Im Gespräch: Berliner Zoo-Direktor Bernhard Blaszkiewitz

„Wir projizieren unser Empfinden auf die Tiere“

27.03.2011
, 11:00
Der überraschende Tod von Publikumsliebling Knut wirft Fragen auf: Starb er am Dauerstress im Gehege? Soll man Eisbären überhaupt im Zoo halten? Was macht eigentlich einen guten Zoo aus? Bernhard Blaszkiewitz, Direktor der Berliner Zoos, Knuts langjähriger Heimat, antwortet.

Herr Blaszkiewitz, woran ist der Eisbär Knut gestorben?

Wir wissen bisher nur, dass er eine deutliche Hirnveränderung hatte, die auch sein Taumeln erklärt, bevor er ins Wasser stürzte. Die Ursache dafür wird noch untersucht.

Können Sie das Ausmaß der Trauer verstehen?

Dass Leute traurig sind, ja. Wie die Trauer durch Presse und Internet kommuniziert wird, finde ich nicht angemessen. Ich hatte Knut auch gerne. Aber in Japan sind mehr als 20.000 Menschen gestorben. In Nordafrika herrscht Krieg.

Sie fanden den Knut-Hype schon immer überzogen.

Ich fand das Kommerzielle nicht gut. Ich arbeite seit 37 Jahren in Zoos und muss sagen: So viel Aufmerksamkeit für ein Tier habe ich noch nie erlebt. Der Grad der Vermenschlichung war extrem.

Was halten Sie von den Protesten gegen die Idee, den Bären ausgestopft im Naturkundemuseum auszustellen?

Dafür gibt es keinen vernünftigen Grund. Der Bär ist tot. Er leidet nicht. Viele unserer Tiere kommen ins Museum, das macht wissenschaftlich Sinn. Wenn es unwürdig wäre, gäbe es keine Naturkundemuseen.

Tierschützer fordern jetzt wieder, die Eisbärhaltung im Zoo grundsätzlich abzuschaffen.

Das sind Tierrechtler, die Tieren die gleichen Rechte wie Menschen zusprechen. Aber da gibt es Unterschiede, die man nicht verwischen darf.

Gerade Eisbären bekommen im Zoo offenbar nicht ansatzweise so viel Auslauf, Einsamkeit und Abwechslung wie nötig.

Zoo ist immer Beschränkung. Jedes Tier könnte in freier Wildbahn weiter laufen, weiter fliegen, höher hopsen. Die Frage ist, wie man das bewertet: Ist das in Ordnung? Zoos sind vom Menschen für Menschen geschaffen; das Tier wird für den Menschen gezeigt. Oft wird so getan, als stünde das Tier im Vordergrund. Aber das stimmt nicht.

Sind Zoos im 21. Jahrhundert dann überhaupt noch zeitgemäß?

Sie sind nötiger denn je, und zwar zu Bildungszwecken. Wo die biologischen Kenntnisse so schlecht sind wie in Deutschland, ist Aufklärungsarbeit durch Zoos zentral. Ansonsten formuliert man für Zoos schon seit Jahrzehnten dieselben vier Aufgabenfelder: Erholung, Bildung, Forschung und Naturschutz.

Heutzutage wird oft der Artenschutz herausgestellt.

Der lässt sich am besten verkaufen. Meiner Meinung nach jedoch ist ein Gleichklang wichtig. Ich glaube sogar: Ohne Erholung, wenn der Besucher nicht gerne kommt, ist alles andere Makulatur. Weil er dann weder Tierschilder lesen noch Verständnis haben wird dafür, dass Geld für Forschung ausgegeben wird.

Was ist für Sie ein guter Zoo?

Ich habe leicht reden, als Direktor des Zoos im Westen Berlins wie auch des Tierparks im Osten der Stadt habe ich den größten Tierbestand der Welt. Andere Zoos müssen auswählen, etwa auf Klimazonen setzen, auf geographische oder systematische Gesichtspunkte. Aber es muss ein Programm geben. Ein Zoo ohne Programm wäre eine Anhäufung.

Die meisten Tierparks reduzieren Bestände, um für die verbleibenden Tierarten größere, schönere Gehege zu schaffen. Kann Artenreichtum wie in Berlin da noch ein Qualitätskriterium sein?

Ich finde schon. In der Repräsentativität verkörpert sich der Bildungsanspruch.

Kritiker sagen, Sie würden Tiere einfach sammeln und ausstellen.

Das ist nichts Verwerfliches. Sie können mich gerne einen historisch ausgerichteten Zoodirektor nennen. Auch das Wort "konservativ" verursacht mir keine Gänsehaut.

Andere Zoos bauen Urwälder und Savannen nach, die der Besucher betreten kann. Ist das die Zukunft?

Das ist nicht neu. Und erfunden worden ist es, das darf man etwas großkotzig sagen - in Berlin. 1913 wurde hier das erste begehbare Tiergehege der Welt gebaut, die Krokodilhalle im Aquarium.

Einen riesigen Regenwald, in dem die Tiere frei herumlaufen, haben Sie aber nicht.

So etwas wie diese Masoala-Halle in Zürich möchte ich in meinem Zoo auch nicht. Als Biologe finde ich das toll, das ist der beste madagassische Lebensraum, den ich kenne. Die Pflanzen stammen tatsächlich alle aus Madagaskar. Aber Sie sehen fast keine Tiere. Und im Zoo geht es nicht um Lebensraum, sondern um das Tier, möglicherweise dann in einem dem Lebensraum angeglichenen Käfig.

Und der Erlebniszoo? Was halten Sie von Bootsfahrten vor Tierkulissen?

Ich finde es nicht notwendig. Die Leute sollen laufen. Aber ich weiß, dass diese Bootsfahrten in Hannover der Schlager sind.

Sie wettern gern gegen den Zoo als Disneyland.

Mein Credo ist: Das Tier für den Menschen muss im Mittelpunkt stehen, nicht die Wasserrutsche. Als Beiwerk ist da nichts gegen zu sagen. Zoos haben immer Vehikel benutzt, denken Sie an die Konzertveranstaltungen, die bis zum Ersten Weltkrieg die Zoos finanziert haben. Und der Bildungsanspruch darf nicht verlorengehen. Davon abgesehen, gibt es viele Formen der Tierpräsentation, die akzeptabel sind. Der Rest sind Geschmacksfragen.

Was ist Ihnen wichtig?

Die Tiere müssen zu sehen sein. Und sie sollen in der Beschränkung des Zoos so viel wie möglich von ihrem Verhalten ausleben können. Sie sollen sich zum Beispiel auch vermehren können. Die ständige Verhinderung von Zucht ist unbiologisch. Sie ist auch für die Psyche der Tiere nicht gut.

Ihnen wird vorgeworfen, übermäßig Nachwuchs zu produzieren, den Sie an Tierhändler abgeben.

Um angeblich Geschäfte mit den Tieren zu machen: das ist völliger Blödsinn. In unserem Rechtsstaat ist Tierhandel ein ganz normaler Vorgang. In den Richtlinien des Zooweltverbands steht, dass Tiere in einer Haltung unterkommen müssen, die ich verantworten kann. Und das verantworte ich, wenn ich mit Tierhändlern zusammenarbeite, die ich kenne und mit denen übrigens alle deutschen Zoos handeln, nicht nur der böse Blaszkiewitz. Wenn das in Deutschland nicht mehr geht, können wir keine Zoos mehr betreiben.

Was braucht es, damit Tiere in Gefangenschaft glücklich sind?

Gefangenschaft und Freiheit sind genau wie Glück Begriffe aus dem menschlichen Repertoire.

Okay, dann eben: Wann geht es Zootieren gut?

Es gibt objektive Kriterien für gute Tierhaltung. Dazu gehört die Möglichkeit zur Fortpflanzung und dass Tiere ein hohes Lebensalter erreichen. Wichtiger als die Größe der Gehege ist ihre Gestaltung. Denn natürlich haben die Tiere viel mehr Zeit als in freier Wildbahn. Sie müssen nicht jagen, sie haben keine Feinde, der Geschlechtspartner wird ihnen ausgesucht. Diese freie Zeit wird wie bei uns Menschen mit kindlichen Tätigkeiten ausgefüllt: mit Spielen.

Langeweile als Hauptproblem?

Langeweile ist wieder ein Begriff menschlichen Empfindens. Aber man versucht, einen Ersatz zu finden für Verhaltensweisen, die Tiere im Zoo nicht ausleben können. Am einfachsten geht das beim Futter: Das gibt es mehrmals am Tag. Und wenn ein Elefant ganze Äste bekommt, hat das natürlich nicht nur mit Fressen, sondern auch mit Beschäftigung zu tun.

Ihre Kritiker schimpfen, Sie hätten den Elefanten die Autoreifen zum Spielen weggenommen.

Menschlicher Abfall gehört nicht in ein Tiergehege. Da sind Naturstoffe gefragt, die Beschäftigung mit Futter, der Sozialkumpan, wozu nicht nur andere Tiere, sondern auch der Pfleger gehört, der Besucher ist wichtig. All das sind Beschäftigungsmöglichkeiten.

Wenn Besucher denken, der Jaguar da pendelt frustriert an seinen Gitterstäben entlang. Geht es dem wirklich schlecht?

Nein. Der pendelt ja nicht frustriert hin und her. Da sitzt in den Köpfen dieses furchtbare Gedicht von Herrn Rilke mit dem Panther und dem müden Blick.

Ich habe weniger an Rilke gedacht als an den Jaguar in Ihrem Zoo. Der tut mir jedes Mal leid.

Frustrierend ist unser Verhalten, nicht seins. Hin- und Herlaufen am Gitterkäfig, Appetenzverhalten vor der Fütterung, das ist nichts Pathologisches. Wir projizieren unser Empfinden auf die Tiere. Und der emotionale Zugang ist nicht unwichtig. Die Leute sollen ja nicht glauben, den Tieren gehe es schlecht. Aber die Verteufelung des Gitters ist falsch. Gitter - Gefängnis - Eingesperrtsein - der Freiheit beraubt: das empfinden wir so. An den Menschenaffenkäfigen von vor vierzig Jahren konnten die Affen immerhin klettern. Heute sitzen sie in Kunststoffparadiesen mit Wassergraben drum herum, von denen sie gar nichts haben. Es kommt immer auf die Tierart an. Aber was ich nicht leiden kann, ist diese Gegenüberstellung: Heute gut - damals schlecht. Und ich persönlich finde wichtig, dass wir Tiere auch riechen können. Deshalb mag ich keine Raubtieranlagen nur aus Glas.

Mögen Sie lieber Tiere oder Menschen?

Die Liebe zum Menschen ist eine andere als die Liebe zum Tier. Soll ich philosophisch werden? Wir wissen aus der Heiligen Schrift, dass es einen Unterschied zwischen Menschen und Tieren gibt. Als gläubiger Mensch würde ich sagen, der ist gottgewollt.

Die Fragen stellte Julia Schaaf.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot