Im Nordwesten Spaniens

Küstenabschnitt für Segelboote nach Orca-Angriffen gesperrt

Von Hans-Christian Rößler, Madrid
24.09.2020
, 16:04
Kleinere und mittelgroße Segelboote scheinen die Schwertwale besonders anzuziehen. Doch was steckt hinter den rätselhaften Angriffen?

Überall in Spanien werden neue Ausgangssperren verhängt. Jetzt trifft es auch Segelboote vor der galicischen Küste im Nordwesten des Landes. Das liegt jedoch nicht an der Corona-Pandemie, sondern an einer Gruppe Schwertwale, die die Segler nicht in Ruhe lassen.

Das Verkehrsministerium verbietet Segelyachten mit einer Länge von bis zu 15 Metern im Küstenabschnitt östlich der Hafenstadt Ferrol zu kreuzen: Seit Ende August hatten Orcas in dieser Zone mindestens acht Boote angegriffen und manövrierunfähig gemacht. Die Küstenwache musste ihnen zur Hilfe kommen, da die Schwertwale bei einigen das Steuerruder beschädigt hatte. Kleinere und mittelgroße Segelboote, die nicht allzu schnell fahren, scheinen sie dabei besonders anzuziehen.

Laut spanischen Presseberichten handelt es sich bei dieser Vorsichtsmaßnahme um die erste Sperrzone dieser Art in Europa. Auch in der Straße von Gibraltar und vor Cádiz hatte man in diesem Sommer ähnliche Vorfälle beobachtet.

Normalerweise ziehen die Orcas auf der Suche nach Thunfischen von Portugal kommend jedes Jahr friedlich durch die Gewässer, ohne länger zu bleiben. lfredo López vom galicischen Forschungszentrum (CEMMA) sprach gegenüber der Zeitung „El País“ von einem „seltsamen und ungewöhnlichen“ Verhalten. Im August seien die ersten von ihnen in der Gegend aufgetaucht. In der vergangenen Woche habe man immer noch drei Gruppen mit 13 Schwertwalen gezählt. Rund die Hälfte der bisher 29 Sichtungen blieben demnach folgenlos. Möglicherweise verhielten sich nur zwei Tiere untypisch, die zuvor in der Meerenge von Gibraltar verletzt worden waren. Dahinter stecke keine Angriffsabsicht, sondern es sei für sie eine Vorsichtsmaßnahme, heißt es bei CEMMA.

Andere Forscher weisen auf die Neugierde der Orcas hin, die sich von Geräuschen angezogen fühlten. Der Meeresbiologe und Delfinforscher Bruno Díaz vermutet vor allem spielerische Absicht. Die Schäden seien wahrscheinlich von „unreifen Teenager“-Orcas verursacht worden, die rüpelhaft werden, sagte er der Nachrichtenagentur AP: „Vielleicht haben diese Orcas einfach Spaß daran, Schaden anzurichten.“ Menschen sind laut dem Wissenschaftler nicht die natürliche Beute der größten Art in der Familie der Delfine, die mehr als sechs Tonnen schwer werden können und sich meist von Fischen und Robben ernähren.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
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