Entlaufene Kuh Yvonne ist gefasst

„Erst war es ein Stierkampf, jetzt ist sie auf einem Trip“

05.09.2011
, 13:29
Drei Monate nach ihrer Flucht ist die entlaufene Kuh Yvonne aus Oberbayern eingefangen worden. Tierarzt Henning Wiesner über Yvonnes Reise in den Tiergnadenhof.

Professor Wiesner, am Freitag ist die entlaufene Kuh Yvonne endlich eingefangen worden. Einem Bauern im oberbayerischen Eigelsberg gelang es, Yvonne auf seine Weide zu locken, in deren Nähe sie aufgetaucht war. Wieso hat Yvonne sich freiwillig gestellt?

Wie ich es bereits vorausgesagt hatte: Wenn sie die nötige Ruhe hat und nicht mehr gejagt wird, sucht die Kuh irgendwann von selbst eine Herde auf. Die ganze Jagerei in den letzten Wochen, die auch durch das ausgesetzte Kopfgeld auf die Spitze getrieben wurde, hat das Tier unter großen psychischen Druck gesetzt. Sie stand die ganze Zeit unter einem extrem hohen Adrenalinspiegel. Als die Jagd letztes Wochenende eingestellt wurde und sich auch die Presse weitgehend zurückgezogen hatte, konnte die Kuh dann endlich etwas entspannen und sich auf die Suche nach Artgenossen machen.

Am Freitag haben Sie nun Yvonne betäubt, damit sie auf einem Hänger nach Deggendorf auf den Tiergnadenhof Gut Aiderbichl gebracht werden konnte. Wie lief die Betäubung ab?

Ich habe ihr aus zwölf Metern einen ersten Betäubungsschuss versetzt, der schon recht ordentlich dosiert war. Ich war verblüfft, dass er noch nicht ausreichte. Daher musste ich noch einen zweiten Schuss nachlegen. Es ist eine Gratwanderung: Gibt man zu wenig, läuft das Tier weg, wie bei einem früheren Fangversuch. Gibt man zu viel, kann sie schnell mit drei Beinen drüben sein, also im Jenseits.

Wie ging es weiter?

Nach den zwei Betäubungsschüssen haben wir der Kuh eine Augenbinde umgelegt und ein Antidot verabreicht. Normalerweise wachen danach die Kühe langsam wieder auf, sind aber noch etwas schwummrig und benebelt. Bei Yvonne war das anders. Als ich ihr das Gegenmittel gegeben hatte, war sie sofort wieder hellwach und schlug um sich. Sie hat dem „corrida de toros“, dem spanischen Stierkampf, alle Ehre gemacht und dabei ein Wildrindverhalten an den Tag gelegt wie sonst nur Wisente oder Bisons. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ohne Narkose war an ein Einfangen nicht zu denken.

Wie lange hält die Betäubung an?

Wie lange sie wirkt, das habe ich im Griff. Normalerweise ein bis zwei Stunden. Aber durch ein Antidot kann ich die Narkose rasch wieder rückgängig machen. Das Narkosemittel legt eine Trennschicht zwischen Großhirn und Zwischenhirn. Das Antidot spült sie wieder weg.

Wie kam Yvonne schließlich auf den Anhänger, der sie dann fortbrachte?

Das normale Prozedere, dass die Kuh nach Verabreichung des Antidots aufsteht und in ihrem leichten Dämmerzustand in den Hänger geführt wird, ging ja nicht. Wir mussten sie mit einem Seil an einen Traktor binden und dann langsam in den Anhänger ziehen. Auch dabei hat sie noch Kapriolen veranstaltet. Ich muss aber ein großes Lob an die Bauern und die Helfer vom Gut Aiderbichl aussprechen, die bei der Aktion geholfen haben.

Hat Yvonnes Vergangenheit dabei eine Rolle gespielt?

Kurz vor ihrem Ausbruch hat das Tier ja drei Mal den Besitzer und damit auch die Weiden gewechselt. Auch das steckte ihr noch sehr in den Gliedern. Das konnte man deutlich merken.

Hat Yvonne wirklich soviel zugenommen, wie manche behaupten?

Das Tier steht bestens im Futter. Sie hat aber nicht die angeblichen 100 Kilo zugenommen. Bei dem reichhaltigen Futterangebot, das sie dort hatte, hätte sie bis zum Frost locker durchhalten können.

Welche Tiere betäuben Sie sonst so?

Querbeet, überwiegend Rot- und Damhirsche. Ich habe aber auch schon Orang Utans in Borneo von den Bäumen geholt, einen Jaguar in Venezuela in freier Wildbahn narkotisiert und Wildhunde in Zimbabwe.

Wie wird Yvonne sich auf ihrer neuen Weide einleben, nachdem sie soviel Freiheit genossen hat?

Das Tier wird in Deggendorf schon von zwei Rindern erwartet. Damit sie sich dort leichter sozialisiert, habe ich ihr heute noch ein „long acting neuroleptic“ verabreicht. Das setzt dem Tier quasi eine rosarote Brille auf und wird morgen anfangen zu wirken. Es bewirkt ein High-Stadium im Gehirn, beeinträchtigt aber nicht die Reflexe und Körperfunktionen der Kuh. Wir machen das immer bei Tieren, die auf lange Reisen geschickt werden. Das Mittel wird ihre Integration in die neue Herde auf jeden Fall erleichtern.

Die Fragen stellte Clemens Latzel

Quelle: F.A.Z.
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