Ein Selbstversuch

Kann man bei einer Alpaka-Wanderung entspannen?

Von Anna Schiller
28.03.2022
, 13:15
Was guckst du? Ein Alpaka vom Hof der Keils in Reichelsheim sieht nach dem Rechten.
Flauschiges Fell und leichter Überbiss: Alpakas sind auf Instagram sehr beliebt. Aber kann man mit ihnen auch abschalten? Ein Selbsttest mit Tier-Wanderung.
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Lupo hat lange Wimpern, schwarze Augen und einen wuscheligen Vokuhila. Mit seinem Kopf geht er mir bis zu den Schultern. Er röhrt wie Chewbacca, der fusselige Wookiee aus „Star Wars“, nur sanfter. Lupo ist ein drei Jahre altes Alpaka und lebt auf einem Hof im hessischen Reichelsheim. Seine Vorfahren stammen aus den Anden, deshalb verbringt er seine Zeit gern mit langen Spaziergängen im Odenwald.

Es ist ein wolkenloser Morgen. Die Sonne, die über den Wald hinunter auf die Weide scheint, hat noch nicht richtig Kraft. Lupo und die anderen Alpakas rupfen seelenruhig Gras und schmatzen. Uwe Keil öffnet das Tor zur Weide, und ein Dutzend Menschen nähern sich zögerlich den Tieren. Manche Alpakas rennen neugierig auf uns zu, andere recken ihre langen Hälse und betrachten die Eindringlinge aus einigen Metern Entfernung.

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Mit ihrem flauschigen Fell, den langen Hälsen, ihren witzigen Frisuren und den großen Knopfaugen sehen sie wie Kuscheltiere aus. Dass sie so fotogen sind, hat ihnen zu Ruhm in den sozialen Medien verholfen. Ihr ausdrucksvolles Gesicht und der leichte Überbiss lassen sich schön zu Memes verarbeiten. Auf Instagram finden sich unter gängigen Hashtags wie #alpa­casofinstagram Millionen von Beiträgen.

Deshalb haben sie auch offline immer mehr Erfolg. Seit 2019 bietet Familie Keil Wanderungen mit Alpakas an, weil immer mehr Anfragen kamen. Mittlerweile bieten sie bis zu drei Touren am Wochenende an, dazu Junggesellen­abschiede, Besuche von Schulklassen, Geburtstage und Betriebsausflüge. Online preisen Wanderer die Tiere für ihr entspanntes Wesen. Mit ihnen soll man abschalten können. Einige Yogalehrer verlegen ihre Einheiten gar auf Alpaka-Weiden. „Sei immer du selbst, außer du kannst ein Alpaka sein. Dann sei ein Alpaka“, kommentiert eine Instagram-Nutzerin ihre Erfahrung. Lässt sich wirklich von Alpakas Entschleunigung lernen?

Die Autorin mit Alpaka: Lupo entzieht sich jeglichem Leistungs­denken.
Die Autorin mit Alpaka: Lupo entzieht sich jeglichem Leistungs­denken. Bild: Ilkay Karakurt

Lukas, der Sohn von Uwe Keil, legt neun Tieren das Geschirr um den Kopf. Und die Zweibeiner bekommen einen Crashkurs im Alpaka-Gassigehen. Aber wie soll man sich das alles merken, wenn die Herde aufgeregt umherläuft? Eine Frage nimmt Uwe Keil vorweg, da sie immer gestellt wird: Spucken Alpakas? Antwort: Ja. So klären sie Konflikte untereinander. Fühlt sich ein Tier besonders bedroht oder wird die erste Warnung ignoriert, feuern Alpakas sogar mit ihrem Mageninhalt auf den vermeintlichen Gegner. Für uns Wanderer gibt es jedoch Entwarnung: Alpakas bespucken sich nur gegenseitig – in der Regel.

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Worauf sollte man sonst noch achten, will man ein Alpaka für sich gewinnen? Die Leine am Anfang lang lassen, bis sich Tier und Wanderer aufeinander eingespielt haben, rät Uwe Keil. Und neben dem Alpaka laufen, dann hat es seinen potentiellen Fluchtweg – nach vorne – immer im Blick. Das gibt dem Tier Sicherheit.

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Berserker-Syndrom

Lupo wiederum gibt mir als Neuling Sicherheit. Er sei von Anfang an ohne Training brav an der Leine gelaufen, sagt Uwe Keil. Während Hundehalter dazu angehalten werden, ihren Vierbeiner möglichst früh zu erziehen, ist es bei Alpakas genau anders. Gewöhnen sich die Tiere zu früh an den Menschen, sind sie alles andere als entspannt. Sie sehen ihn dann als einen von ihnen – und behandelten ihn auch so rüpelhaft wie einen Artgenossen, erklärt Uwe Keil. Diese Fehlprägung wird auch Berserker-Syndrom genannt. Nicht selten müssen Tiere, die daran leiden, eingeschläfert werden. Die Jungtiere mit ihren roten Marken sind für uns Besucher daher tabu. Auch wenn sie noch so süß sind: bitte nicht streicheln, zu ihrem eigenen Schutz.

Lupo ist zuverlässig und zahm, daher soll ich mit ihm die Wandergruppe anführen. Die anderen Alpakas folgen Lupo aus dem Gatter, den Hügel hinunter bis auf den Wanderweg. Schnell schreiten wir voran, schließlich hängt die ganze Gruppe von unserem Tempo ab, meine ich zumindest. Doch Lupo entzieht sich jeglichem Leistungs­denken: Nach wenigen Metern spannt die Leine, mein Arm wird immer länger, Lupo bremst uns einfach aus.

Alpaka-Fachmänner: Uwe Keil und sein Vater Willi Keil
Alpaka-Fachmänner: Uwe Keil und sein Vater Willi Keil Bild: Ilkay Karakurt

Als ich mich umdrehe, kaut er noch immer auf ein paar Grashalmen. Liegt in seinen Knopfaugen auch Unverständnis über die Hektik überspannter Städter? Vorwurfsvoll dreht er sich zum Rest der Gruppe um, der zurückgefallen ist. Lupo hat Führungsqualitäten. Sein Team behält er beim Wandern immer im Blick. Droht die Karawane auseinanderzufallen oder wollen die Tiere grasen, bleibt er stehen. Alle sind hier nur so schnell wie der Langsamste. Lupo zwingt dazu, sich Zeit zu lassen. Am Anfang fühlt sich das quälend langsam an. Nach einiger Zeit ist es aber befreiend, eine Ausrede zum Trödeln zu haben.

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Ein Alphatier ist Lupo trotzdem nicht, er ist viel zu vorsichtig. Dauernd bewegen sich seine Ohren in die Richtung, aus der Geräusche kommen, wie eine Satellitenschüssel, die sich immer wieder neu ausrichtet. Wenn Lupo langsamer läuft, liegt es manchmal auch daran, dass er etwas gehört hat. Bewusst nehme ich zum ersten Mal nach dem Winter wieder Zwitschern wahr. Leise singt ein einsamer Vogel hoch oben in den Wipfeln. Ohne Lupo wäre es mir vielleicht gar nicht aufgefallen.

„Sind das Lamas?“

Auf unserem Weg kommen wir an einer Bank vorbei, auf der gerade drei Wanderer in Multifunktionskleidung Rast machen und belegte Brote aus einer Tupper­dose essen. „Sind das Lamas?“, fragt einer. Es ist das Schicksal der Alpakas: Immer wieder werden sie mit ihren entfernten Verwandten verwechselt. Alpakas und Lamas gehören zur Familie der Kamele. Sie stammen jedoch von unterschiedlichen Vorfahren ab – Alpakas vom Vikunja, Lamas vom Guanako. Die frühen südamerikanischen Zivilisationen domestizierten sie. Alpakas sind etwas kleiner und leichter als Lamas. Lupo wiegt um die 65 Kilogramm. Die meisten seiner Artgenossen leben heute in Peru. Sie werden hauptsächlich für ihre weiche Wolle, das Vlies, gehalten. Auch Lupo fühlt sich wie ein Teddybär an. Anders als Schafe erzeugen Alpakas kaum Wollfett, das macht sie so flauschig. Wenn man ihn streichelt, versinkt die Hand in seinen Locken.

Alpakas sind etwas kleiner und leichter als Lamas.
Alpakas sind etwas kleiner und leichter als Lamas. Bild: Ilkay Karakurt

Wenn Lupo etwas Neues sieht, wird er langsamer und bleibt schließlich stehen. Dann beobachtet er seine Umgebung und wägt ab. Bevor wir von einer großen Lichtung wieder in den Wald eintauchen, bleiben wir einige Augenblicke stehen. Lupo senkt den Kopf und richtet die Ohren nach vorne. Er blickt auf den schmalen Trampelpfad vor uns, der sich durch Büsche hindurch tiefer in den Wald schlängelt. Zaghaft setzt er einen Huf vor den anderen, tastet sich langsam vorwärts. Als das letzte Alpaka die Schwelle passiert hat, hebt er wieder den Kopf und trottet den Weg entlang, als wäre nichts passiert. Bewusst innehalten und bei Problemen auf die eigenen Instinkte vertrauen – auch das kann man sich von den Alpakas abschauen.

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„Wir sind dem Charme der Tiere er­legen“, sagt Willi Keil, der Vater von Uwe Keil. 2007 kaufte er die ersten drei Tiere und gründete mit ihnen die Alpaka-Dynastie der Keils. Zuvor hatte die Familie eine Herde Heidschnucken. Weil deren Lämmer jedoch geschlachtet wurden, gingen die Kinder irgendwann auf die Barrikaden, sagt Willi Keil. Von einer Australienreise brachte seine Tochter Bilder von Alpakas mit. Seither ist es um die Keils geschehen. Ihre Farm in Reichelsheim im Odenwald ist zu einem generationenübergreifenden Familienprojekt geworden. Die Großeltern misten jeden Morgen aus und füttern die Tiere. Am Wochenende begleiten Uwe Keil und sein Sohn Lukas Wandergruppen. 30 bis 40 Tiere leben bei ihnen. Ihre Zahl hängt auch davon ab, wie erfolgreich es mit der Zucht läuft. Im Sommer sitzt die Familie abends vor dem großen Stall und schaut über die Weide: Entspannung!

Als wir nach knapp drei Stunden wieder an der Weide angekommen sind, fühle ich mich durchaus entspannt. Ob es die frische Luft war, die Bewegung, Lupos stressmildernde Fähigkeiten oder eine Kombination aus allem? Jedenfalls fühlt es sich seltsam an, die Leine aus der Hand zu geben. Schade, dass Lupo und ich wieder getrennte Wege gehen. Zum Abschied wollte ich ihn noch einmal streicheln, mich vernünftig von ihm verabschieden. Als Uwe Keil ihm das Geschirr vom Kopf streift, verkriecht er sich jedoch direkt in eine mit Stroh ausgelegte Holzhütte und dreht mir den Rücken zu. „Tschüss“, rufe ich noch hinterher. Vielleicht kann ich auch das von ihm lernen: wissen, wann man aufhören muss, und es dann auch tun – ohne zurückzuschauen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schiller, Anna
Anna Schiller
Volontärin.
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