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Schweinepest

Wie Ebola für den Menschen

Von Markus Wehner, Berlin
 - 06:52
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„Achtung Falschmeldung“, titelte der Deutsche Jagdverband am Dienstag auf seiner Internet-Seite. Ein lokaler Radiosender aus Potsdam habe vom Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Brandenburg berichtet. Die Nachricht, die in den sozialen Medien kursierte, versetzte Landwirte und Jäger in Aufregung. Tatsächlich handelte es sich um eine alte Geschichte vom vorigen Juli, wie der Radiosender klarstellte. Und auch damals handelte es sich nicht um die gefährliche Seuche.

Dass die alte Meldung noch einmal für Aufsehen sorgte, zeugt von der Nervosität, die herrscht, wenn es um diese Art der Schweinepest geht. Seit die Infektion im Juni vergangenen Jahres bei Wildschweinen in der Tschechischen Republik aufgetreten ist, geht die Angst um, dass Deutschland eine Tierseuche großen Ausmaßes erlebt. Der Bauernverband, Jäger, Tierforscher und die Landwirtschaftsminister sprechen über die Gefahr oder arbeiten an Krisenplänen. Mancher Politiker profiliert sich mit weitreichenden Vorschlägen – etwa jenem, umgehend 70 Prozent aller Wildschweine zu töten.

Für den Menschen ist der Virus ungefährlich, für Schweine tödlich. Das größte Risiko für die Ausbreitung geht wiederum von Menschen aus, die infiziertes Fleisch oder ebensolche Wurst wegwerfen. „Ein paar Scheiben Salami oder ein Butterbrot mit rohem Schinken reichen für die Infektion“, sagt Professor Franz Conraths vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, das sich um die Gesundheit lebensmittelliefernder Tiere kümmert. Wenn Wildschweine solche Wurst aus einem Mülleimer holen und fressen – Tonnen umzukippen ist für die hochintelligenten Tiere kein Problem –, dann infizieren sie sich. Sie tragen die Infektion durch Blut und Sperma zu ihren Artgenossen. Die Seuche ist für sie etwa wie Ebola für den Menschen, erzeugt hohes Fieber, große Schmerzen und endet fast immer mit dem Tod. Auf den Rastplätzen von Bundesautobahnen sind deshalb kippsichere Mülleimer aufgestellt worden. Warnschilder weisen seit längerem darauf hin, Speisereste nur dort zu entsorgen. Zunächst passierte aber nicht viel mehr.

Doch das Risiko ist hoch, dass die Seuche nach Deutschland kommt. Das Virus stammt ursprünglich aus Afrika, wo es durch Zecken auf Warzenschweine übertragen wird. Durch den unsachgemäßen Transport von Müll soll es zuerst nach Georgien und dann nach Russland gelangt sein. Von dort verbreitete sich die Schweinepest weiter nach Westen. Vor genau vier Jahren wurde der erste Fall innerhalb der EU im Baltikum registriert. In den baltischen Staaten breitete sich die Infektion wie ein Flächenbrand aus. Mittlerweile sind östliche Teile Polens und der russischen Enklave Königsberg betroffen sowie die Umgebung von Warschau. Durch die Wildschweine selbst verbreitet sich die Infektion allerdings nur langsam, sie sind eher reviertreu. Macht das Virus aber einen Sprung über Hunderte Kilometer wie im Gebiet von Zlin in der Tschechischen Republik, dann ist der Mensch beteiligt. Dort waren es, so nimmt man an, Speisereste aus der Ukraine, von denen die Seuche ausging.

Elektrozäune und Zäune mit Geruchsstoffen

Sollte der Virus auf Wildschweine in Deutschland übergreifen (und womöglich auf Hausschweine), wären die Folgen für die Produktion von Schweinefleisch wohl katastrophal. 27 Millionen Schweine werden hierzulande in fast 24000 Betrieben gehalten. Deutschland ist auch auf diesem Sektor Exportweltmeister. Ein Fünftel der Ausfuhren geht nach China, der Export dorthin hat sich in den vergangenen sechs Jahren verzehnfacht. „Käme es nur zu einer Infektion bei Wildschweinen, dann würde der Handel mit Drittstaaten außerhalb der EU schnell zusammenbrechen“, sagt Conraths. Die Importländer würden lieber auf Nummer sicher gehen. Aber auch innerhalb der EU gibt es schon Handelsbeschränkungen für die betroffenen Länder, die auch für Deutschland gelten würden.

Für den Seuchenfall haben das Friedrich-Loeffler-Institut und der Deutsche Jagdverband Szenarien erarbeitet. In einer Kernzone, in der die Infektion auftritt, würde man versuchen, die Wildschweine zusammenzuhalten. In der Tschechischen Republik wurden dafür Elektrozäune und Zäune mit Geruchsstoffen eingesetzt, um die Tiere vom Verlassen der Zone zu hindern. Die Umgebung würde genau überwacht, in einer größeren Pufferzone müssten 70 bis 80 Prozent der Wildschweine getötet werden, um eine Ausbreitung zu verhindern. „Das ist eine extreme Herausforderung, aber im Grunde gibt es keine andere Chance“, sagt Conraths.

Mehr Wildschweine zu schießen – das wird allerdings schon lange gefordert. Die Jäger wenden ein, dass mehr kaum noch gehe. „Wir schießen jetzt schon 600.000 Wildschweine“, sagt Torsten Reinwald, der Sprecher des Deutschen Jagdverbands. Damit schöpften die Jäger den Nachwuchs ganz ab, es blieben rund 300.000 Schweine. Wie viele es wirklich sind, weiß so ganz genau niemand. Sicher ist, dass sich das Schwarzwild in Deutschland seit Jahren kräftig vermehrt. Warfen Wildsauen früher nur im Frühjahr, so tun sie es jetzt das ganze Jahr, selbst die jüngeren weiblichen Tiere. Schuld sind die idealen Bedingungen, um ungestört den ganzen Tag zu fressen. Mehr als die Hälfte der zwölf Millionen Hektar Acker sind mit Weizen, Mais und Raps bepflanzt. Sie bieten Futter und Schutz. „Die Felder sind nur bis April bejagbar, dann sind die Pflanzen zu hoch“, sagt Reinwald. Die Wildschweine könnten drei bis vier Monate in den Feldern leben, sich bei idealer Deckung wunderbar vermehren.

Wenn noch mehr Wildschweine geschossen werden sollten, dann müssten flächendeckend Schneisen in den Feldern angelegt werden, sagt Reinwald. Doch überall schießen können die Jäger nicht. Denn die Schweine sind schon in dicht besiedelte Gegenden vorgedrungen. Allein im Berliner Stadtgebiet leben zwischen 3000 und 5000 Wildschweine. Schießen mit größerer Jagdmunition ist dort nicht gestattet. Die begrenzen Möglichkeiten, in einer Großstadt zu jagen, erleben gerade die Jäger in Warschau. Gift auszulegen ist schwierig, es würde auch andere Tiere töten. „Ein Patentrezept gibt es nicht“, sagt Conraths. „Aber es ist gut, dass die Gefahr nun endlich wahrgenommen wird.“

Quelle: F.A.Z.
Markus Wehner
Politischer Korrespondent in Berlin.
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