Ukraine und Belarus

Die Natur leidet mit

Von Roland Knauer
09.05.2022
, 17:37
Die Karpaten: In den riesigen Wäldern betreut die Zoologische Gesellschaft Frankfurt Naturschutzprojekte.
Auch die größte Population von Bären, Wölfen und Luchsen in Europa ist von den Kampfhandlungen in der Ukraine betroffen. In Belarus sieht es aus politischen Gründen nicht viel besser aus für den Natur- und Artenschutz.
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Flussauen, Moore, Wälder: Aus der Luft erinnert das Polesie-Tiefland auf beiden Seiten der Grenze zwischen der Ukraine und Belarus zuweilen verblüffend an die Amazonas-Region. Am Boden zeigen seltene Arten wie Schelladler, Kampfläufer, Kiebitze und Uferschnepfen, dass in dieser Gegend eine große Artenvielfalt herrscht. Durch dieses Naturparadies stießen Ende Februar russische Truppen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew vor. Auch die Natur leidet unter dem Einsatz der Militärfahrzeuge, sogar in den fernab liegenden Karpaten, die zu einem großen Teil ebenfalls in der Ukraine liegen – und als Hotspots für sonst selten gewordene Arten wie Nerze, Luchse, Wölfe und Bären gelten.

„Als ich vom Angriff russischer Truppen auf die Ukraine erfuhr, war ich völlig schockiert“, erinnert sich Michael Brombacher. Der Ökologe leitet das Europa-Referat der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die nicht nur in den Savannen Afrikas und im Amazonas-Gebiet, sondern auch in Europa Schutzprojekte betreut. ­Seine größten Vorhaben treibt Brombacher in den Karpaten und in der Polesie in der Ukraine voran. Beide Gebiete sind von den Kampfhandlungen betroffen, direkt und indirekt: In der Region um den havarierten Kernreaktor Tschernobyl drangen russische Truppen durch die Polesie auf Kiew vor, sie griffen im Nordosten, Osten und Süden an, fast überall im Land gab es Luftangriffe. Mehrere Millionen Menschen flohen, 60.000 Personen erreichten die Siedlungen der Schutzgebiete im ukrainischen Teil der Karpaten.

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Viele dieser Binnenflüchtlinge konnten in Verwaltungsgebäuden und anderen Einrichtungen übernachten. Die Naturschutzarbeit war ohnehin am ersten Tag des Angriffs eingestellt worden. Nur fehlte es den Menschen dort an fast allem. Deshalb organisierte die ZGF mit ihrer rumänischen Partnerorganisation Fundația Conservation Carpathia (FCC) schon in den ersten Tagen einen Hilfstransport, der 3,5 Tonnen dringend benötigtes Material zu den Schutzsuchenden brachte: Schlaf­säcke, Matratzen, Lebensmittel. „Bei Handwerkern in der Ukraine haben wir auch Betten gekauft“, sagt Brombacher. Flüchtlingshilfe statt Naturschutz.

Der Naturschutz hat einen relativ hohen Stellenwert in der Ukraine

Allerdings soll auch der Naturschutz weitergehen. Schon Ende April wurden in den Karpaten wieder Bäume vermessen. Aus den Werten lässt sich etwa berechnen, welche Mengen des Klimagases Kohlen­dioxid die Wälder langfristig in ihrem Holz speichern und so den Klimawandel bremsen. In dieser Hinsicht sind die Karpaten wichtig, dort sind zehn Millionen Hektar von Wald bedeckt, eine Fläche von der Größe Islands. Sie ist Heimat für die größte Population von Bären, Wölfen und Luchsen in Europa. Der Gebirgswald ist in der Ukraine recht gut geschützt. „Dort waren zumindest bislang Einschläge in den langsam wachsenden Wäldern in Lagen über 1000 Metern verboten“, sagt Brombacher.

Ohnehin hat der Naturschutz einen relativ hohen Stellenwert in dem Land. Kaum ein Präsident hat es bisher versäumt, in der Ukraine einen weiteren Nationalpark einzurichten. Der bisher letzte dieser Parks wurde im Januar 2022 in der Polesie gegründet. Diese Vorhaben wurden von der deutschen Bundesregierung unterstützt, in der Ukraine setzte die ZGF die Vorhaben gemeinsam mit einheimischen Partnern um. In den Karpaten wurden Ranger ausgebildet, es wurden Fahrzeuge mit geringem Spritverbrauch für Patrouillen angeschafft und Kamerafallen aufgebaut, die etwa den Bestand der in der Polesie lebenden Luchse ermitteln sollten.

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Die Kameras funktionieren wohl noch – nur können die Daten auch nach dem Abzug der russischen Panzer aus dem Gebiet um Tschernobyl nicht abgeholt werden. „Möglicherweise sind die Gebiete vermint“, sagt Brombacher. Und weil die Minenräumer erst die Städte und Dörfer durchforsten, kann es noch dauern, bis die Kamerafallen ausgewertet werden können. Bis dahin können zumindest die Schäden aufgenommen werden, die russische Truppen angerichtet haben. „Die Verwaltungsgebäude sind geplündert, die Fenster zersprungen, das Mobiliar ist zerstört, und die Computer sind mitsamt der Forschungsausrüstung weg“, sagt Brombacher. Auch der Naturschutz dürfte nach dem Krieg viel Geld für den Wiederaufbau benötigen.

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In Belarus erschwert die Politik den Artenschutz

Kaum besser sieht die Situation ein paar Kilometer von Tschernobyl entfernt auf der anderen Seite der Grenze in Belarus aus. Dort war bereits in den Neunziger­jahren der Natur- und Vogelschutzverband APB entstanden, der überaus erfolgreich und in enger Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden des Landes arbeitete. Der deutsche Ornithologe Norbert Schäffer forschte 1995 zum ersten Mal in Belarus. Er hat den Verband mitbegründet und die Mitgliedsnummer 2 – die 1 ist dem ersten APB-Vorsitzenden vorbehalten.

Im Polesie-Tiefland: Dort sind seltene Arten wie die Kampfläufer zu finden.
Im Polesie-Tiefland: Dort sind seltene Arten wie die Kampfläufer zu finden. Bild: Frankfurt Zoological Society

Schäffer war von 1996 bis 2014 beim größten europäischen Verband zum Schutz von Wildvögeln, der britischen Royal Society for the Protection of Birds (RSPB), unter anderem für den internationalen Artenschutz zuständig. Seit Oktober 2014 ist er erster Vorsitzender des Landesbundes für Vogelschutz in Bayern (LBV) und arbeitet seit mehr als einem Vierteljahrhundert aus guten Gründen eng mit dem APB zusammen. „In den riesigen Feuchtgebieten von Belarus leben neben Kampfläufern, Seggenrohrsängern oder Austernfischern noch viel mehr Arten, die aus Mitteleuropa längst verschwunden oder sehr selten geworden sind“, sagt Schäffer. Als hierzulande viele Sümpfe und Moore trockengelegt und in Ackerflächen oder Weiden umgewandelt wurden, verloren diese Arten ihre Heimat. In Belarus erreichte der APB, von Schäffer und zunächst von der RSPB, später dann vom LBV unterstützt, nicht nur den Schutz der noch vorhandenen Feuchtgebiete. Er konnte auch riesige Flächen einst trockengelegter Sümpfe wieder vernässen und so die Heimat der seltenen Arten vergrößern.

Besonders stark hat sich dabei die Umweltstiftung Michael Otto in Hamburg engagiert. So wurde die Naturschutzarbeit des APB zum Erfolgsmodell im gesamten Osten Europas. „Dieses Modell stellte der APB auch auf großen internationalen Konferenzen in Afrika, Australien und Südamerika vor“, sagt Schäffer. Bis dann im Februar 2022 in einer Gerichtsverhandlung der APB wegen „Durchführung extremistischer Tätigkeiten“ verboten wurde und rund 30 hauptamtliche Mitarbeiter auf der Straße saßen. „Dabei war der APB immer ein Naturschutzverein und hielt sich als Verband aus der Politik heraus“, sagt Schäffer. In Belarus und der Ukraine bleibt die Zukunft des Naturschutzes daher ungewiss. Schäffer und Brombacher sind aber überzeugt, dass die Bevölkerung sich weiter für den Naturschutz begeistern wird – und die aus Mitteleuropa verschwundenen Arten dort eine Zukunft haben.

Quelle: F.A.Z.
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