Vor Calais

27 Tote bei Untergang von Boot mit Migranten im Ärmelkanal

25.11.2021
, 07:35
Ein Rettungsschiff der NGO Societe Nationale de Sauvetage en Mer (SNSM) im Hafen von Calais
Auf dem Ärmelkanal ist am Mittwoch ein Boot mit Migranten gekentert. 27 Menschen kamen ums Leben. Frankreich und Großbritannien beschuldigen sich gegenseitig für die Tragödie.

Nach dem Untergang eines Bootes mit Migranten auf dem Weg nach Großbritannien hat das französische Innenministerium die Zahl der Todesopfer auf 27 korrigiert. Eine Ministeriumssprecherin in Paris verwies am Donnerstagmorgen darauf, dass dies erst eine vorläufige Bilanz sei. Am Abend hatte Innenminister Gérald Darmanin noch eine Zahl von 31 Toten genannt. Wie viele Menschen insgesamt mit dem havarierten Boot im Ärmelkanal unterwegs waren, lasse sich abschließend noch nichts sagen, so die Sprecherin.

Die maritime Präfektur sprach ebenfalls von 27 Toten sowie zwei Überlebenden, die an Land gebracht worden seien. Neben dem Einsatz um das gekenterte Boot hätten Helfer sich im Laufe des Mittwochs um zahlreiche weitere Migranten gekümmert, die mit kleinen Booten ebenfalls in Seenot geraten waren. Mehr als 100 Gerettete seien in die französischen Häfen Boulogne-sur-Mer, Dunkerque und Calais gebracht worden.

Vier Schleuser, die möglicherweise an der gescheiterten Überfahrt beteiligt waren, seien festgenommen worden, sagte Darmanin. „Das ist das größte Drama, was wir bisher erlebt haben.“ Auch Premierminister Jean Castex sprach von einer Tragödie, seine Gedanken seien bei den zahlreichen Opfern.

Präsident Emmanuel Macron rief unterdessen zu einer Krisensitzung auf europäischem Niveau auf. Frankreich werde nicht zulassen, dass der Ärmelkanal sich in einen Friedhof verwandele und Schleuser Menschenleben in Gefahr brächten. Die Mittel der Grenzschutzagentur Frontex an den Außengrenzen der EU müssten unverzüglich erhöht werden. Gemeinsam mit Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Deutschland müsse verstärkt gegen kriminelle Schleusernetzwerke vorgegangen werden, verlangte Macron. Seit Jahresbeginn seien 1552 Schleuser an der französischen Küste gefasst worden. „Man kann nicht oft genug betonen, wie kriminell die Schlepper sind, die diese Überfahrten organisieren“, sagte Darmanin.

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„Bleierne Stille“ im abgesperrten Hafen

Der britische Premierminister Boris Johnson sagte, er sei „schockiert, entsetzt und zutiefst betrübt“ nach dem Tod der Migranten, berichtete die Nachrichtenagentur PA. Als Reaktion berief er das nationale Sicherheitskabinett ein.

Wie die Maritime Präfektur mitteilte, setzte ein Fischerboot den Notruf ab, dass sich Migranten in Seenot im Ärmelkanal befänden. Mit drei Booten und Hubschraubern aus Frankreich und Großbritannien bemühten sich Helfer um eine Bergung, die Suche wurde dann am Abend abgebrochen. Sämtliche Opfer wurden nach Calais gebracht. La Voix du Nord berichtete von einer bleiernen Stille in dem von Sicherheitskräften abgesperrten Hafen, als die Toten in der Dunkelheit an Land gebracht wurden.

Die Staatsanwaltschaft in Dunkerque nahm Ermittlungen wegen „besonders schweren Totschlags“ auf. „Der Ärmelkanal wird allmählich zu einem Friedhof, so wie das Mittelmeer“, sagte Pierre Roques von der Hilfsorganisation L'Auberge des Migrants. Mehrere Politiker erklärten, dass mehr getan werden müsse, um die Schlepper zu bekämpfen. „Wir brauchen mehr Mittel, um das Netz der Schlepper zu zerstören, die das Elend ausnutzen“, schrieb der konservative Präsidentschaftskandidat Xavier Bertrand auf Twitter.

Polizei geht gegen Schlepper vor

Vor einigen Tagen war bekannt geworden, dass die Polizei 15 mutmaßliche Schlepper aus dem Irak, Rumänien, Pakistan und Vietnam in Gewahrsam genommen hat. Sie sollen monatlich etwa 250 Migranten in Booten nach Großbritannien gebracht haben. Für die Überfahrt hätten sie 6000 Euro pro Person erhalten und insgesamt drei Millionen Euro Gewinn gemacht.

Unterstützer der Migranten protestieren im Hafen von Calais. Auf ihren Plakaten steht: „30 Jahre Ankündigungen, unmenschliche und erniedrigende Behandlungen.“
Unterstützer der Migranten protestieren im Hafen von Calais. Auf ihren Plakaten steht: „30 Jahre Ankündigungen, unmenschliche und erniedrigende Behandlungen.“ Bild: AFP

Im laufenden Jahr haben bisher mehr als 25.700 Menschen illegal den Ärmelkanal überquert. Das sind fast dreimal so viele wie im gesamten Jahr 2020. Die britische Regierung wirft Frankreich vor, nicht genug gegen illegale Überfahrten zu unternehmen, Paris weist das zurück. Erst im Juli hatten beide Seiten ein neues Kooperationsabkommen vereinbart, um die wachsende Zahl der Migranten, die mit kleinen Booten über den Ärmelkanal nach England kommen, in den Griff zu bekommen. London sagte dabei 62,7 Millionen Euro zu, um die französischen Behörden zu unterstützen.

London und Paris beschuldigen sich gegenseitig

Vor allem die britische Innenministerin Priti Patel steht wegen der wachsenden Zahl an Migranten unter Druck. Konservative Kreise und Medien sprechen von einer „Krise“. Allerdings ist die Zahl der Flüchtlinge, die in Großbritannien Asyl beantragen, deutlich niedriger als in anderen europäischen Ländern. Patel hatte angekündigt, die Überfahrten zu beenden. Nach dem Brexit führte die Regierung scharfe Zuwanderungsregeln ein. Noch aber hat Patel kein Mittel gefunden, die Migration über den Ärmelkanal zu stoppen. Zuletzt kündigte sie abermals eine Verschärfung der Asylregeln an. Der Vize-Präsident der Region Hauts-de-France, in der Calais liegt, beschuldigte am Abend Großbritannien. „Die Briten sind verantwortlich. Das ist nicht der Fehler Frankreichs, das ist nicht der Fehler von Europa“, sagte Franck Dhersin.

In der Gegend von Calais halten sich zahlreiche Migranten auf. Hilfsorganisationen kritisieren, dass Sicherheitskräfte regelmäßig deren Lager räumen und dabei Zelte und Schlafsäcke zerstören. Den Migranten werden Notunterkünfte in anderen Landesteilen angeboten. Viele von ihnen versuchen jedoch weiter, nach Großbritannien zu gelangen. Viele von ihnen wollen nach Großbritannien, weil sie die Sprache sprechen und dort bereits Bekannte oder Verwandte haben. Der Anstieg der Zahlen seit August dürfte damit zu tun haben, dass die Überfahrt mit den sinkenden Temperaturen demnächst noch gefährlicher wird.

Quelle: dpa/AFP
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