Insekten als Tierfutter

Seidenraupen im Hundenapf

Von Wolfgang Oelrich
07.04.2022
, 07:47
Landet vielleicht bald im Futternapf: eine Seidenraupe
Eine junge Unternehmerin aus Hessen hat proteinreiche Insekten als klimaschonende Futterquelle entdeckt. Das Futter will sie noch in diesem Jahr auf den Markt bringen.
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Fabiola Neitzel hat Pläne, die durchaus zur Weltrettung betragen könnten. Mit Seidenraupen will sie eine klimafreund­liche Proteinquelle zur Herstellung von Tierfutter erschließen. Dafür hat die Neunundzwanzigjährige, die in Gießen Insektenbiotechnologie und Lebensmittelmanagement studiert hat, vor einem Jahr das Unternehmen Prombyx gegründet. Läuft alles nach Plan, werden Tierfutterhersteller diesen Namen bald kennen und Hunde als Erste auf die Insektenkost umsteigen.

Die Idee für ihr Start-up entwickelte Neitzel zusammen mit Kommilitonen in einem internationalen Wettbewerb, in dem es um die Proteinversorgung der Zu­kunft ging. Das Team landete auf dem ersten Platz. Warum die Raupen in den Fressnapf sollen? „Weil sie bei der Seidenproduktion zuhauf anfallen“, erklärt Neitzel. Die Fäden für die weichen Stoffe werden in Asien gezüchtet. Allein in In­dien, nach China die globale Nummer zwei in diesem Industriezweig, fielen jährlich 250.000 Tonnen Raupenfleisch an. Denn die Züchter sind an dem Kokon interessiert, in den sich die Maulbeerspinnerraupe verpuppt, er besteht aus ei­nem etwa einem Kilometer langen Seidenfaden. Schlüpft der Falter auf natür­lichem Wege, zerreißt er den Faden da­bei, weswegen in der Zucht die Raupen vor diesem Entwicklungsschritt in ko­chendem Wasser getötet werden. Der Fa­den wird abgewickelt, die Raupen bleiben übrig. In Europa sind Insekten als Nahrungsmittel für Menschen erst in Einzelfällen zugelassen, für die Verarbeitung als Futtermittel für Tiere gibt es kaum noch Beschränkungen.

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Unternehmer haben die junge Deutsche teilweise nicht ernst genommen

Also reiste die Gründerin vom Preisgeld aus den Studentenwettbewerb nach Indien, und knüpfte Kontakte zu möglichen Seidenraupenlieferanten. Denen hat­te sie viel zu erklären: So verlangen die EU-Richtlinien, dass im Futter keine Pestizidrückstände nachweisbar sein dürfen. Anfangs hätten die indischen Erzeuger nicht verstanden, warum Seidenraupen, die in einigen Regionen des Landes als Delikatesse gelten, in Europa nicht gut genug für Hundefutter sein sollen. Ähnlich skeptisch reagierten sie auf die Auflage, die abgetöteten Raupen für den Export nicht wie üblich draußen in der Sonne zu trocknen, sondern in industriellem Ausmaß, unter garantierten hygienischen Bedingungen in Öfen. Hunderte Proben wurden und werden in zertifizierten Laboren analysiert.

Nicht leichter seien die Vorbereitungen dadurch geworden, dass die indischen Un­ternehmer die junge Deutsche teilweise nicht ernst nahmen, erzählt Neitzel. Da habe die Anwesenheit ihres Vaters als ältere Respektsperson geholfen. Schließlich aber hätte die erste große Lieferung – acht Tonnen Raupen im Schiffscontainer – auf Reisen gehen können, da schlug Corona zu: Der indische Geschäftspartner starb an dem Virus, Reisen wurden schwierig bis unmöglich. Und Neitzel musste wieder von vorn beginnen. Inzwischen setzt sie auf China als Herkunftsland für ihren proteinreichen Rohstoff. Wo dann die Futtermischung produziert wird, steht noch zur Entscheidung an.

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Ob die von Hunden überhaupt gefressen wird, testete die Unternehmerin in Kooperation mit der Uni Gießen. Der erste Versuch war ernüchternd: Der Hund schnüffelte kurz und ließ das Futter dann links liegen. „Das bescherte mir eine schlaflose Nacht“, sagt Fabiola Neitzel. „Aber ein anderer Hund machte sich am nächsten Tag umgehend über das Futter her. Auch bei Tieren sind die Ge­schmäcker offensichtlich verschieden.“ Inzwischen stoße die Rezeptur jetzt weitgehend auf Resonanz. Verträglich sei das Futter, das nur aus einer Handvoll Zutaten besteht, allemal.

Fabiola Neitzel wagt sich auf ein so neues Gebiet vor, dass sie oft Sätze hört wie: „Das hat noch nie jemand gefragt.“ Oder: „Damit hat sich noch nie jemand beschäftigt.“ Trotzdem ist ihr Ziel, das Futter namens Prombyx – eine Zusammensetzung aus den Wörtern „Protein“ und „Bombyx mori“, der lateinischen Be­zeichnung des Seidenspinners – in diesen Jahr auf den Markt zu bringen. Kommt es bei Mensch und Tier an, könnte Neitzel bald anfangen, in ganz anderen Dimensionen zu denken: Seit November ist die kommerzielle Nutzung von Insekten in der EU nicht nur als Futter für Haustiere, sondern auch für Nutztiere ausdrücklich erlaubt. Das wäre ein gigantischer Markt.

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Quelle: F.A.Z.
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