Interview mit Tierschützerin

„Das ist eine massive Einschränkung und Belastung für Katzen“

Von David Lindenfeld
20.05.2022
, 12:21
Werden in Walldorf künftig drinnen bleiben müssen: Hauskatzen
Damit Vögel besser geschützt werden, dürfen in Walldorf Katzen im Sommer nicht mehr außer Haus. Lässt sich das mit dem Tierschutz vereinbaren? Die Tierschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg im Interview.
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Frau Stubenbord, in Walldorf im Rhein-Neckar-Kreis dürfen sich Katzen bis Ende August im südlichen Teil der Stadt nicht mehr frei in der Natur bewegen. Warum?

Dort gibt es Haubenlerchen, eine Vogelart, die vom Aussterben bedroht ist. Aufgefallen ist das offenbar erst, nachdem das Gebiet dort bebaut worden ist. Eine Allgemeinverfügung des Landratsamts schreibt nun vor, dass die Katzen von April bis Ende August keinen Freilauf mehr haben dürfen in der Gegend, in der die Haubenlerchen brüten. Da es sich bei ihnen um Bodenbrüter handelt, sieht die Naturschutzbehörde eine besondere Gefährdung durch die Katzen. Die Sorge ist, dass der Bestand der Haubenlerchen weiter dezimiert wird, während sie ihre Jungen aufziehen.

Haben Sie Verständnis für die Vorgehensweise des Landratsamts, das die vom Aussterben bedrohte Vogelart schützen will?

Die Allgemeinverfügung wiegt in gewisser Form pflichtgemäß zwischen Naturschutzrecht und Tierschutzrecht ab. Das muss sein, weil beides gleichberechtigte Rechtsgebiete sind. Aber ich halte diese Maßnahme schon für sehr belastend für die Katzen. Wenn sie täglichen Freigang gewohnt sind, ist das eine massive Einschränkung. Man kann diesen Freilauf nicht vom einen auf den anderen Tag total einschränken. Vor allem nicht für diese lange Zeit. Ich denke, wenn man die Interessen von Lerchen und Katzen, beziehungsweise vom Naturschutz gegen den Tierschutz, gegeneinander abwägt, wäre ein kürzerer Zeitraum vertretbar – drei oder vier Wochen zum Beispiel, während die Jungtiere von ihren Eltern aufgezogen werden und besonders verletzlich sind. Solange könnte man die Katzen auch mal drinnen lassen. Aber vier Monate eingesperrt: Darunter leiden die Tiere massiv.

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Es gibt Vorschläge, wie dem Leiden entgegengewirkt werden könnte…

Die Alternativen für Katzenbesitzer, die da vorgeschlagen werden, sind einfach nicht praktikabel. Eine Katzenpension für vier Monate zu bezahlen ist teuer. Um Katzen daran zu gewöhnen, an der Leine ausgeführt zu werden, brauchen sie ein Training. Das geht nicht von heute auf morgen. Und außerdem ersetzt das natürlich nicht den Freigang einer Katze: Viele gehen nur draußen auf das Katzenklo. Sie verweilen, spielen und beschäftigen sich draußen – und jagen natürlich auch draußen. Einige kommen nur zum Fressen und Schlafen ins Haus. Das kann man nicht ersetzen, indem man mit einer Katze an einer Leine an der Straße oder im Garten herumläuft.

Das Landratsamt sagt, es komme auf „das Überleben jedes einzelnen Jungvogels an“. Ist die Entscheidung dann nicht alternativlos?

Es gibt immer eine hohe Verlustrate bei Jungvögeln. Durch das Wetter oder Prädatoren zum Beispiel. Letztlich ist das aber nicht die Schuld der Katzen, sondern des Menschen. Die Bebauung und die Agrarpolitik mit ihren Monokulturen und Pestiziden sind der Grund, warum viele Tierarten ausgestorben oder vom Aussterben bedroht sind. Es liegt nicht immer am Fuchs, an der Krähe oder der Katze. Das sind vielleicht die, die den letzten Vogel fangen. Schuld ist der Mensch, der die Landschaft zubaut. Das sieht man auch in diesem Fall: Ein Gebiet, das vorher noch für Vögel und andere Tiere ein Zuhause war, wurde bebaut. Jetzt sind dort Häuser und eine Straße.

Die Landestierschutzbeauftragte Baden-Württembergs: Julia Stubenbord
Die Landestierschutzbeauftragte Baden-Württembergs: Julia Stubenbord Bild: Privat

Immer wieder wird darüber gestritten, wie groß der Einfluss von Katzen auf die Vogelbestände ist. Auch der Naturschutzbund sagt, dass die Haubenlerche bei uns großflächig ausgestorben sei, liege nicht an der Hauskatze – sie sei aber ein zusätzlicher negativer Faktor.

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Es ist immer einfach zu sagen, dass die Katzen daran schuld sind. Was man aber auch nicht vergessen darf: Katzen sind Spezialisten. Manche fangen nie einen Vogel, manche fangen Vögel, manche nur Mäuse, manche Eidechsen. Es ist nicht so, dass Katzen per se immer Vögel fangen.

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In den Gärten von Siedlungsbereichen gibt es oft auch eine hohe Singvogeldichte. Grobe Schätzungen gehen von 200 Millionen getöteten Vögeln pro Jahr aus, schreibt der Naturschutzbund auf seiner Website. Haben Vögel in Deutschland nicht einfach eine zu kleine Lobby?

Nein, das finde ich nicht. Das sieht man auch an den Vogelzählungen des Naturschutzbundes, die sehr beliebt sind. Viele füttern die Vögel inzwischen auch ganzjährig. Ich stelle inzwischen immer wieder fest, dass es jetzt auch in der Stadt Arten gibt, die ich früher nie gesehen habe: Den Distelfink zum Beispiel. In den Städten haben wir inzwischen eine hohe Dichte an Singvögeln. Die Artenvielfalt in der Stadt hat zugenommen.

Dennoch sind viele getötete Vögel ein Problem. Wie löst man es?

Natürlich fangen Katzen Vögel. Da brauchen wir uns gar nichts vorzumachen. Das führt aber nicht zu einer Bestandsreduzierung oder einem Verlust der Artenvielfalt. Ihr Rückgang in der Masse liegt an der Flurbereinigung, dem Einsatz von Pestiziden und der Bebauung.

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Wie soll in Walldorf kontrolliert werden, ob die Katzen wirklich drinnen bleiben?

Sofern eine Katze aufgegriffen wird, muss diese auch erstmal registriert sein, um sie zuordnen zu können. Wir haben keine Kennzeichnungs- oder Registrierungspflicht für Haustiere in Deutschland. Walldorf hat zudem keine Katzenschutzverordnung. Das wäre für jede Gemeinde empfehlenswert, damit alle Katzen, die rausdürfen, kastriert, registriert und gekennzeichnet sind, Auch die Streunerkatzen würden dann gechippt und kastriert. Letztlich können sich ja auch die Streuner vermehren und Tiere gefährden.

Also halten sie die Umsetzung für schwierig?

Ja, die halte ich für total schwierig. Wer eine Freigänger-Katze hat, die regelmäßig raus geht, der weiß: Wenn die raus will, macht die einen Mega-Terror und findet alle Wege, um rauszukommen. Es ist wirklich schwierig, Katzen im Haus zu halten, wenn sie raus wollen. Die mauzen, rennen einem hinterher, fangen an, Möbel zu zerkratzen und können unsauber werden, weil sie gestresst sind. Dann macht irgendwann mal einer die Tür auf: Und schwuppdiwupp ist die Katze raus.

Haben Sie selbst Katzen?

Ich habe eine Katze aus dem Tierschutz aus den USA, wo ich gearbeitet habe, mitgebracht. Sie hat keine Krallen und kann deshalb nicht raus. Eine verhaltensgerechte Unterbringung von Katzen sollte in den meisten Fällen mit Freilauf einhergehen. Wenn man eine Katze in der Wohnung hält, braucht sie ein richtiges Beschäftigungsprogramm. Sie benötigt verschiedene Ebenen in der Wohnung. Sie muss bespielt werden und muss jagen können. Die Beschäftigung mit der Katze sollte nicht nur zehn Minuten dauern, sondern ein bis zwei Stunden pro Tag.

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Es kann in Walldorf eine Ausnahmegenehmigung beantragt werden. Katzen sollen dann einen GPS-Sender tragen können, um nachzuweisen, dass sie sich nicht im betroffenen Gebiet aufhalten. Ist das realistisch?

Es ist immerhin eine Möglichkeit. Nicht alle Katzen haben ein so großes Revier. Das hängt auch vom Geschlecht und vom Alter ab. Das kann man sich schon zunutze machen. Es ist auch interessant und kann überraschend sein, zu sehen, wie weit eine Katze läuft. Generell sollte man aber einfach nochmal über den Zeitraum nachdenken.

Sie hatten eingangs gesagt, drei bis vier Wochen hielten Sie für vertretbar…

Man müsste sich die Biologie der Haubenlerche nochmal genauer anschauen: Wie lange die Jungen so verletzlich sind, dass sie noch nicht fliegen können und gar keine Chance haben, sich zu retten. Und wann die Eltern auf dem Boden brüten. Dann müsste man sich nochmal Gedanken machen, wie man das einschränken könnte. Da sollte ein Kompromiss gefunden werden.

Der Tierschutzverein Wiesloch/Walldorf will sich gegebenenfalls juristisch gegen das Verbot wehren. Sehen Sie Chancen auf einen Erfolg?

Ich kann mir das schon vorstellen, wobei man sagen muss, dass die Allgemeinverfügung viele Aspekte beinhaltet, die wichtig sind. Sie wägt auch zwischen Naturschutzrecht und Tierschutzrecht ab. Das müsste man nochmal juristisch prüfen. Meiner Meinung nach müsste man den Schaden der Katzen und den Nutzen der Vögel nochmal neu gewichten. Eine geringere zeitliche Begrenzung wäre ein guter Kompromiss.

Was raten Sie Katzenbesitzern, wenn das Verbot Bestand haben sollte?

Man muss die Tiere zu Hause dann wirklich gut beschäftigen. Wobei ich mir auch vorstellen kann, dass selbst das nicht ausreicht, wenn die Katzen es gewöhnt sind, rauszugehen. Dann wird es schon schwierig. Man muss sich überlegen, ob man die Wohnung umgestaltet und mehrere Ebenen schafft, zum Beispiel mit Brettern an der Wand. Man könnte den Balkon sicher einzäunen. Auch wichtig ist, dass man die Fenster katzensicher macht. Auf keinen Fall sollte man sie kippen. Wenn Katzen unbedingt raus wollen, springen sie auch aus hohen Fenstern.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Lindenfeld, David
David Lindenfeld
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