Publikumsmagnet Lahnfenster

Wanderwege unter Wasser

Von Wolfram Ahlers, Gießen
19.04.2013
, 23:22
Einblick unter Wasser: das Lahnfenster in Gießen
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Das Lahnfenster in Gießen hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Jetzt wird es erweitert. Rechtzeitig zur Landesgartenschau soll es fertig sein.
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Anregung hatte ein Besuch in Aquitanien geliefert. Als sich Mitarbeiter der Fischereibehörde beim Regierungspräsidium Gießen in der französischen Partnerregion Hessens mit Kollegen darüber austauschten, wie sich mehr Sensibilität für Gewässerschutz schaffen lässt, wurden ihnen Besucherstationen vorgestellt. Sie machten die Flora und Fauna von Flüssen und Bächen anschaulich, zeigten das Leben von Fischen und ihre Wanderungen. Die Idee, nach diesen Vorbildern Einblicke in den vielfältigen Lebensraum der Lahn zu ermöglichen, fand bei der Stadt Gießen und beim Land viele Unterstützer. Als dann Geld zur Verfügung stand, um eine Fischaufstiegsanlage am Wehr der ehemaligen Getreidemühle am Rande der Gießener Innenstadt zu bauen, bot es sich an, in diese Anlage eine Informationsstation zu integrieren.

Tatsächlich gelang es dem Regierungspräsidium in Kooperation mit der Stadt und ehrenamtlichen Gewässerhegern, ein ungewöhnliches Projekt zu realisieren: das Lahnfenster. Dabei handelt es sich um eine unterirdische Beobachtungsstation, in der Besucher hinter einer großen Glasscheibe nicht nur einen Ausschnitt vom Grund der Lahn sehen, sondern zugleich Wanderfische beobachten können wie Forellen, Barsche, Rotaugen und manchmal auch Schwärme von Kleinfischen wie Nasen. Sie suchen kräftezehrend den Weg gegen die Strömung von einem Flussabschnitt in den nächsten. Seit der Eröffnung vor gut einem halben Jahrzehnt hat sich das Lahnfenster zu einem Publikumsmagneten entwickelt, wie Regierungspräsident Lars Witteck (CDU) sagt. Fast 20 000 Besucher warfen dort seither einen Blick in die Unterwasserwelt. Zudem hat sich die Einrichtung als beliebtes Ausflugsziel von Schulklassen und Kindergärten einen Namen gemacht.

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600.000 Euro zur Verfügung

Dabei stellte sich aber heraus, dass die kaum mehr als ein Dutzend Quadratmeter große Station nicht nur bei Gruppenbesuchen zu klein ist. All das gibt Anlass, die Beobachtungsstation zu erweitern. Im nächsten Monat sollen die Arbeiten beginnen. Rund 600.000 Euro stehen dafür nach Angaben aus dem Regierungspräsidium zur Verfügung, bereitgestellt vom Land aus Ausgleichsabgaben. Der Terminplan sieht vor, den Um- und Ausbau bis zur Landesgartenschau im nächsten Frühjahr abzuschließen und Gästen der Großveranstaltung eine besondere Attraktion zu bieten, wie es heißt. Die Lahnufer bilden eines der beiden Hauptareale der Landesgartenschau.

Auch auf vergleichsweise kleinem Raum bietet das Lahnfenster bislang schon eine Fülle an Informationen. Neben dem Fenster selbst sind im Besucherraum unter anderem Exponate aufgebaut, die über das Vorkommen von Fischen in verschiedenen Abschnitten eines der größten hessischen Flüsse Auskunft geben. Was in dem Wasserlauf an Krebsen, Muscheln und anderen Kleintieren den Grund besiedelt, zeigt die Präsentation ebenso. Das Ökosystem des knapp 250 Kilometer langen Flusses erläutern Karten, die über unterschiedliche Bodenbeschaffenheit, Wassertemperaturen, Sauerstoffgehalt, Fließgeschwindigkeiten und daraus resultierende verschiedene Lebensgemeinschaften Auskunft geben.

Das Lahnfenster dient nicht zuletzt der Wissenschaft. So betreibt die Umweltabteilung des Regierungspräsidiums in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Mittelhessen dort eine Messanlage, etwa für langfristige Analysen zur Wasserqualität. Erhebungen zu Artenvielfalt und zu Wanderwegen von Fischen finden in der Station ebenfalls statt. Denn der Lahnabschnitt auf Gießener Gebiet eignet sich besonders für Studien. So gibt es dort an einem nur wenige Kilometer langen Teilstück drei Wehre, die die Gewässerstruktur und damit die Lebensbedingungen vieler Fischarten prägten.

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Aufstiegsanlagen im Fluss

An der Kinkelschen Mühle beispielsweise versperrte eine mehr als zwei Meter hohe Staustufe Fischen den Weg flussaufwärts. Neben Renaturierungsprojekten sowie Nachzucht und Aussatz von Fischen hat nicht zuletzt die Beseitigung von Wanderhindernissen dazu beigetragen, dass die Fischbestände in der Lahn wieder wuchsen. So bekamen in den zurückliegenden Jahren alle Wehre und Staustufen in und um Gießen Aufstiegsanlagen, so dass der Fluss in seinem Mittellauf nun auf einer Länge von ungefähr 25 Kilometern für Fische auf den Wegen zu Laichplätzen und Nahrungsquellen wieder durchgängig ist. Mit dem Umbau steht für Beobachtungen, Ausstellungen und Studien künftig erheblich mehr Platz zur Verfügung. Nach den Plänen des Gießener Architekturbüros Drommershausen und Böhme entsteht ein zusätzlicher Ausstellungs- und Beobachtungsraum.

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Die Einrichtung vergrößert sich auf gut 40 Quadratmeter. Damit kann die Präsentation zum Lebensraum Lahn nach didaktischen Gesichtspunkten neu gestaltet werden. Zwei weitere Unterwasserfenster vergrößern das Blickfeld auf die Fische, auf Kies- und Schotterbänke als Refugien von Jungfischen und Schalentieren. Die Erweiterung des Kellers schafft Raum, die Anlage um einen überirdischen Teil auszudehnen. Die Betondecken des Unterbaus bilden das Fundament für einen neuen Pavillon. Dort will das Regierungspräsidium einen weiteren Ausstellungsraum einrichten, der zudem für Seminare in Sachen Wasserwirtschaft und Gewässerökologie sowie für Schulunterricht genutzt werden kann. Eine Terrasse lädt dazu ein, auch das Leben auf der Lahn und an den Ufern zu beobachten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ahlers Wolfram (was.)
Wolfram Ahlers
Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.
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