Geplanter Kanal

Lieber rot als tot

Von Hans-Christian Rößler, Qasr al Jahud
26.05.2013
, 17:10
Seit Jahren auf dem Rückzug: das Tote Meer
Sichtbarkeit der Bildbeschreibung wechseln
Der Pegel des Toten Meeres sinkt jedes Jahr um gut einen Meter. Nun soll Wasser aus dem Roten Meer den größten Salzwassersee der Welt retten - aber nicht alle sind begeistert.
ANZEIGE

Die afrikanischen Pilger sind nicht zimperlich. An der Stelle, wo einst Johannes Jesus getauft haben soll, tauchen sie ein kleines Mädchen in die trüben Fluten. Im Frühjahr ist der Jordan, der hier die Grenze zwischen Israel und Jordanien markiert, gerade tief genug für das alte Ritual - auch wenn er einem größeren Bach als einem ausgewachsenen Fluss gleicht.

Wenige Kilometer südlich fließt im Jordan-Bett oft nur noch ein braunes Rinnsal. Monatelang gelangt im Sommer gar kein Tropfen mehr ins Tote Meer. Der Pegel des größten Salzwassersees der Erde sinkt deshalb jedes Jahr um gut einen Meter. Die Anlieger des Flusses graben dem Meer buchstäblich das Wasser ab. Israelis, Palästinenser und Jordanier nutzen es lieber am Oberlauf für ihre Felder und Plantagen, die von Jahr zu Jahr größer werden.

ANZEIGE

Jetzt soll das Rote Meer dem Toten Meer helfen. Dafür ist ein 180 Kilometer langer Kanal geplant. Zu Jahresbeginn stellte die Weltbank eine neue Studie vor, die das knapp zehn Milliarden Dollar teure Vorhaben als „machbar“ einstuft. Am Wochenende wurden während des regionalen Weltwirtschaftsforums in Jordanien die Stellungnahmen aus Amman, Jerusalem und Ramallah erwartet. Jordanien hat schon erste Zustimmung signalisiert. Dem kleinen Königreich geht das Wasser aus; mehr als eine halbe Million syrische Flüchtlinge ließen den Bedarf zuletzt noch weiter wachsen.

Umweltschützer auf beiden Seiten des Jordans halten von dem Großprojekt nichts. „Wir sollten nicht Gott spielen und das Wasser aus zwei Meeren vermischen“, sagt Gidon Bromberg. Man wisse einfach nicht, was danach passieren werde. Bromberg ist der israelische Vorsitzende der „Friends of the Earth“, der einzigen grenzüberschreitenden Umweltgruppe, die auch in Jordanien und Palästina aktiv ist. „Besser tot als rot“ lautete die Überschrift der ersten Stellungnahme seiner Organisation zur Weltbank-Studie.

180 Kilometer bei 420 Metern Höhenunterschied: der geplante Wasserkanal vom Roten zum Toten Meer
180 Kilometer bei 420 Metern Höhenunterschied: der geplante Wasserkanal vom Roten zum Toten Meer Bild: F.A.Z.

Mehr als ein Jahrzehnt dauert der Streit schon an. Für die Befürworter ist es ein großes Friedensprojekt, das die drei Anrainer des Toten Meers einander näher bringen und helfen wird, mögliche Kriege um das immer knapper werdende Wasser zu verhindern. Die Gegner befürchten eine ökologische Katastrophe und die Vergeudung vieler Milliarden Dollar. Auf den ersten Blick wirkt die Idee bestechend einfach: Salziges Wasser aus dem Roten Meer hilft, das Tote Meer wieder aufzufüllen.

ANZEIGE

Wegen des Höhenunterschieds von mehr 420 Metern wird es auf seinem Weg in Richtung Norden gleich noch zwei Wasserkraftwerke antreiben. Mit der dort hergestellten Elektrizität ließe sich knapp die Hälfte der jährlich 2000 Millionen Kubikmeter Meerwasser entsalzen und in die jordanischen Großstädte hinaufpumpen. Die übrig bleibende Salzlauge würde dann den Pegel des sehr salzhaltigen Toten Meers wieder steigen lassen.

ANZEIGE

Doch der Eingriff in das einmalige Ökosystem käme einem Experiment am lebenden Patienten gleich. Alexander McPhail, der die Studienabteilung der Weltbank leitet, ist dennoch zuversichtlich. Die meisten Umweltgefahren könnten durch „reichlich verfügbare und erprobte Methoden und Techniken“ entschärft werden, sagte er während einer Anhörung in Jerusalem. Es lasse sich jedoch nicht voraussagen, was genau geschehe, wenn mehr als 400 Millionen Kubikmeter Salzwasser aus dem Roten ins Tote Meer gelangen, gestand er ein. Möglich sei, dass sich Gipskristalle bilden, sagt McPhail. Umweltschützer sehen auch die Gefahr, dass zusätzlich zu dem milchig-weißen Gips rote Algen entstehen und das empfindliche ökologische Gleichgewicht zusammenbricht. Kleinere Modellversuche können nicht die Folgen des Zustroms von solchen großen Meerwassermengen simulieren.

Im Unterschied zu den Kritikern sehen die Autoren der Weltbankstudie keine unbeherrschbaren Risiken entlang des Wegs des Wassers in Richtung Norden. So wurde die Sorge geäußert, dass die Korallenriffe im Roten Meer bei Aqaba darunter leiden könnten, wenn dort Meerwasser abgepumpt wird. Andere befürchten, dass Erdbeben oder Terroranschläge den Kanal beschädigen könnten, der durch Rohre und Tunnel führen soll, und verheerende Umweltschäden verursachen könnten.

Ein toter Storch im austrocknenden Toten Meer
Ein toter Storch im austrocknenden Toten Meer Bild: REUTERS

Noch schwieriger scheint es aber zu sein, die immensen Kosten in den Griff zu bekommen: Knapp zehn Milliarden Dollar veranschlagt die Weltbank. Etwa die Hälfte davon müsste von ausländischen Gebern kommen. Das kleine Jordanien müsste Kredite von rund 2,5 Milliarden Dollar aufnehmen, um das entsalzte Wasser vom tiefsten Ort der Erde in seine Städte hinaufpumpen zu können, die auf über 1000 Meter Meereshöhe liegen. „Die Studie scheint zu vergessen, dass es eine Weltwirtschaftskrise gibt, Jordanien kurz vor dem Bankrott steht und Israel hochverschuldet ist“, sagt der jordanische Direktor von „Friends of the Earth“, Munqeth Mehyar. In Jordanien würde am Ende der Kubikmeter Wasser 2,7 Dollar kosten, und das sei für die Einwohner unbezahlbar.

ANZEIGE

Umweltschützer bemängeln, dass die Weltbank sich viel zu stark darauf konzentrierte zu prüfen, ob das Mammutprojekt machbar ist, ohne andere Möglichkeiten ähnlich genau zu prüfen. „Für Ingenieure war es immer klar, dass das technisch geht“, ärgert sich der Israeli Gidon Bromberg. „Es ist bezeichnend, dass diese Fragen trotzdem für 16 Millionen Dollar untersucht wurden, während nur eine halbe Million für die Prüfung einer Alternativoption ausgegeben wurde.“

In Israel wurde zeitweise mit dem Gedanken gespielt, einen Kanal vom Mittelmeer zum Toten Meer zu graben. Die Idee wurde mittlerweile verworfen. Umweltschützer empfehlen stattdessen, alle anderen Möglichkeiten zu kombinieren, wie es auch der dritte Teil des Weltbank-Berichts vorschlägt. Neben der Entsalzung von Meerwasser aus dem Mittelmeer und dem Roten Meer müsste man vor allem die industrielle Nutzung des Toten Meers überdenken.

Südlich des Hauptbeckens des Toten Meers lassen die israelischen „Dead Sea Works“ und die jordanische „Arab Potash Company“ rund 30 Prozent des Wassers des Toten Meers einfach verdampfen, um bequem an kostbare Mineralstoffe wie Pottasche, Brom und Magnesium zu kommen. Das ist viel billiger, als teure Membran-Technologien einzusetzen. Aber auch alle Jordan-Anlieger müssten ihren Beitrag leisten, Trinkwasser sparen und so viel Abwasser wie möglich für die Landwirtschaft wiederverwenden. Nur wenn der Jordan wieder zu einem richtigen Fluss wie in biblischen Tagen wird, hat wohl auch das Tote Meer wieder eine Chance.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Rößler, Hans-Christian
Hans-Christian Rößler
Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
Automarkt
Finden Sie Ihren Gebrauchtwagen
50Plus
Serviceportal für Best Ager, Senioren & Angehörige
ANZEIGE