Pinguine in der Antarktis

Kuscheln vor den Kameras

Von Roland Knauer
26.03.2019
, 20:37
Die Kaiserpinguine in der Atka-Bucht der Antarktis beachten das Pinguin-Observatorium im Hintergrund kaum.
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In der Antarktis beobachten deutsche Wissenschaftler das Leben der Pinguine im Klimawandel. Dafür sind 16 Kameras im Einsatz, die einfangen, was menschliche Beobachter sonst nicht zu Gesicht bekommen.
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In der deutschen Antarktis-Station Neumayer III ist es ruhig geworden. Liefen im Süd-Sommer zwischen Dezember und Februar manchmal 50 Menschen durch die Gänge, leben dort seit dem 28. Februar nur noch vier Frauen und fünf Männer, die den nächsten Besucher erst nach dem Winter – also frühestens im November – erwarten. Ganz allein ist das Überwinterer-Team des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) aber nicht lange. Gerade einmal acht Kilometer weiter erstarren nämlich spätestens im Antarktis-Herbst die Wellen der Atka-Bucht zu Eis. Und bald tauchen am Horizont Gestalten in schwarzem Frack auch, die langsam dahin watscheln. Während der heulende Sturm aus dem Osten Schnee nach Westen peitscht, versammeln sich bis in den Mai rund 26.000 Kaiser-Pinguine. Sie wollen in der Eiswüste den Winter verbringen – und ihren Nachwuchs großziehen.

Das kleine, orange-rote Häuschen, das hoch oben auf dem Rand der Eiswand gleich neben der Kolonie steht, beachten die Pinguine kaum. „Ihre an das Leben unter Wasser angepassten Augen sehen in der Luft ohnehin nicht optimal“, sagt Tim Heitland, der sich im AWI-Hauptstandort Bremerhaven um die Neumayer-Station kümmert. Im Antarktis-Winter 2017 markierte er als Leiter des damaligen Teams der Überwinterer den Weg zu den Pinguinen mit Bambusstangen. Mehrmals im Monat steht im Fahrtenbuch der Station das Ziel Atka-Bucht. Zwei oder drei Skidoo-Motorschlitten erreichen dann entlang der Markierungen nach einer halben Stunde das Häuschen. „So oft wie möglich habe ich dort sogar einen Teil meiner Freizeit verbracht und die Pinguine beobachtet“, sagt Heitland.

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16 Kameras beobachten die Pinguine

Die regelmäßigen Fahrten sind nicht nur ein Höflichkeitsbesuch bei den einzigen Nachbarn in einem Umkreis von mehr als 200 Kilometern. „Die Überwinterer schauen dabei nach dem Rechten, kümmern sich um die Akkus in dem Häuschen oder schmieren die beiden kleinen Windkraft-Anlagen auf dem Dach.“ Schließlich ist das rote Häuschen das einzige Observatorium der Welt für Pinguine – mit gleich 16 Kameras. „Single Penguin Observatorium and Tracking“ oder kurz „SPOT“ heißt die extrem robuste und sehr zuverlässige Beobachtungsplattform für Wissenschaftler.

Die deutsche Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis
Die deutsche Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis Bild: dpa

Aus der Ferne steuern Mitarbeiter der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) in Erlangen das Pinguin-Observatorium in der fernen Antarktis. Deren Chef Daniel Zitterbart lenkt sein Team manchmal ebenfalls aus der Entfernung, weil er auch an der Woods Hole Oceanographic Institution im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts forscht. Die Überlegung, die Kaiserpinguine der Atka-Bucht mit einem ferngesteuerten Observatorium auszuspähen, entwickelte der Forscher, als er 2008 als Geophysiker in der Neumayer-Station überwinterte. „Die Formeln, die das Verhalten vieler Moleküle in einem Gefäß mit Wasser beschreiben, kann man mit einigen Anpassungen auch auf eine Pinguin-Kolonie anwenden“, sagt Daniel Zitterbart. Die Formeln beherrscht der Physiker natürlich, das Problem sind eher die Daten, mit denen er seine Computermodelle füttert. So heulen oft Schneestürme über die Atka-Bucht. Ausgerechnet dann, wenn bei den Pinguinen viel los ist, hüllt von Ende Mai bis Ende Juli die Polarnacht das Geschehen in monatelanges Dunkel oder Dämmerlicht. Menschliche Beobachter sehen dann oft wenig.

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SPOT schießt deshalb seit 2013 tagsüber mit sieben Kameras jeweils einmal in der Minute ein Bild von verschiedenen Abschnitten der Atka-Bucht, weitere sieben Kameras tun das Gleiche auch im Schummerlicht der Nacht. Über die Neumayer-Station werden die Bilder nach Erlangen und Woods Hole übertragen. Tut sich in der Kolonie etwas Interessantes, können Daniel Zitterbart und seine Kollegen dann zwei weitere Kameras ferngesteuert auf das Geschehen richten. Eine davon nimmt die Wärmestrahlung der Pinguine auch im Dunkeln auf, die andere liefert mit 30 Mega-Pixel hochaufgelöste Filme in helleren Zeiten.

Brüten ist hier Männersache

Auf diesen Filmen sehen die Forscher dann, wie die mehr als einen Meter großen Kaiser-Pinguine im Herbst in einer langen Kolonne ankommen. Sie suchen einen Partner, auf den sie sich im späteren Familienleben verlassen werden. Mitten im Winter legt das Weibchen dann im Juni ein Ei, das auf dem Eis der Atka-Bucht allerdings rasch erfrieren würde. Daher balanciert sie das Ei vorsichtig auf ihren Füßen und schiebt den Nachwuchs auf die Füße des Vaters. Nach diesem Kraftakt wackeln die Weibchen erschöpft zum Meer, der nächste Akt ist Männersache.

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Ohne einen Happen zu fressen, stehen mehr als 10.000 Pinguin-Väter mit ihrem Ei auf den Füßen auf dem Eis und brüten es mit ihrer Körperwärme aus. In den eisigen Stürmen der Antarktis schaffen sie das nur gemeinsam mit den anderen Vätern. So beginnt in der Atka-Bucht und in den anderen 53 Kaiser-Pinguin-Kolonien der Antarktis die Zeit des Kuschelns. Die Väter mit ihren Eiern stehen dicht beieinander und wärmen sich gegenseitig. „Diesen Übergang zum Kuscheln können wir mit den gleichen Mechanismen beschreiben, die in einer kalten Winternacht für das Kondensieren der Luftfeuchtigkeit zu Raureif gelten“, sagt Daniel Zitterbart.

Nach fünf Jahren erfolgt die Rückkehr

Das Entstehen von Raureif und das Kuscheln der Pinguine hängt gleichermaßen von Einflüssen wie der Temperatur, der Luftfeuchtigkeit, dem Wind und bei den Tieren auch von den Energievorräten in Form von Fett ab, das sie sich im Laufe des Sommers im Meer angefressen haben. Je magerer ein Kaiser-Pinguin ist, der vom Verlassen des Meers bis zum Schlüpfen des Nachwuchses von 38 auf 23 Kilogramm abmagern kann, umso eher ist Kuscheln angesagt. Da der Meteorologe der AWI-Überwinterer alle Wetterdaten misst, wollen Zitterbart und seine Kollegen daraus und aus den Kuschel-Daten den Ernährungszustand berechnen, ohne die Pinguine wiegen zu müssen.

Da Kaiser-Pinguine auf der Suche nach Kleinkrebsen, Fischen und anderem Getier Tausende von Kilometern durchs Meer schwimmen, bekommen die Forscher mit diesen Daten wiederum einen Überblick über das Leben in den Gewässern rund um die Atka-Bucht. „Mit diesen Daten wollen wir daher auch erfahren, wie der Klimawandel und andere Einflüsse den Süd-Ozean verändern“, sagt Zitterbart. Von diesen Veränderungen hängt auch das Schicksal der winzigen Küken ab, die im Juli in der kältesten Phase des Winters aus den Eiern schlüpfen. Dann kommt hoffentlich bald die Mutter zurück, die den abgemagerten Vater ablöst. Später bringen beide Eltern Seafood aus dem Meer zum Nachwuchs. Bis irgendwann das Eis aufbricht und die Küken, die mittlerweile so groß wie ihre Eltern sind und auch schon einen Frack tragen, im Meer für sich selbst sorgen können. Fünf Jahre später kommen sie zurück, um – von SPOT beobachtet – selbst eine Familie zu gründen.

Quelle: F.A.Z.
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