Verschollene Arten

Eintagsfliege der Wirbeltiere

Von Peter-Philipp Schmitt
03.11.2020
, 14:37
Naturschützer vermissen bis zu 1200 Tier- und Pflanzenarten, die Forscher teilweise seit Jahren nicht mehr gesichtet haben. Das Voeltzkow-Chamäleon wurde nun wieder entdeckt, obwohl die Voraussetzungen dafür schwierig waren.

Ein Salamander in Guatemala (Bolitoglossa jacksoni), ein vietnamesisches Hirschferkel, auch Kantschil genannt (Tragulus versicolor), eine Riesenbiene auf der indonesischen Insel Bacan (Megachile pluto), eine Kannenpflanze auf Borneo (Nepenthes mollis) und die Somali-Elefantenspitzmaus in Somalia (Elephantulus revoilii): In nur drei Jahren haben Wissenschaftler auf der ganzen Welt fünf verschollen geglaubte Arten wiederentdeckt, die auf einer Liste der „25 meistgesuchten Tiere und Pflanzen“ stehen. Aufgestellt wurde sie von der Naturschutzorganisation Global Wildlife Conservation, die allerdings von mindestens 1200 verschollenen Tier- und Pflanzenarten ausgeht, die noch auf dem Planeten vorkommen könnten, aber zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen wurden.

Zu den „Most Wanted“ zählte bis vor kurzem auch das Voeltzkow-Chamäleon auf Madagaskar, das vor gut 100 Jahren erstmals beschrieben wurde und nach dem deutschen Zoologen, Botaniker und Forschungsreisenden Alfred Voeltzkow (1860 bis 1947) benannt ist. Eine Expedition der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM) führte nun zur Wiederentdeckung des farbenprächtigen Tiers, das wahrscheinlich nur wenige Monate lang während der Regenzeit lebt.

„Diese Tiere sind quasi die Eintagsfliegen unter den Wirbeltieren“, sagt einer seiner Entdecker, der Kurator für Reptilien und Amphibien an der ZSM, Frank Glaw. Daher müsse man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um diese Chamäleons nachweisen zu können. „Und das ist während der Regenzeit gar nicht so einfach, da viele Straßen dann nicht befahrbar sind. Dies ist vermutlich auch ein Grund dafür, warum das farbenfrohe Reptil so lange übersehen wurde.“

Unbekannte Weibchen entdeckt

Genetische Untersuchungen ergaben, dass die Art am nächsten mit Labord’s Chamäleon (Furcifer labordi) verwandt ist, das als eines der Wirbeltiere mit der kürzesten individuellen Lebensdauer gilt und nur wenige Monate während der Regenzeit lebt. Nach dem Schlupf aus dem Ei wachsen die Tiere im Rekordtempo heran, paaren sich, kämpfen mit Artgenossen und legen ihre Eier ab, bevor sie erschöpft am Ende der Regenzeit verenden. Die Forscher vermuten, dass der Lebenszyklus beim Voeltzkow-Chamäleon ähnlich abläuft.

Auf ihrer Expedition, über die sie aktuell in der Fachzeitschrift „Salamandra“ berichten, entdeckten die internationalen Wissenschaftler unter der Leitung der ZSM auch die bisher noch unbekannten Chamäleon-Weibchen. Diese legen besonders bei Trächtigkeit, Begegnungen mit Männchen und anderem „Stress“ eine äußerst prächtige Färbung an den Tag, wie Glaw und seine Kollegen schreiben. Die Zoologische Staatssammlung München ist mit fast 22 Millionen zoologischen Objekten eine der größten naturkundlichen Forschungssammlungen der Welt und gehört zu den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns.

„Nach allem, was wir wissen, ist das Voeltzkow-Chamäleon zum Glück nicht akut vom Aussterben bedroht, da sein Verbreitungsgebiet vermutlich noch relativ groß ist“, sagt David Prötzel, Mitglied im Expeditionsteam. Doch seien viele Trockenwälder schon abgeholzt, und der natürliche Lebensraum der Art werde immer kleiner.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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