Knigge für die Alm

Bitte kein Schmu mit der Kuh!

Von Andreas Mihm
Aktualisiert am 26.07.2020
 - 17:56
Sollen vor rücksichtslosen Touristen geschützt werden: Kühe auf einer Alm in Tirol.
Die neueste Plage auf den Almen sind Gäste, die hübsche Handyvideos mit Tier drehen. Im schlimmsten Fall zahlen Unvorsichtige dafür mit Leib und Leben. Der Alpen-Almen-Knigge soll den Gästen Vernunft beibringen.

Der erste österreichische „Almengipfel“ fand virtuell in einem schmucklosen Sitzungssaal im Dachgeschoss des Tourismusministeriums in Wien statt – aus praktischen Erwägungen. Womöglich wäre es den Teilnehmern auch schwergefallen, in luftiger Almhöhe den in Corona-Zeiten angebrachten Sicherheitsabstand einzuhalten. Denn Österreichs Almen werden derzeit überrannt.

Der Werbeslogan „Almen statt Palmen“ zeigt seine Schattenseiten. Wo normalerweise 100 Wanderer am Tag unterwegs seien, kämen heute „Tausende“, klagte unlängst Johann Feßl, der Obmann des Vereins Oberösterreichische Alm und Weide. In dieser Saison muss er sich nicht nur Problemwölfen erwehren, sondern sich auch noch um problematische Besucher kümmern.

Die neueste Plage sind Gäste, die hübsche Handyvideos mit Tier drehen. Da werden zum Beispiel Kinder auf Kälberrücken gesetzt, um die Fotos auf Instagram oder Tik Tok zu posten. Ein anderes Motto lautete: Kühe erschrecken, weglaufen und sich dabei filmen lassen. Tik Tok hatte unlängst solche Videos der „Kulikitaka-Challenge“ gelöscht. Man dulde keine Inhalte, die unnötig schockierend und grausam seien.

„Almen sind keine Streichelzoos“

Nicht nur Almbauern sind über solcherlei grob fahrlässige „Herausforderungen“ irritiert. „Almen sind keine Streichelzoos“, ließ Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) denn auch nach dem Treffen verbreiten. Besucher seien „aufgefordert, die Verhaltensregeln einzuhalten“. Das zielt nicht nur in Richtung ausländische Touristen. „Was mir vorher auch nicht so bewusst war, ist, dass sich viele Einheimische nicht an die Regeln halten“, sagte die Ministerin.

Im schlimmsten Fall zahlen Unvorsichtige dafür mit Leib und Leben. In diesem Frühjahr wurden mehrere Wanderer von Mutterkühen attackiert und verletzt, 2014 war eine 45 Jahre alte deutsche Hundebesitzerin auf einer Alm gar von Kühen zu Tode getrampelt worden. Das höchste österreichische Gericht gab dem Landwirt damals eine Mitschuld. Eine Gesetzesänderung stellt inzwischen klar, dass auch die Besucher Verantwortung tragen; die Almwirte können sich gegen die Schäden aus dem Risiko versichern. Wegsperrungen sollen so verhindert werden.

Die Gäste werden nun außerdem aufgeklärt: mit Faltblättern in den Hotels und mehrsprachigen Warntafeln am Berg. 200 Tafeln sind es allein in Oberösterreich. Und weil Österreich ein für alle Touristen offenes Land im Herzen Europas ist, gibt es sie nicht nur in Deutsch, Englisch und Französisch, sondern auch in Niederländisch, Polnisch, Italienisch und Schwedisch.

Darauf sollte man von allein kommen

Der Alpen-Almen-Knigge umfasst zehn Punkte, auf die ein verständiger Wanderer auch von allein kommen sollte: Abstand zum Weidevieh, ihm wo immer möglich aus dem Weg gehen, Tiere nicht erschrecken, Begegnungen von Mutterkühen und Hunden vermeiden, Hunde an der Leine halten, Wanderwege nicht verlassen, bei Unruhe die Weide zügig verlassen, Tore schließen. Was sich eben so gehört – auch für die Radfahrer, von denen immer mehr elektrisch motorisiert oder mit reiner Muskelkraft Zieh- und Weidewege befahren.

Zum Knigge zählt auch, seinen Müll nicht auf einer der 8000 im Sommer bewirtschafteten österreichischen Almen herumliegen zu lassen. Das sieht nicht nur schlecht aus, es könnten sich auch Tiere daran vergiften. Und von denen gibt es einige: 300.000 Rinder, 100.000 Schafe, 11.000 Ziegen und 10.000 Pferde grasen hoch über den österreichischen Tälern. Murmel- und andere Wildtiere nicht eingerechnet. Wildtiere können für Urlauber selbst dann gefährlich werden, wenn die Menschen mit Sicherheit keinen Anlass dazu gegeben haben. Das mussten dieser Tage zwei Gäste in einem Kärntner Hotel schmerzhaft erfahren. Ein Fuchs drang nachts über offene Balkontüren in ihre Zimmer ein und biss die Schläfer.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent in Wien.
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