Tierliebhaber Wolfgang Herkt

Alle Vögel sind noch da

Von Leonie Feuerbach
21.08.2014
, 20:57
„Den Begriff Tierschützer liebe ich überhaupt nicht“: Wolfgang Herkt mit einem Uhu
Verletzte Wildvögel füttert er mit toten Küken. Nur so kann Wolfgang Herkt seine Tierstation in Osnabrück überhaupt unterhalten. Zu seinen Patienten gehören teils streng geschützte oder bedrohte Arten.

Es piept im Auto des Vogelschützers. Doch von der Gurtpflicht lässt sich einer wie Wolfgang Herkt nicht einmal dann beeindrucken, wenn sie so störend daherkommt wie das Anschnall-Warnsignal. „Man nennt mich Tierschützer, darauf lege ich jedoch keinen Wert“, erzählt er über den Warnton hinweg, während er die Straßen von Osnabrück entlangrast. Denn er macht nicht viele Worte, sondern rettet Tiere in der Praxis, egal wie es um ihn herum piept.

Diese Praxis ist seit einem halben Jahrhundert sein Alltag. Mit seiner Frau Heidi und der Tochter Birge ist er rund um die Uhr in Alarmbereitschaft. Wolfgang Herkt liebt Tiere, er füttert, verarztet, hegt und pflegt. Und sieht seine Arbeit jetzt von anderen gefährdet, die das auch tun, allerdings nicht in der Praxis: Politikern und Tierschützern, die es ihm verbieten wollen, Küken an die Wildvögel seiner Station zu verfüttern.

Die Patientenliste ist lang

Wolfgang Herkt lenkt das Auto auf seine Betreuungsstation für Wildvögel, die krank, verletzt oder hilflos aufgefunden werden. Ein Paradies voller Wiesen, Storchennester, Teiche, Flachwasserzonen, Vogel-Volieren und wild bewachsener alter Bauerngehöfte am westlichen Stadtrand von Osnabrück. Mittendrin ein großzügiges Landhaus, davor ein kleiner Brunnen.

Er herrscht über dieses Gebiet. Gütig, wenn es um die Tiere geht oder um seine Tochter Birge, Tierärztin und offizielle Storchenbetreuerin in der Region. Streng, wenn er seine Mitarbeiterin am Telefon mit „Weiterarbeiten!“ verabschiedet. Herkt, 72 Jahre alt, springt jetzt aus dem Wagen. Seine weißen Haare wollen überallhin. Nur an den Wangen sind sie zu einem Stoppelbart gestutzt.

Katze und Hund laufen auf ihn zu und folgen ihm ins Haus. Im Eingang sitzen zwei flauschig-zerrupfte Storchenjunge in Pappkartons und plärren. „Alle Volieren und Gebäude, selbst die Garage, sind voll mit Patienten, deshalb habe ich diese beiden Jungstörche hier untergebracht“, sagt Herkt. Hund und Katze beäugen den Vogelnachwuchs, mehr nicht.

Einige bleiben Dauergäste

Die Patienten sind Steinadler, Fischadler, Baum- und Wanderfalken, Wespenbussarde, Eulenarten vom Steinkauz bis zum Uhu, Eisvögel, Weißstörche – und auch mal Hasen und Eichhörnchen. Teils streng geschützte oder bedrohte Arten. Einige nennt er Dauergäste. Sie können nicht mehr ausgewildert werden, weil sie nicht mehr fliegen oder Nahrung erbeuten können oder weil sie zu anhänglich sind – wie die Störchin „Feder“, die auf den Treppen zum Haus sitzt und sich gern in seiner Nähe aufhält, seit er dem schwer verletzten Jungtier das Leben gerettet hat.

Die zwei Jungstörche im Eingang brauchen Nahrung. Herkt trägt sie in den Halbschatten und holt einen Eimer aus dem Kühlraum, zu zwei Dritteln gelb und rosafarben gefüllt: tote Küken. Es ist der männliche Nachwuchs von Legehennen, der direkt nach dem Schlüpfen getötet wird, weil er keine Eier legen kann, aber auch nicht genug Fett ansetzt, um als Masthähnchen zu taugen. Ein Abfallprodukt einer Industrie, die durch Hochleistungszucht Mast- und Legerassen erst produziert hat und Lebewesen als Kostenfaktor betrachtet. Herkt füllt warmes Wasser in den Eimer, seine Patienten mögen ihr Fressen nicht zu kalt. Dann greift er in die Küken-Brühe und nimmt zwei Tiere in die Hand. „Die fahren piepend und flauschig in einem Behälter über ein Band, atmen Kohlendioxid, schlafen ein und sterben“, sagt er. „So einen Tod würde ich mir wünschen, wenn ich einmal unheilbar krank an Schläuchen hängen sollte.“

Er wirft die Küken zwei Störchen zu, die ihm gefolgt sind, und eilt dann zu den beiden wenige Wochen alten Störchen vorm Haus. Der eine hat eine Schnabelfehlstellung und kann nur unter großen Schwierigkeiten fressen. Herkt stülpt den Tieren in solchen Fällen Ober- und Unterteil des Schnabels eines toten Artgenossen über und reguliert die Schnabelstellung so in vier bis sechs Wochen. Das funktioniert, solange die Tier noch jung sind und der Schnabel schwärzlich gefärbt ist. Sobald er das helle Rot eines ausgewachsenen Storchs erreicht hat, ist er ausgehärtet und lässt sich nicht mehr formen.

So etwas hat Wolfgang Herkt in jahrzehntelanger Arbeit herausgefunden. Er hat es nie studiert, und es hätte ihm auch niemand beibringen können. Denn als er vor 50 Jahren neben seiner Arbeit als Textilunternehmer damit begann, Dutzende verletzte Vögel pro Jahr zu pflegen, gab es keine vergleichbaren Einrichtungen in Deutschland. Inzwischen pflegen die Herkts rund 650 wildlebende Tiere jährlich gesund und wildern sie aus. Die seit 1978 staatlich anerkannte Station wird vom niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz gefördert.

Erhebliche Mehrkosten bei Kauf von Mäusen

Herkt reißt einem Küken die Beinchen aus, Innereien quellen heraus, er wirft die Einzelteile auf den Boden: Der kleinere Storch kann sein Fressen noch nicht im Ganzen zu sich nehmen. Er müsse das aber bald lernen, sagt Herkt, denn in freier Wildbahn muss er auch ganze Maulwürfe über den Schnabel aufnehmen können. Ohne die Küken könnte Herkt die Vögel nicht retten. Er hätte um die 112.500 Euro Mehrkosten im Jahr, wenn er Mäuse kaufen müsste, und die müssten auch sterben. Mit dem Fuß schiebt er dem Storchenkind ein Kükenbein vor den Schnabel. „Es ist doch besser, die Hähnchenküken schlafen gleich nach ihrer Geburt sanft ein, als dass man sie in einer Massentierhaltung aufzieht, dann nach wenigen Wochen betäubt, an einem Bein aufhängt und ihnen die Kehle durchschneidet.“

In der Landeshauptstadt sitzt jemand, der das anders sieht. Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer von den Grünen will das Töten der Eintagsküken verbieten, in Niedersachsen und in ganz Deutschland. Einen entsprechenden Antrag hat er in der Agrarministerkonferenz eingebracht; seine Kollegen aus den anderen Bundesländern nahmen ihn einstimmig an. Der Antrag fordert den Bund dazu auf, das Töten schnellstmöglich zu beenden und Alternativen weiterzuentwickeln. „Das Töten männlicher Küken der auf Eierproduktion hochgezüchteten Legehennenlinien ist ein ethisches Problem. Tiere sind keine unnütze Wegwerfware“, meint Meyer. Und tatsächlich landen Millionen Küken auf dem Müll: Sie werden geschreddert oder in Tierkörperbeseitigungsanlagen vernichtet. Nur ein kleiner Teil wird in Zoos, Reptilienfarmen oder Stationen wie der von Wolfgang Herkt verfüttert.

Von den rund 50 Millionen Küken, die in Deutschland jährlich am Tag ihrer Geburt getötet werden, dienen vielleicht zehn bis 15 Prozent als Futter, schätzt der Verband deutscher Zoodirektoren. In Niedersachsen und auch in Nordrhein-Westfalen, wo Meyers Parteikollege Johannes Remmel Landwirtschaftsminister ist, ist das Schreddern von Küken schon verboten, nicht aber ihre Tötung als Ganzes, wenn sie dann andere Futtertiere in Zoos ersetzen. Während das in Nordrhein-Westfalen zumindest dann so bleiben soll, wenn zum Zeitpunkt der Tötung nachweislich feststeht, dass die Küken verfüttert werden, will Meyer in Niedersachsen in Zukunft auch diese Form der Tötung verbieten. Tierschutzverbände weiß er dabei auf seiner Seite.

„Ich bin wahrlich kein Lobbyist der Geflügelindustrie“, sagt Herkt. Doch er will, dass die Küken weiterhin vergast werden dürfen. Aber Florian Schöne, Agrarexperte vom Naturschutzbund (Nabu), meint: „Praktiken wie Küken zu töten, Schweinen die Ringelschwänze zu kupieren und Puten so zu mästen, dass ihnen die Beine unter dem eigenen Gewicht wegknicken: Das alles wurde jahrzehntelang nicht in Frage gestellt – heute wird es aber von den meisten Menschen abgelehnt.“ Auch der Tierschutzbund spricht sich für ein generelles Tötungsverbot aus, die Tierschutzorganisation Peta sowieso. Große Tiere in Wildvogelstationen und Zoos könne man mit ausgewachsenen Tieren statt mit Küken füttern, kleinere in Tierheimen mit veganem Hundefutter.

„Ich bin ein ehrenamtlich tätiger Profi“

Für radikale Tierschützer hat Wolfgang Herkt nicht viel übrig. Er steht zwar dem Tierschutzverein von Osnabrück vor. „Aber den Begriff Tierschützer liebe ich überhaupt nicht. Ich bin ein ehrenamtlich tätiger Profi.“ Die Autobahnpolizei ruft ihn an, wenn ein verletzter Vogel an der Autobahn liegt, oder Jogger, wenn sie verletzte Tiere finden. Herkt rückt dann zur Rettung aus. Er hat schon halb verblutete Uhus aus Stromtrassen geschnitten und mit dem Kopf zuerst nur an einem Seil gesichert in mehreren Metern Tiefe Rothalstaucher aus einem zugefrorenen See befreit. Seine Töchter versorgten die Tiere danach mit Wärmflaschen und angewärmter Sondernahrung. „Das ist natürlich ein bisschen verrückt, aber meine größte Freude.“ Wenn sich Vögel im Sommer an Stacheldraht verletzen, spült Birge Herkt die von Fliegen in die Wunden gelegten Maden aus, gibt den Tieren Elektrolyte gegen den Blutverlust und Antibiotika gegen die Bakterien. Bei Knochenbrüchen führt sie aufwendige Operationen durch. Die hohe Auswilderungsquote der Station von mehr als 80 Prozent sei vor allem ihr zu verdanken, sagt Herkt stolz, und leiste einen nachhaltigen Beitrag zur Erhaltung der biologischen Vielfalt.

Wolfgang Herkt kennt keinen Urlaub, keinen Feierabend. Sein Haus ist mit dem Betreuungsgebäude verbunden, damit er auch in ungemütlichen Nächten im Schlafanzug nach seinen Patienten sehen kann.

Aber nun scheint die Politik ihn einzuholen. Und so steht Wolfgang Herkt, der schon als Kind lieber Mauersegler aufzog, als Fußball zu spielen, vor einer unerwarteten Situation: Er sieht seine Station wegen eines möglichen Gesetzes gefährdet, an dem ein Grünen-Politiker tüftelt, der drei Jahrzehnte jünger ist als er – und der die Natur doch auch verstehen müsste.

Damit das Gesetz bald in die Tat umgesetzt werden kann, sollen jetzt Alternativen zum Sterben der Küken her. Besonders vielversprechend ist die Früherkennung des Geschlechts im Ei. Laut Projektbeschreibung der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig können die Eier mit männlichem Nachwuchs zu einem Zeitpunkt zerstört werden, zu welchem der Embryo noch keinen Schmerz empfindet. Die Eier können dann zu Tierfutter verarbeitet werden, „unter Ausschluss der ethischen und rechtlichen Problematik, die entsteht, wenn Schmerz empfindende Lebewesen dafür getötet werden“, wie es der Tierschutzbund formuliert. Noch wird an einer bezahlbaren und schnellen Lösung geforscht. Eine weitere Möglichkeit ist das Zweinutzungshuhn, dessen Brüder genug Fett ansetzen, um sie als Masthähnchen zu halten. Die Hähne dieser Sorte setzen weniger Fleisch an als ihre spezialisierten Artgenossen, die Hennen legen weniger Eier; beide benötigen mehr Fressen. Sie kosten Geflügelhalter und Verbraucher deshalb mehr, leiden aber nicht unter den Folgen der Hochleistungszucht. Das sind laut Tierschutzbund bei den Masthähnen verminderte Bewegungsfähigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, bei den Legehennen Erkrankungen der Legeorgane.

Hühner, die mehr Futter brauchen und weniger Nahrung liefern? Das könne in Zeiten hungernder Weltbevölkerung doch keine Lösung sein, sagt Wolfgang Herkt. Er legt entrüstet die Stirn in Falten. Auf der klebt eine Feder von einem Uhu, nach dem er gerade gesehen hat. „Ich wollte immer den Opfern von Zivilisationseinrichtungen helfen“, sagt Wolfgang Herkt. „95Prozent unserer Patienten verunglücken im Straßen- und Schienenverkehr, an Stacheldrähten, Hochspannungsleitungen, großen Glasfronten.“ Was die Menschen den Vögeln antun, wollte er sein ganzes Leben lang wiedergutmachen. Dass die Politik jetzt die tödlichen Folgen der Hochleistungszucht stoppen will, hält er für „nicht durchdacht“. Da teilt er die Ansicht der Geflügelindustrie, die zu dem Thema nicht Stellung beziehen will und in Nordrhein-Westfalen gegen das Tötungsverbot geklagt hat – obwohl ihr dort nur das Schreddern der Küken untersagt wurde. Die Klage hat eine aufschiebende Wirkung. Was am Ende herauskommt, wird für ganz Deutschland relevant sein. Bis dahin kann Herkt seine Patienten weiter mit Küken füttern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin in der Politik.
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