Wilde Asiatische Elefanten

Eine Art in großer Gefahr

Von Carl-Albrecht von Treuenfels
27.10.2020
, 10:04
Die wilden Asiatische Elefanten sind vom Aussterben bedroht. In Südostasien fallen sie Konflikten mit und zwischen den ansässigen Menschen zum Opfer.

Das lässt sich die erfahrene Leitkuh nicht bieten. Wo das etwa zwanzigjährige Asiatische Elefantenweibchen seine zwölfköpfige Herde schon mehrmals auf einer Waldlichtung ans flache Flussufer geführt hat, um mit der Gruppe zu trinken, zu baden und im bis vor kurzem mit Gras und Büschen bewachsenen Uferbereich zu weiden, versperren ihr unerwartet Holzhütten mit Dächern aus Palmwedeln den Weg. Mitten in der verbliebenen Wildnis der indonesischen Insel Sumatra haben sich am Rand des 1450 Quadratkilometer großen Bukit-Tigapuluh-Nationalparks, in einer der letzten unzerschnittenen Tieflandregenwaldflächen von 2500 Quadratkilometern in der südostasiatischen Inselwelt, drei einheimische Familien mit mehr als 20 Personen quasi über Nacht angesiedelt, Uferflächen gerodet und erstes Gemüse gepflanzt. In weiser Voraussicht, dass es Ärger mit wilden Tieren geben kann, haben die Siedler einige wackelige Zäune aus Holzbalken errichtet.

Mit denen macht die Elefantenkuh jetzt kurzen Prozess. Unterstützt von zwei weiteren Kühen und den Jungtieren drückt sie Gestelle und Wände mit Rüssel, Vorderbeinen und Hinterteil ein. Die Bewohner schlagen Töpfe zusammen, rufen und leuchten mit Taschenlampen, aber die Elefanten ziehen sich erst nach einer halben Ewigkeit schnaubend und trompetend zurück. Hätten die Siedler ein Gewehr gehabt, hätte es sein können, dass eines der Tiere sein Leben verloren hätte, obwohl sie auch in Indonesien unter strengem Schutz stehen. Und die überlebenden Elefanten hätten als Reaktion zu todbringenden Angreifern werden können.

40.000 Tiere in der Wildbahn und 14.500 in Gefangenschaft

Von solchen Begegnungen kann der Biologe Alexander Moßbrucker berichten, der mit seinen Elefantenforschungen promoviert wurde. Bis zum Sommer hat der Achtunddreißigjährige zehn Jahre lang für die Frankfurter Zoologische Gesellschaft ein Schutzprogramm für Sumatra-Elefanten aufgebaut und geleitet – sie sind neben dem Indischen Elefanten, dem Ceylon-Elefanten auf Sri Lanka und dem Borneo-Zwergelefanten eine der vier Unterarten von Elephas maximus. Dabei arbeiteten der World Wide Fund For Nature (WWF) Indonesien, weitere Organisationen wie die von Moßbrucker gegründete Sumatran Elephant Conservation Initiative (SECI) und Einrichtungen wie das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin zusammen.

Etwa 80 Prozent der vermutlich um die 1000 freilebenden Sumatra-Elefanten leben außerhalb von Schutzgebieten und ziehen sich zwangsläufig in immer schwerer zugängliche Gegenden zurück. 2007 war der Bestand in Sumatra mit 2400 bis 2800 Tieren angegeben worden. Allein in Indonesien wurden aber zwischen 2001 und 2018 laut Global Forest Watch 25,6 Millionen Hektar Wald abgeholzt.

Der Gesamtbestand der freilebenden Asiatischen Elefanten ist schwer zu erfassen, da sie trotz ihrer Größe ein zurückgezogenes Leben in oft unzugänglichem Gelände führen und sich über 13 Staaten verteilen: In Bangladesch, Bhutan, China, Indien, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Nepal, Sri Lanka, Thailand und Vietnam gibt es Populationen von unter 100 (Nepal) bis zu mehr als 25.000 Tieren (Indien). Die bisher letzte Schätzung bezifferte ihre Zahl im April 2017 auf dem Asian Elephant Range States Meeting in Jakarta auf 40.000 Tiere in der Wildbahn und 14.500 in Gefangenschaft. Unter Fachleuten ist unbestritten, dass die Zahl auf höchstens 30.000 bis 35.000 gesunken ist. Manche Schätzungen gehen von nur noch 25.000 aus. Das sind nicht einmal zehn Prozent des ebenfalls stark geschrumpften Gesamtbestands des größeren Afrikanischen Elefanten (Loxodonta africana), der mit seinen zwei Unterarten auf 350.000 Tiere kommt.

In der Erklärung von Jakarta zum Schutz des Asiatischen Elefanten forderten die 13 beteiligten Staaten den Erhalt der natürlichen Lebensräume, verstärkte Maßnahmen gegen Wilderei, illegalen Handel und Konflikte mit Menschen, intensivere Forschung, nationale Aktionspläne und einen Asian Elephant Conservation Plan. Auch das von der Europäischen Union geförderte Programm Mike (Monitoring the Illegal Killing of Elephants) formulierte im Oktober 2019 auf seinem Treffen in Bangkok solche Ziele.

Rohingya-Flüchtlingscamp auf Elefantenstraße

Im Geflecht der vielen Naturschutzorganisationen spielt für den Asiatischen Elefanten auch die 1983 ins Leben gerufene UN-Vereinbarung CMS (Convention on Migratory Species), das Bonner Übereinkommen zur Erhaltung der wandernden Tierarten, eine Rolle. Auf ihrer Konferenz im Februar beschlossen Vertreter der mehr als 130 CMS-Mitgliedstaaten in der indischen Stadt Gandhinagar, den Asiatischen Elefanten auf Anhang I der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten zu setzen. Damit verpflichten sich die betreffenden Staaten unter anderem zur Beseitigung von Wanderungshindernissen. Wie schnell eine solche Verpflichtung zum Politikum werden kann, zeigt sich in Bangladesch, wo zwischen 250 und 300 Wildelefanten vermutet werden. Sie ziehen im Rhythmus ihrer Jahreswanderungen regelmäßig über die Grenze nach Myanmar, wo es 2000 freilebende Elefanten geben soll, neben 5000 in Gefangenschaft.

Auch von Myanmar ziehen Elefanten nach Bangladesch. Im vergangenen Jahr hat das UN-Flüchtlingswerk begonnen, ein Camp für bis zu eine Million Rohingya-Flüchtlinge aus Myanmar in Bangladesch nahe der Grenze zu errichten – ausgerechnet auf einer Elefantenstraße. Daraus ist ein Konflikt entstanden, der schon mehrere Dutzend Todesopfer unter den Flüchtlingen gefordert hat. Trotz Elephant Response Teams, hoher Wachtürme aus Bambus und der Unterrichtung durch eine Kampagne in Schulen und Öffentlichkeit kommt es immer wieder zu gefährlichen Auseinandersetzungen – auch weil die Flüchtlinge Wälder roden und landwirtschaftlich nutzbare Flächen anlegen, die von Elefanten nachts heimgesucht werden.

In allen 13 Elefantenstaaten kommt es zu Konflikten zwischen den Tieren und der ländlichen Bevölkerung. Der „Human-Elephant Conflict“ ist als HEC in Süd- und Südostasien zu einem feststehenden Begriff geworden. Nicht selten enden sie mit dem Tod beider ungleicher Kämpfer. Allein in Indien, wo heute etwa 60 Prozent der Wildelefanten Asiens leben, starben zwischen 2015 und 2019 mit 1713 Toten fast fünfmal so viele Menschen, wie bei Auseinandersetzungen durch Waffen getötete Elefanten verzeichnet wurden (373). Dabei ist das zweitgrößte Landsäugetier (nach dem Afrikanischen Elefanten) von Natur aus dem Menschen gegenüber nicht feindlich gesinnt. Doch wenn die Pflanzenfresser sich bedroht fühlen, können besonders ältere Bullen sehr aggressiv werden.

Das geschieht immer wieder dort, wo die sich stark vermehrenden Menschen die von Elefanten und anderen Wildtieren genutzten Lebensräume in Beschlag nehmen, Grasland in Reisfelder und Regenwald in Palmöl- oder Kautschukplantagen umwandeln. Die meisten Elefanten ziehen von Natur aus im Jahresverlauf großräumig auf der Suche nach Nahrung über Hunderte von Kilometern auf ihren Elefantenstraßen. Von diesen zum Teil über viele Generationen vererbten Zugwegen, die sich alle zwei bis drei Kilometer zu von den Elefanten geschaffenen Lichtungen zum Ruhen öffnen, biegen sie in Wälder und Flussauen ab, um dort Gras und Blätter mit dem Rüssel zu rupfen und mit dem Greiffinger an der Rüsselspitze Früchte zu pflücken. Da ein ausgewachsenes Tier bis zu 150 Kilogramm Grünfutter in 24 Stunden vertilgt, verbringt es drei Viertel seiner Zeit mit der Nahrungssuche und dem Verzehr, meistens in der Dämmerung und in der Nacht. Wo das Gras schon kurzgefressen ist, müssen sie es mit den vier Zehennägeln ihrer Vorderfüße im Wurzelbereich lostreten und von Erde befreien.

Arbeitstiere und Statussymbole für Königshäuser

Viele Elefanten kommen durch Plantagenbesitzer und Bauern zu Tode, die ihr oft illegal bestelltes Land mit Giftködern, Gewehren und Sprengfallen verteidigen. Doch die Zahl der von Wilderern getöteten Elefanten ist noch weitaus größer. Früher hatten es die Jäger besonders auf große Bullen abgesehen, nur sie tragen das begehrte Elfenbein in Form von großen Stoßzähnen. Im Gegensatz zum Afrikanischen Elefanten haben bei den Asiatischen Elefanten, wenn auch nicht immer, nur die männlichen Tiere Stoßzähne. Zwar ist der Handel mit Elfenbein in vielen asiatischen Staaten mittlerweile verboten, doch der Schwarzhandel blüht. Die Haut der Elefanten ist zum begehrten Produkt geworden. Zu Creme, Puder und Rohmaterial für „Medikamente“ und Kosmetikartikel verarbeitet, bringt Elefantenhaut viel Geld. Und die Haut liefern auch weibliche und junge Tiere, die vermehrt auf der Liste der Wilderer stehen.

Deshalb haben die asiatischen Traffic-Büros des Cites-Programms (Convention on International Trade in Endangered Species of Wild Fauna and Flora/Washingtoner Artenschutzübereinkommen) viel zu tun. Neben der Wilderei ist für sie der Handel von lebenden Elefanten zwischen einigen Staaten, besonders zwischen Myanmar und Thailand, ein Problem. Traffic steht für Trade Records Analysis of Flora and Fauna in Commerce, wurde vom WWF und der Weltnaturschutzunion (IUCN) gegründet und hat auch ein Büro in Frankfurt. Es wacht über die Einhaltung des Washingtoner Artenschutzübereinkommens in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz und dem Zoll.

Seit Tausenden von Jahren werden Elefanten als Arbeitstiere, Reittiere für Jagd und Kriegseinsätze, Statussymbole für Königshäuser, Maharadschas, Sultane und Klöster und bis heute für manche Staatsregierungen verwendet. Früher hielten einige Höfe mehr als 10.000 von ihnen. An religiösen Festtagen ziehen in Prozessionen bemalte und geschmückte Elefanten die Blicke auf sich. Für den Tourismus sind sie in vielen Ländern wichtig. Besonders in Thailand gibt es viele Elefantencamps, die Reitausflüge und Shows anbieten. Nicht ganz so umstritten ist der Einsatz von Elefanten zur Aufsicht und Bekämpfung von Wilderern in Schutzgebieten. Wiederholt hat der WWF in einzelnen Ländern, jüngst in Myanmar und auf Borneo für die dortigen Zwergelefanten, beim Aufbau von Ranger-Programmen mit Elefanten-Patrouillen geholfen. Schon früh waren zahme Elefanten auch ein Exportartikel in westliche Länder.

Begriff „Dickhäuter“ nicht zutreffend

Die Zähmung der für ihre Intelligenz gerühmten Elefanten vom Wildtier zum Haustier hat indes Schattenseiten. Früher, als es viele freilebende Elefanten gab, wurde der Nachschub für Elefanten in Gefangenschaft der Natur entnommen. Dabei wurden vor allem weibliche Tiere und Kälber mit Erdfallen und Schlingen gefangen und in Stockaden – Fanganlagen aus Teak- und Bambusholz – getrieben. Dabei kamen 25 Prozent der gefangenen Tiere sofort um. Weitere verendeten, wenn die Menschen sie sich gefügig machten, indem sie die Tiere mit Ketten, Stricken, Haken und Speeren quälten – denn ihre Haut ist dünn und empfindlich, der Begriff „Dickhäuter“ ist verfehlt.

Gute Elefantenführer steuern das Tier, hinter dessen Kopf sie sitzen, nur mit den nackten Füßen. Es kommt zu lebenslangen Partnerschaften, die Mahuts pflegen ihren Elefanten, lassen ihn baden, schrubben die Haut und verschaffen ihm nächtliche Freigänge an lockeren Ketten in die nahen Wälder. Aber es gibt auch die andere Seite: Tierschutzorganisationen protestieren gegen Quälereien, die Haltung in Gefangenschaft und schwere Arbeitseinsätze. Das gilt auch für die wenigen Zoos, die Elefanten in Freianlagen halten. In einem Artenprogramm werden Kühe und Bullen, zum Teil nur für die Paarung, ausgetauscht, um Inzucht zu verhindern. Zur Inzucht und damit zur Degeneration kann es auch in freier Wildbahn kommen, wenn Populationen zu klein werden und kein Genaustausch mehr zwischen den weit auseinander lebenden und durch Waldvernichtung und Wanderbarrieren behinderten Tieren stattfindet. Dass die Haut älterer Asiatischer Elefanten mit zunehmendem Alter rosafarbene und helle Flecken aufweist, hat nichts mit Degeneration zu tun, sondern ist Folge einer Depigmentierung. Bei Afrikanischen Elefanten tritt diese Veränderung nicht auf.

Auch in Zirkussen galten Elefanten mit Dressurvorführungen früher als Programmhöhepunkt. Manche Zirkusse hielten mehr als 20 Elefanten. Da es sich um Asiatische Elefanten handelte – Afrikanische Elefanten kamen wegen ihres unbezähmbaren Wesens nicht in Frage–, kannte man lange in Europa und Amerika nur diese Art. Außerhalb des Zirkuszelts und beim Transport mussten die Tiere oft in engen Verschlägen dahinvegetieren. Inzwischen haben fast alle Zirkusse ihre Elefanten abgeschafft. Roncalli führt sie in seiner Lasershow als Hologramme fast lebensecht vor.

Auch sie stammen aus Afrika

Die afrikanischen Verwandten der Asiatischen Elefanten sind mit einer Schulterhöhe von bis zu vier Metern und einem Gewicht von bis zu siebeneinhalb Tonnen um knapp ein Drittel größer. Sie haben größere Ohren, einen zweiten Greiffinger an der Rüsselspitze und mächtigere Stoßzähne, die auch den Weibchen wachsen. Dank Fernsehen und Safaritourismus beherrschen sie heute unser Bild von Elefanten. Über das Schicksal der Asiatischen Elefanten weiß die Welt immer weniger. Auch ihre Vorfahren stammen aus Afrika, wanderten auf der Suche nach neuen Lebensräumen vor Millionen Jahren gen Asien und besiedelten weite Landstriche vom heutigen Irak bis nach China.

Elefantenkälber, die von ihren Müttern nach einer Tragzeit von 22 Monaten geboren werden, leben in den ersten Wochen von der nahrhaften Milch aus dem Euter hinter den Vorderbeinen der Mutterkuh. Nach wenigen Monaten beginnen sie, zarte Pflanzenteile zu äsen, doch kann es bis zu zwei Jahre dauern, bevor sie ganz entwöhnt sind. Daher gebären weibliche Elefanten höchstens alle vier Jahre ein Junges, ganz selten zwei. Auch nach der Entwöhnung bleiben die Jungen noch jahrelang bei den Müttern. Wenn diese weitere Kälber gebären, sind die älteren weiblichen Nachkommen weiter Mitglieder des Familienverbands in Juvenil-Gruppen. Junge Bullen verlassen den Familienverband, bevor sie geschlechtsreif werden, und tun sich zu Junggesellengruppen zusammen. Die Bullen unterliegen von einem Alter von 15 bis 20 Jahren an der Musth, einem bis zu mehrere Wochen anhaltenden Hormonschub. Zu erkennen ist er an einem Drüsensekret, das als feuchtes Rinnsal von den Schläfen gut sichtbar herabfließt. Für alle Elefantenkenner ist das ein Zeichen für höchste Achtsamkeit: In dieser Zeit sind die Bullen unruhiger, aggressiver und wanderfreudiger als sonst.

Früher dachte man, dass die Musth mit der Paarungsbereitschaft eng zusammenhängt. Das ist aber nicht so, wenngleich die Bullen während der Musth häufiger die Nähe der Kühe suchen und es dabei zu Paarungen kommt. Mahuts, die Führer von meist weiblichen gezähmten Elefanten, haben eine höllische Angst vor einem wilden Bullen in Musth und suchen mit ihrem Tier sofort das Weite.

(Von Carl-Albrecht von Treuenfels)

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot