Tierhaltung im Zirkus

Babys letzter Ausflug

Von Jörg Thomann
23.06.2015
, 13:02
Ein ausgerissener Elefant tötet einen Spaziergänger – und der erbitterte Streit zwischen Tierrechtlern und Zirkussen wird neu befeuert.

Wenn es sich nicht verbieten würde, bei einer so traurigen Geschichte von einem Happy-End zu sprechen, dann könnte dieses vielleicht so aussehen: Ein paar Afrikanische Elefanten streifen durch die Landschaft. Irgendwann setzen sich alle vier in Bewegung und traben um einen kleinen Hügel aus aufgehäuftem Sand herum, dass es nur so staubt. Es ist nicht die Savanne, sondern nur das umzäunte Gelände eines Safariparks in Ostwestfalen, doch der kurze Film auf der Facebook-Seite des Zoos vermittelt den Eindruck einer friedlichen Fauna. So etwas war nicht unbedingt zu erwarten angesichts des Neuzugangs in der Anlage, eines 34 Jahre alten Tieres, das im Laufe seines Lebens mal Baby hieß und mal Benjamin und dem die „Bild“-Zeitung gerade einen weiteren Namen verpasst hat: „Hier stapft der Killer-Elefant in sein neues Zuhause“, schrieb das Blatt am Dienstag.

Zum Killer geworden war die Elefantenkuh drei Tage zuvor. Am frühen Samstagmorgen hatte sich im Odenwaldstädtchen Buchen der 65 Jahre alte Alexander H. zu seinem gewohnten Spaziergang aufgemacht, bei dem er Pfandflaschen und -dosen aufzusammeln pflegte. Bei einem Sportplatz, etwa hundert Meter entfernt vom Zelt eines kleinen Wanderzirkusses, traf er gegen halb sechs auf jemand anderen, der zur frühen Stunde unterwegs war: Der Zirkuselefant, in Freiheit und unbeaufsichtigt, attackierte den Rentner und tötete ihn. Als dessen Ehefrau sich später auf die Suche nach ihm machte, war schon die Polizei am Ort. Den Elefanten hatte ein Zirkusmitarbeiter zurück ins Zelt gebracht. Wie das Tier hatte entkommen können, ist ungeklärt.

Zirkus. Auf den klassischen Plakaten, verankert im kollektiven Gedächtnis wenigstens jener, die heute über vierzig sind, dominieren die immergleichen Motive: der dumme August, die Reiterin mit dem Federschmuck auf dem Kopf, der zähnefletschende Tiger - und der Elefant. Prächtig geschmückt mit orientalischen, goldverzierten Decken, auf den Hinterbeinen stehend, den Rüssel majestätisch erhoben. Keiner verkörperte das Versprechen, im Zirkuszelt in eine unbekannte Welt einzutauchen, imposanter als der Elefant, das größte Landsäugetier der Erde, die gezähmte Urgewalt. Heute weiß man längst, wie verzerrt die Bilder waren. Und das nicht allein deshalb, weil noch kein Mensch je einen Elefanten in freier Wildbahn beim Kopfstand sah.

Nicht in allen, aber in vielen Zirkussen mit Elefantendressur waren die hochintelligenten, sensiblen Geschöpfe im Lauf der Jahrzehnte gequält oder zumindest nicht artgerecht gehalten worden: zu kleine Gehege, ständige Fahrten in engen Transportwagen, fehlender Kontakt mit Artgenossen. Die Folgen: Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen, Minderwuchs, frühe Sterblichkeit. Seriöse Zirkusse haben nachgebessert, erfüllen die Auflagen der Behörden und geben sich transparent, doch aus der Schusslinie bringt sie das nicht. Wo auch immer ein Großzirkus mit Tieren heute seine Zelte aufschlägt, die Demonstranten mit ihren Banderolen und Megaphonen sind schon da. Es ist ein Hase-und-Igel-Spiel, das mit harten Bandagen ausgefochten wird.

Am umstrittensten sind die zahlreichen kleinen Wanderzirkusse, die durch die Lande tingeln, häufiger vor halbleeren Rängen spielen und versuchen, den Glanz der alten Zirkuswelt durch Elefanten zu erhalten. Sie haben oft nicht die Mittel, um die gewaltigen Tiere angemessen pflegen zu können, und wenn das Veterinäramt etwas zu beanstanden hat und einschreiten will, sind sie häufig schon weitergezogen zum nächsten Ort, wo ein anderes Amt zuständig ist.

Ein kleiner Wanderzirkus ist auch jener, der in Buchen gastierte. Ein Familienunternehmen in achter Generation, in der DDR enteignet worden, 1971 im Westen neu gestartet. Unterwegs unter dem Namen Francona oder, wie zuletzt, Francordia, nach den Besitzern, einem Abzweig der Zirkusgroßfamilie Frank. Am bekanntesten - und, für seine Kritiker, am berüchtigtsten - aber als Circus Luna. Eine Woche danach nimmt der Zirkus, der im folgenden Luna heißen soll, gegenüber dieser Zeitung erstmals öffentlich Stellung zu dem Unglück. „Wir haben das nicht gewollt, aber es war unser Elefant“, sagt die Zirkussprecherin Alexandra Finckh am Samstag. „Wir haben das Tier verloren, trauern aber auch um den Mann und mit seiner Familie.“

1997 hatte der Zirkus die Elefantenkuh Baby erworben, die bald ebenfalls den Namen und damit ihr Geschlecht wechselte: Unter dem Künstlernamen Benjamin trat sie in die Manege. Viele Besucher dürften da an Benjamin Blümchen gedacht haben, den gutherzigen Hörspiel-Elefanten, vor dem sich kein Kind fürchten muss, allenfalls die entnervten Eltern.

Das Bild des sanften Riesen allerdings ist natürlich unvollständig. Der WWF zählt allein in Indien jedes Jahr hundert Todesfälle durch Elefanten. In Deutschland, behauptet der Verein Elefanten-Schutz Europa, sind seit 1980 durch Elefanten 53 Menschen ums Leben gekommen. Als Letzten traf es Alexander H., doch es hätte schon früher Todesopfer wegen Baby geben können. Das Sündenregister des Tieres mit dem harmlos klingenden Namen ist in den Medien hinreichend dokumentiert. Im August 2000 hatte in Melsungen der Elefant von einer Wiese aus eine Frau mit dem Rüssel verletzt. 2010 schleuderte er beim Fotoshooting auf einer Betriebsfeier in Leutkirch einen Mann mit seinem neun Monate alten Sohn in die Luft; das Kind brach sich den Oberschenkel, der Vater verlor eine Niere. 2012 brach Baby bei einer Tierschau in Burladingen einem zwölf Jahre alten Jungen den Kiefer. Unglückliche Unfälle, lautete stets die Erklärung des Zirkusses, der zudem vermeintlichen Leichtsinn der Opfer ins Feld führt; der Zwölfjährige habe tatsächlich auch nur eine Prellung erlitten, sagt Alexandra Finckh.

Der Zirkus hatte auch viele Freunde. Zu Beginn eines Gastspiels zog der Tierpfleger gern mit Baby durch den Ort. Im April 2014 war das Tier Gast einer Grundschule im Schwarzwald. Der dadurch ausgelösten Empörung begegnete die „Badische Zeitung“ seinerzeit mit einem launigen Interview des Schulleiters: „Haben Sie schon einen Rüssel, äh: Rüffel vom Schulamt bekommen?“ Wäre ihm der Elefant auf den Fuß getreten, so der Rektor, dann wäre das „ein interessanter Dienstunfallbericht geworden“. In dieser Woche, unter neuen Vorzeichen, fanden die Interviewpartner nochmals zusammen, nunmehr waren beide bestürzt. Zu den Zirkusfreunden zählte auch der Freiburger Verhaltensforscher Immanuel Birmelin, dessen Institut dem Elefanten 2014 attestierte, „psychologisch vollkommen ausgeglichen“ zu sein - obwohl Baby seit 15 Jahren ohne Artgenossen lebte. Weil die Einzelhaltung bei Elefantenkühen, die ausgesprochene Herdentiere sind, schwere Störungen verursachen kann, soll sie gemäß den „Leitlinien für die Haltung, Ausbildung und Nutzung von Tieren in Zirkusbetrieben und ähnlichen Einrichtungen“ vermieden werden.

Tragischerweise waren die Behörden kurz davor gewesen, Babys Situation ein Ende zu machen: „Wir hatten eine Art Masterplan ausgearbeitet“, sagt die Veterinärin Cornelie Jäger, Landestierschutzbeauftragte von Baden-Württemberg. Mehrere Ämter hatten kooperiert, ein Gegengutachten war erstellt und die Abgabeverfügung ausgehändigt worden - der Zirkus aber legte Widerspruch ein. Darüber war, als Alexander H. in Buchen sein Leben verlor, noch nicht entschieden.

Ob Fahrlässigkeit Baby den verhängnisvollen Ausflug ermöglichte oder ob sie gar vorsätzlich freigelassen wurde, ist offen; die „Ermittlungsgruppe Zirkus“ im Polizeipräsidium Heilbronn hat noch keine heiße Spur. Weil es sich um „Täterwissen“ handelt, bleibt geheim, ob sich am Gehegezelt Anzeichen für Manipulation finden; in seinem Revier, sagt Polizeisprecher Rainer Köller, sei ihm indes kein Fall bekannt, in welchem ein Zirkustier von Tierschützern befreit worden wäre. Dies nämlich vermutet man beim Circus Luna. Ohne die Tierrechtsorganisation Peta, seit Jahren Widersacher des Zirkusses, direkt zu beschuldigen, verweist Alexandra Finckh auf Kampagnen, die „Freiheit für die Tiere“ fordern: „Da gibt es dann den einen oder anderen, der springt da drauf.“ Die Tierrechtler, so Finckh weiter, „haben es seit Jahren auf uns abgesehen, haben Schilder überklebt oder mit Hassparolen besprüht“. Gehege seien geöffnet und Zäune zerschnitten worden, und vor zwei Jahren in Kaufbeuren sei der Zirkus gar überfallen worden - von Neonazis, die sich unter die Tierschützer gemischt hätten. Anzeigen, die der Zirkus stellte, seien meist „mangels öffentlichen Interesses“ unverfolgt geblieben.

Peta hat den Verdacht, es seien Tierschützer involviert gewesen, als „absurd“ zurückgewiesen; es sei das Standardargument, sobald ein Tier entwischt sei. Gerade Baby soll des Öfteren ausgerissen sein, und zumindest in einem Fall ist das auch belegt: Im November 2001 lief der Elefant durch Aschersleben, nachdem Pfleger Stefan Frank, wie er gegenüber der „Mitteldeutschen Zeitung“ zugab, ihn kurz unbeaufsichtigt gelassen hatte.

Peta wiederum nennt Zirkuselefanten „tickende Zeitbomben“ und kämpft für ein absolutes Wildtierverbot im Zirkus. Zu den prominenten Unterstützern der Organisation zählt eine Tochter des Schauspielers Til Schweiger, die für ein Foto posierte, auf welchem ein Elefantenhaken - ein gefürchtetes Dressurinstrument - scheinbar in ihrem Hals steckt. Das Mädchen heißt übrigens Luna.

Mit seinen eigenen, bescheidenen Mitteln hat der Wanderzirkus versucht, den übermächtigen Bildern gequälter und vernachlässigter Tiere etwas entgegenzusetzen. In einem 2012 bei Youtube eingestellten Video erzählt ein Spross der Zirkusfamilie in unbeholfenen Worten, wie man Baby einst aus einer überfüllten Auffangstation in Afrika „gerettet“ habe („Der war schon tot“), dass die Tiere „ihre Arbeit wirklich gerne“ machten und dass Baby stets gut behandelt würde: „Wenn wir den wirklich quälen würden, würde der entweder abhauen oder uns umbringen.“ Der Abschied von Baby, sagt Alexandra Finckh drei Jahre später, sei allen sehr schwergefallen: „Sie ist ja ein Familienmitglied.“

Frankfurt, Festplatz. Die Luft an diesem Freitag durchweht der altvertraute Zirkusgeruch nach Popcorn, Zuckerwatte - und Tieren. Der Großzirkus Charles Knie, der hier seine Zelte aufgestellt hat, setzt anders als etwa der Konkurrent Roncalli, wo nur Hunde und Pferde auftreten, nach wie vor auf exotische Tiere. Es sind gut neunzig an der Zahl, darunter Raubkatzen, Zebras und ein Känguru. „Steffi! Kulus!“, ruft Chefdresseur Marek Jama, und zwei Seelöwen recken die Köpfe aus ihrem Becken. Auch die Indischen Elefanten Jumba, Mala und - wiederum - Baby, 41, 42 und 45 Jahre alt, kommen auf Zuruf aus dem Zelt ins Freie. Die Tiere bei Knie „sind keine Wildtiere, sie sind im Zirkus geboren, mit Menschen aufgewachsen und haben ein ganz inniges Verhältnis zu ihren Pflegern“, sagt Sascha Melnjak, der junge Zirkusdirektor.

Die Nachmittagsvorstellung ist gut besucht. Vor Beginn dürfen die kleinen Besucher auf Kamelen eine Runde durch die Manege reiten. Demonstranten sind keine zu sehen. Sie sind jedoch, natürlich, an einem Tag da gewesen. „Es waren rund 300, und es war viel Aggression und Alkohol im Spiel“, sagt Melnjak. Manchmal bitte man die ungebetenen Gäste herein, damit sie sich selbst ein Bild machen können, aber in diesem Fall habe man darauf verzichtet - zu gefährlich. Der Tod des Rentners in Buchen sei furchtbar, doch die neu entbrannte Debatte, so Melnjak, „ist für uns bitter. Wir sind ein Unterhaltungsbetrieb, der nichts Verbotenes macht, unseren Tieren geht es super. Kein anderer Tierhaltungsbetrieb wird so oft überprüft wie der Zirkus.“

Melnjak zufolge gibt es hierzulande nur noch rund fünfzig Zirkuselefanten: „Alle sind mindestens 35 Jahre alt, denn seit den Achtzigern gilt ein Importverbot. Das Thema Elefanten im Zirkus wird sich von allein erledigen.“ Die Spielzeugindustrie ist vorausgeeilt. Zwar mögen sich manche Kinderbücher nicht verabschieden von Bildern lachender Zirkuselefanten, doch andere haben auf den Zeitgeist reagiert. Playmobils „großer Zirkus-Elefant“ von 1988 ist nicht mehr lieferbar.

Ein generelles Wildtierverbot, wie es wieder lauter gefordert wird, könnte laut Melnjak sein Unternehmen in der Existenz bedrohen. Für den kleinen Circus Luna, der demnächst wohl auch seinen letzten Bären abgeben wird, gilt das sowieso; niemand weiß dort, wie es weitergeht. „Die Berufsperspektiven für Leute im Zirkusgewerbe sind extrem schlecht“, zeigt sich die Tierschutzbeauftragte Cornelie Jäger mitfühlend.

Dass Zirkus nach wie vor Zauber verbreiten kann, beweist Charles Knie mit seiner bestechenden Akrobatik. Und sicher ist es nach wie vor faszinierend, exotische Tiere von nahem zu sehen. Wenn Marek Jama neben Pferden und Ponys Rinder mit mächtigen Hörnern durch die Manege galoppieren lässt, geht ein Raunen durchs Zelt. Als später ein stolzer Tiger auf den Hinterbeinen durch die Manege trippelt, stellt sich jedoch ein schales Gefühl ein. Auch die Elefantennummer lässt sich kaum mehr mit dem unschuldig-kindlichen Blick von früher betrachten. Als Elefantin Baby ihren schweren Huf über drei auf dem Boden liegende Tänzerinnen erhebt, stockt dem Zuschauer der Atem. Aufs Kommando ihres Tiertrainers Elvis Errani stapft Baby dann aber behutsam über die Frauen hinweg. Wie mögen die sich dabei fühlen?

Ihre Namensvetterin aus dem Circus Luna wird man in der Manege nicht mehr sehen. Mit ihren Stukenbrocker Mitbewohnerinnen Mausi, Didi und - offenbar der Renner unter den Elefantennamen - Baby komme sie gut zurecht, sagt Parksprecherin Susanna Stubbe und fügt hinzu: „Wir haben bisher an dem Tier keine Verhaltensauffälligkeit gemerkt.“ Ob es harmonisch bleibt, wisse natürlich niemand. Zu den geringeren Problemen dürfte zählen, dass sich Baby nicht nur an die anderen Tiere und die neue Umgebung, sondern wohl auch - wieder mal - an einen neuen Namen gewöhnen muss: Sonst würden auf den Ruf „Baby“ stets zwei Elefanten anmarschieren. Einer der Tierpfleger des Parks hat einfach mal damit angefangen, sie Benji zu nennen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Thomann, Jörg
Jörg Thomann
Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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