Das große Sterben

Tierbestände weltweit sinken dramatisch

Von Anna Vollmer
10.09.2020
, 22:13
Die Zahl der Tiere auf der Welt schrumpft dramatisch – seit 1970 um mehr als zwei Drittel. Diese Entwicklung hat vor allem mit unserer Ernährung zu tun.

Dem Feldhamster geht es nicht gut. Auch dem Biber und dem Rebhuhn nicht. Denn die Bestände dieser drei Arten, die wir alle kennen und die sich hier vor unserer Haustür finden, sind in der Vergangenheit so stark zurückgegangen, dass sie aktiv geschützt werden müssen. In anderen Gegenden der Erde ist die Lage von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Fischen und Reptilien noch dramatischer.

Die Tierbestände der Welt haben einen Tiefpunkt erreicht: Um 68 Prozent sind sie seit 1970 zurückgegangen, so steht es im aktuellen „Living Planet Report“, den die Naturschutzorganisation WWF am Donnerstag vorgestellt hat. „Wäre der Living Planet Index ein Aktienindex, würde er die größte Panik aller Zeiten auslösen“, sagte Christoph Heinrich, Vorstand Naturschutz beim WWF. Denn das Tiersterben hat erheblichen Einfluss auf unser gesamtes Ökosystem – uns Menschen eingeschlossen.

Der „Living Planet Report“ wird seit 1998 alle zwei Jahre vom WWF veröffentlicht und dokumentiert die Veränderungen der Biodiversität auf der ganzen Welt. Vergleicht man die heutigen Ergebnisse mit denen vorheriger Jahre, erkennt man, dass sich die Situation verschlimmert. Besonders drastisch sind die Zahlen in Süd- und Mittelamerika: Dort sind die Tierbestände in den vergangenen 50 Jahren um 94 Prozent zurückgegangen. „Das ist nahe am Totalausfall“, sagt Rebecca Gerigk, Sprecherin des WWF. „Da kann man eine direkte Linie auf unseren Teller ziehen.“ Der Verlust der Tierbestände sei nämlich darauf zurückzuführen, dass für den Anbau von Futtersoja Regenwald abgeholzt werde. Jeder Einzelne könne etwas dagegen tun, indem er den Konsum von Tierprodukten einschränke. Vor allem sei aber die Politik gefragt. So fordert der WWF, nur noch Produkte in die Europäische Union einzuführen, für die keine Regenwälder abgeholzt und keine Moore trockengelegt wurden.

WWF: Bis 2030 ein Drittel der Erde unter Schutz stellen

Einer der Hauptfaktoren bei der Zerstörung von Ökosystemen ist die Landwirtschaft. 75 Prozent der eisfreien Fläche der Welt befinden sich nicht mehr in ihrem ursprünglichen Zustand. Viele davon sind zu Agrarflächen geworden. Ein System, das sich dringend ändern müsse, sagt der WWF, der dazu aufruft, bis 2030 ein Drittel der Erde unter Schutz zu stellen. Deutschland könne die EU-Ratspräsidentschaft nutzen, um mit gutem Beispiel voranzugehen.

Trotz allem dürfe man den Kopf aber nicht in den Sand stecken, sagt Gerigk. „Wir versuchen, auch positive Entwicklungen zu erwähnen.“ Der Verlust der Biodiversität könne gestoppt, ja sogar rückgängig gemacht werden, wenn die erforderlichen Mittel dafür in Bewegung gesetzt würden, heißt es in dem Report. Seit 2017 haben sich der WWF und 40 Universitäten zur Initiative „Bending the Curve“ zusammengetan, um Wege zu erarbeiten, wie sich die Abwärtskurve stoppen lässt.

Der „Living Planet Report“ nennt Beispiele, wie das schon gelungen ist: Die Population der Waldelefanten in Ghana wächst wieder. Und auch der Biber sei zwar immer noch bedroht, zugleich aber eine „Erfolgsgeschichte“, sagt Gerigk. Denn durch gezielte Wiederansiedlung sei die Art in Deutschland dabei, sich langsam wieder zu erholen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Vollmer, Anna
Anna Vollmer
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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