tiere von biologischen Höfen oft in konventionellen Mastbetrieben. Dort werden sie in kurzer Zeit auf engem Raum aufgezogen.

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Seit fünf Jahren behalten die Freys ihre Kälber

In Deutschland gibt es solche Kälbermastbetriebe vor allem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Nach Angaben der Kontrollgemeinschaft Deutsches Kalbfleisch, deren 130 Betriebe für 85 Prozent der deutschen Kälberschlachtungen verantwortlich sind und die sich „hohen Tierwohl- und Erzeugungsstandards“ verschrieben hat, werden dort jedes Jahr rund 280.000 Tiere gemästet. Knapp die Hälfte aller Rinder, die in deutschen Ställen steht, gehört zur Rasse Holstein Schwarzbunt. Sie geben viel Milch, doch Fleisch setzen sie kaum an. „Die will kein Schlachter“, sagt Frey. Auch sie hat auf ihrem Hof klassische Milchrassen wie Schwarz- und Rotbunt. Künftig will sie aber nur noch Braun- und Fleckvieh züchten, diese Rassen eignen sich sowohl für die Milch- als auch für die Fleischproduktion.

Denn vor über fünf Jahren begannen die Freys, alle ihre Kälber auf dem Hof zu behalten. Nicht nur die weiblichen, auch die männlichen, für die sie als Milchbetrieb eigentlich keine Verwendung hatten. Sie schlossen sich mit einer lokalen Metzgerei zusammen und starteten eine Direktvermarktung. Es ist der Versuch, den Kreislauf zu schließen: von der Geburt über die Aufzucht bis zum Tod. „Das finde ich für eine Milchkuh das Artgerechteste“, sagt Frey. Und schiebt sofort nach: Keinesfalls wolle sie dies als Kritik an anderen Landwirten sehen.

Bei den Freys jedenfalls dürfen alle Kälber mindestens zwölf Wochen bei der eigenen Mutter bleiben. Sie werden nach der Geburt von ihren Müttern abgeleckt, stehen mit ihnen auf der Weide, trinken ihre Milch. Zwei Wochen bevor sie getrennt werden, beginnt Frey mit einer „phasenweisen Entwöhnung“. Die Zeit, die Mutter und Kalb getrennt verbringen – anfangs nur eine Stunde am Morgen und Abend, wenn die Mutterkühe gemolken werden –, wird langsam gesteigert. Jeden Tag bleiben die Kälber ein paar Minuten länger in dem kleinen Laufstall, der neben dem Melkbereich liegt. „Die Mutter sieht: Das Kalb ist da, aber es trinkt nicht. So gewöhnen sie sich an den Zustand.“

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Dennoch: Einen Trennungsschmerz werde es immer geben. Das sei ganz normal. Wie bei Menschen bestehe zwischen Kalb und Mutter eine tiefe Bindung. „Ich habe auch geweint, als ich meine drei Kinder abgestillt habe“, sagt Frey. „Von daher verstehe ich die Kühe da gut.“ Doch sie ist überzeugt, dass die Trennung nach den gemeinsamen Monaten leichter fällt.

Fleckvieh eignet sich sowohl für die Milch- als auch für die Fleischproduktion.
Fleckvieh eignet sich sowohl für die Milch- als auch für die Fleischproduktion. Bild: Francois Klein

Immer mehr Landwirte hinterfragen die modernen Haltungsformen, bei denen die Kälber direkt nach der Geburt entfernt werden. Frey spricht von einem Blick zurück – darauf, wie es früher gemacht wurde. Das Problem: Vielen fehlen das nötige Know-how und die Zeit, um das Fleisch der Kälber selbst zu vermarkten.

Die Nachfrage nach dem Fleisch ist groß

Nachdem die Freys ihren Hof auf kuhgebundene Aufzucht umgestellt hatten, bekam Frey ständig Anfragen von interessierten Kollegen. So entstand die Idee des Bruderkalbs. Angelehnt an die Bruderhahn-Initiative, bei der die Aufzucht der männlichen Küken über höhere Eierpreise subventioniert wird, begann der Völkleswaldhof im Jahr 2019 gemeinsam mit drei anderen Betrieben, die überschüssigen Kälber als Bruderkälber zu vermarkten. Das sind neben den männlichen, die keine Milch geben, auch viele weibliche Kälber. „Wenn wir die alle aufziehen, explodiert die Herde irgendwann“, sagt Frey. Wenn die Stillzeit vorbei ist, kommen die Tiere in Bio-Mastbetriebe oder werden in der Region geschlachtet und weiterverarbeitet.

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Die Nachfrage nach dem Fleisch ist groß. Neben lokalen Märkten sind die Bruderkalb-Produkte auch bei großen Supermarktketten wie Rewe und Kaufland vertreten. Mittlerweile sind über 50 Betriebe an der Initiative beteiligt. Interessierte Betriebe berät Frey bei der Umstellung. „Ich kann nicht von einem Landwirt erwarten, dass er das so geschwind umsetzt. Da hängt ganz viel dran.“ Ställe und Abläufe müssen entsprechend angepasst werden. Auch die Mitarbeiter müssen sich umstellen. Die Dynamik in der Herde sei ganz anders, wenn die Kälber bei ihren Müttern bleiben, sagt Frey. Wie Menschen haben auch Kuhmütter einen Schutzinstinkt, wenn es um ihre Jungen geht. Die Umstellung auf kuhgebundene Aufzucht sei eine „riesige Herausforderung“, bei der es viel Vertrauen und Geduld brauche. Auch die Tiere müssen sich erst daran gewöhnen. „Manche Kühe sind völlig damit überfordert, plötzlich ein Kalb vor sich zu haben.“

Durstig: Eine Kuh und ihr säugendes Kalb stehen in einem spanischen Viehzuchtbetrieb.
Durstig: Eine Kuh und ihr säugendes Kalb stehen in einem spanischen Viehzuchtbetrieb. Bild: dpa

Und auch wirtschaftlich stellt die Bruderkalb-Initiative Landwirte vor große Her­ausforderungen. Die Aufzucht der Kälber kostet Platz, Personal und Zeit. Nicht zu vergessen: die mehr als 1200 Liter Milch, die ein Kalb in den ersten drei Monaten trinkt – Milch, die Landwirtin Frey sonst für rund 50 Cent an die Demeter-Molkerei Schrozberger verkaufen würde. Durch jedes Kalb entgehen ihr somit 600 Euro.

Milch und Fleisch zusammendenken

Um die Kosten der Aufzucht zu decken, müsste sie sowohl Milch als auch Fleisch teurer verkaufen. Acht Euro pro Kilo Schlachtgewicht bekommen die beteiligten Landwirte für das Fleisch der Bruderkälber. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Preis für herkömmliches Kalbfleisch schwankte 2021 zwischen fünf und sechs Euro. Doch der höhere Fleischpreis allein reiche für die kuhgebundene Aufzucht nicht aus. Er müsste bei über zehn Euro liegen, damit die Landwirte all ihre Mehrkosten decken könnten, und Frey bezweifelt, dass ausreichend Verbraucher bereit wären, die daraus resultierenden hohen Preise zu zahlen. Also müsse auch die Milch teurer verkauft werden: ungefähr 10 bis 15 Cent, schätzt sie. „Man muss Milch und Fleisch zusammendenken.“

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Seit 2011 füllen die Freys einen Teil ihrer Milch selbst ab und verkaufen sie als Vorzugsmilch direkt an Geschäfte und Privatleute im Umland. Am Flaschenhals hängt ein Anhänger mit Bild von Kuh und Kalb. „Elternzeit für unsere Kühe“ heißt es darunter. Frey ist überzeugt: Wenn man den Kunden kommuniziert, was dahintersteckt, sind sie auch bereit, mehr auszugeben. 1,88 Euro kostet ein Liter Milch vom Völkleswaldhof.

Aktuell überlegt Anja Frey gemeinsam mit den Molkereien, wie die Milch der Bruderkalb-Betriebe höherpreisiger vermarktet werden kann. Sie getrennt abzufüllen sei aus logistischen Gründen schwierig, sagt sie. Auch der Handel sei – anders als beim Fleisch, das zu hundert Prozent von Bruderkälbern stammt – noch zögerlich. Frey findet: „Das ist doch Quatsch. Damit machen wir uns die Entwicklungsmöglichkeiten für die Landwirtschaft kaputt.“ Man müsse einfach offen kommunizieren. Und den Verbrauchern zeigen, dass man sich langsam in die richtige Richtung entwickle. Die Diskussion um Kälberaufzucht, Milch und Fleisch sieht sie als „Chance, die Landwirtschaft ganz neu zu denken“. Eine Chance, das auf Produktion, Produktion und nochmals Produktion ausgerichtete System zu verändern.

Auszeichnung beim Bundeswettbewerb

Kein Land in der EU produziert mehr Milch als Deutschland: 33 Millionen Tonnen waren es im Jahr 2020. Rund 2,1 Millionen Tonnen davon gingen ins Ausland. Der deutsche Milchmarkt ist übersättigt. Milch für die Kälber gäbe es also genug. Für Frey wäre die Aufzucht bei den Müttern der „sinnvollste Weg“, die überschüssige Milch zu verbrauchen. Ein weiterer Vorteil: Kühe, die ihre Kälber stillen, bekommen seltener Nachwuchs. „Das ist ein riesengroßer Plusfaktor. Es klingt komisch, aber wir müssen in der Landwirtschaft versuchen, weniger zu produzieren.“ Weniger Milch, damit der Milchpreis endlich auf ein Niveau steigt, von dem Landwirte und Tiere angemessen leben können. Weniger Fleisch, damit Ressourcen geschont und Tiere artgerecht geschlachtet werden können.

Vonseiten der Politik fand das Thema lange Zeit kaum Beachtung. Daher war die Freude groß, als die Bruderkalb-Initiative im Januar 2021 beim Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau ausgezeichnet wurde. „Das war richtig schön, diese Anerkennung von politischer Seite zu bekommen“, sagt Frey. „Vor allem bei so einem heiklen Thema.“

Und es geht weiter. Im Juni vergangenen Jahres hat der Bundesrat die Richtlinien für Nutztiertransporte verschärft. Kälber sollen in Zukunft erst nach 28 Tagen – und nicht wie bisher nach zehn – transportiert werden dürfen. Auch für die Dauer der Transporte gelten von diesem Jahr an strengere Vorgaben. Gleichzeitig schließen sich immer mehr Betriebe zusammen und setzen sich selbst strengere Vorgaben für die Kuh- und Kälberhaltung. Im Raum Hamburg etwa gibt es die Öko Melkburen und rund um den Bodensee die Erzeugergemeinschaft der Demeter Heumilchbauern.

Gemeinsam mit deren Initiator, Rolf Holzapfel, hat Anja Frey die Interessengemeinschaft kuhgebundene Kälberaufzucht gegründet. Mit dabei: alle Verarbeiter, Verbände, Händler und Initiativen, die sich in Deutschland mit dem Thema beschäftigen. Ziel ist neben der Förderung praxisnaher Forschung auch die Aufklärung von Verbrauchern. In monatelangen Verhandlungen haben alle beteiligten Akteure Kriterien für die kuhgebundene Kälberaufzucht entwickelt. So will man sich von unlauteren Wettbewerbern abgrenzen. Denn der Begriff ist nicht geschützt.

Auch Vegetarier lassen sich überzeugen

Immer mehr Konzerne haben erkannt, dass das Thema bei Verbrauchern ankommt. Der Discounter Lidl verkauft mittlerweile Milch und Joghurt aus „kuhgebundener Kälberaufzucht“. Zu Preisen, bei denen Frey und ihre Mitstreiter nicht mithalten können und wollen. Weder auf der Website noch auf den Seiten der aufgedruckten Tierschutzlabel finden sich genaue Angaben zu den Haltungsbedingungen der Kälber. „Oft stehen die wohl nur eine Woche bei ihren Müttern“, sagt Frey. Statt der 90 Tage, welche die Richtlinien der Interessengemeinschaft vorschreiben.

Um die Schwelle für interessierte Betriebe zu senken, haben sich die Beteiligten auf eine Übergangszeit von zwei Jahren geeinigt. Mit einem Teil ihrer Herde können Landwirte testen, ob sie dauerhaft auf kuhgebundene Aufzucht umsteigen wollen. „So kann sich das langsam aufbauen“, sagt Frey. „Bis wir irgendwann an dem Punkt stehen, dass diese Form das Normale ist.“

Selbst Vegetarier gehörten heute zu ihren Kunden: „Die sagen: Wenn Fleisch so produziert wird, dann bin ich wieder bereit, es zu essen.“

Quelle: F.A.S.
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