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Artensterben in Deutschland

Schleiereulen fliegen in die Krise

Von Carl-Albrecht von Treuenfels
 - 14:01

Kälte und Schnee bis in den März haben in Norddeutschland wild lebende Tiere in Bedrängnis gebracht. Für viele Säugetiere und Vögel war die Nahrungssuche schwierig. Futterhäuschen für Singvögel waren begehrte Anflugziele für viele Arten. Die Jäger sorgen mit Heu, Rüben und Mais für das Wild in ihren Revieren.

Aber nicht allen kann geholfen werden. Vor allem die Tiere, die auf lebende Beute angewiesen sind, haben bei Schnee und gefrorenem Boden keinen Jagderfolg. Greifvögel wie Sperber, Habicht oder Seeadler nutzen die Not anderer Vögel, um sie am Futterhaus oder auf eisfreien Gewässern zu schlagen. Andere nehmen gelegentlich mit Aas vorlieb. Eulen jedoch brauchen Mäuse oder kleine Vögel zum Überleben.

Als Ansitzjäger in der Dämmerung und in der Nacht ergreifen sie mit ihren scharfen Krallen nach kurzem lautlosen Anflug ihre Beutetiere. Dabei hilft ihnen ihr feines Gehör, das eine Maus selbst unter Schnee oder im Gras noch genau orten kann. Wo ein Opfer im letzten Tageslicht oder in der Morgendämmerung für den Menschen noch unsichtbar wäre, helfen den Eulen ihre großen Augen, mit denen sie noch geringes Restlicht für einen erfolgreichen Zugriff nutzen können.

Von den zehn Eulenarten (Ordnung Strigiformes), die in Deutschland brüten, hat es die Schleiereule (Tyto alba) besonders schwer. Ihr Bestand ist trotz Nisthilfeprogrammen fast zusammengebrochen. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts war die Haus-, Schnarch- oder Scheuneneule (englisch „barn owl“) in Mitteleuropa weit verbreitet. Es gab kaum ein Dorf, in dem nicht mindestens ein Paar der gut taubengroßen hellbäuchigen Vögel mit dem braunen gefleckten Rückengefieder und dem herzförmigen Schleier aus fast weißen Federn im Gesicht (daher der Name) in einer Scheune, auf einem Dachboden oder im Kirchturm brütete. Auch auf Feldern und Wiesen hatten sich Schleiereulen in hohlen Bäumen oder im Dachgebälk von Sommerställen eingenistet.

Erfolgreich durch den Winter

Wiesen, Weiden und Äcker, die weniger intensiv bewirtschaftet wurden als heute, boten ein breites Spektrum tierischer Nahrung an. Für die Schleiereulen standen Feld-, Wühl- und Spitzmäuse oben auf der Beuteliste. Und im Winter gab es in den Scheunen und auf den Dachböden viel ungedroschenes Getreide und Heu, das unzählige Mäuse und Ratten zum Missfallen der Landwirte ernährte und die Erträge der damals noch im Winter mit stehenden Dreschmaschinen aus den Ähren gewonnenen Körner erheblich mindern konnten. Jeder Bauer war froh, ein Schleiereulen-Paar unter seinem Dach beherbergen zu können, und sorgte dafür, dass auf beiden Seiten der Giebel seiner Gebäude Einfluglöcher angebracht wurden – die nebenbei auch für Belüftung sorgten.

So kamen viele Schleiereulen gut durch den Winter, ernährten sich von Mäusen, Ratten und auch von den reichlich vorhandenen Haussperlingen, die sich ebenfalls mit den Erntevorräten stärkten. Manchmal brüteten sie sogar zum dritten Mal in einem Jahr erfolgreich während der kalten Jahreszeit. Für die Ablage ihrer vier bis sieben – in guten Nahrungsjahren bis zu zwölf – Eier genügte ihnen ein Brett, ein breiter Balken oder eine Strohschicht in einer dunklen Ecke. Das Weibchen beginnt mit der Brut, sobald es das zweite Ei gelegt hat. Die Jungen schlüpfen mit zeitlichem Abstand. Bei einem Gelege mit sieben Eiern kann der Altersunterschied zwischen dem ältesten und dem jüngsten Küken mehr als zwei Wochen betragen. Während der Brutzeit von vier bis fünf Wochen versorgt der etwas kleinere Eulenmann seine Eulenfrau mit Nahrung. Die nach der Verdauung ausgewürgten Reste wie Knochen und Felle, das Gewölle, bilden eine Nestunterlage. Wenn die Jungeulen acht bis zehn Wochen nach dem Schlüpfen ausfliegen, liegen in manchen Nistkästen so viele Gewölle, dass die oft mit Ungeziefer überzogenen Speiballen von Vogelschützern entfernt werden müssen, da sie sonst nicht mehr von Schleiereulen bezogen werden.

Gelistete Bestand ist weit unterschritten

Tagsüber verbergen sich die Schleiereulen unter den Dächern, in ihren von Naturschützern vermehrt angebotenen speziellen Nistkästen hinter einem Einflugloch oder in einer Baumhöhle.

Doch es werden immer weniger. Der im „Atlas der Brutvögel in Deutschland“ ausgewiesene Bestand von 16.500 bis 29.000 Paaren, der auf Zählungen und Schätzungen bis 2009 beruht, ist mittlerweile weit unterschritten. Eines von vielen Beispielen für die stark negative Tendenz benennt Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz für sein Bundesland. Wurde der bei Schleiereulen ohnehin über die Jahre schwankende Bestand zwischen 2005 und 2009 mit 600 bis 2000 Revierpaaren angenommen, sind es zur Zeit vermutlich weniger als 100 Paare. In vielen anderen Bundesländern gelten die Bestände als fast erloschen.

Was hat zu dieser Misere geführt? An erster Stelle der Nahrungsmangel. Ein Altbauer aus Schleswig- Holstein hat es erlebt. Jahrelang hatte er ein Schleiereulen-Paar unter seinem Dach beherbergt. In einem Nistkasten, den Vogelschützer hinter dem Giebel anbrachten, hatte das Paar mehrfach ungestört Junge aufgezogen, einmal sogar gemeinsam mit Turmfalken. Im Winter saßen beide Alt-Eulen auf einem Querbalken oberhalb der Diele, die neben dem Wohntrakt der Familie liegt. Anfangs waren noch Tiere im Stall, Heu lag auf dem Scheunenboden. Doch als er älter wurde, stellte der Bauer die Tierhaltung ein, und damit verschwand das Heu. Obwohl rund um den Hof noch Grünland war, das aber vom Pächter mehrfach im Jahr mit Gülle besprüht und gemäht wurde, blieben die Eulen ihrem Hof treu, zogen aber keine Jungen mehr auf. Eines Tages vermisste der Altbauer seine Eulen. Er fand sie schließlich nahe beieinander tot auf dem Boden in einer Ecke. Sie waren federleicht. Ein Vogelkenner bestätigte, dass sie verhungert waren.

Landwirte verhindern Mäuseschwemme

Auch früher gab es gute und schlechte Mäusejahre. Doch heute sind die Vorkehrungen gegen eine Mäuseschwemme durch die Landwirte wirkungsvoller. Am schlimmsten ist der Einsatz von Gift, der die Eulen auch unmittelbar treffen kann, indem sie vergiftete Mäuse fressen oder an ihre Jungen verfüttern. Die intensive Bewirtschaftung des Grünlands, das zudem stark in Maisflächen umgewandelt wurde, sowie der Einsatz von Chemikalien auf den Feldern und die damit einhergehende Vernichtung von Ackerwildpflanzen, die der Ernährung unzähliger Tierarten dienen, machen der Schleiereulen ebenfalls das Leben schwer. Da sie sich bei Tage nicht sehen lassen und am späten Abend oder nachts allenfalls durch ihre fauchend, kreischend oder zischend klingenden Laute bemerkbar machen, fällt es außer Ornithologen wie den Mitgliedern der Deutschen Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Eulen e.V. nicht auf, wie schlecht es um die Schleiereule, die schon 1977 „Vogel des Jahres“ war, bestellt ist. Immerhin regt sich jetzt immer mehr Engagement. Das Bayerische Amt für Umwelt will eine dauerhafte jährliche Schleiereulen-Erfassung im Rahmen des Monitoringprogramms der seltenen Brutvögel durchführen.

Eine weitere Krisenursache könnte die erfolgreiche Wiederansiedlung des Uhus (Bubo bubo) sein. Aus knapp 70 Brutpaaren vor gut 50 Jahren sind mittlerweile mehr als 2000 geworden. Unsere größte Eule gilt damit nicht mehr als gefährdet. Aber als Beute schlägt sie neben schutzbedürftigen Wanderfalken nicht selten auch andere Eulen – wie eben die Schleiereule und den Waldkauz.

An der Zählung von Schleiereulen in Deutschland kann man unter www.ornitho.de teilnehmen.

Quelle: F.A.Z.
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