11. September und die Medien

Dauerschock

EIN KOMMENTAR Von Dietmar Dath
11.09.2021
, 11:18
Anschlag auf World Trade Center am 11. September 2001
Längst sind wir daran gewöhnt, dass über alles, was um uns herum geschieht, in Echtzeit berichtet wird. War der 11. September der Ausgangspunkt dieser Entwicklung?

Manchmal erinnert sich ein Publikum, dass es das Gezeigte schon einmal gesehen hat – oder doch geträumt, im unruhigen Schlaf. Dann holt es vielleicht kollektiv leise Luft wie jetzt in Venedig bei der Premiere von Paul Schraders Film „The Card Counter“. Kennen wir diese Bilder? Oder haben wir sie uns nur ausgemalt, als wir von dem Ort und den Handlungen erfuhren, die hier nachgestellt werden? Sind wir für sie verantwortlich? Es handelt sich um das Foltergefängnis von Abu Ghraib und die Untaten dort, die möglich wurden durch den „Krieg gegen den Terror“ der Regierung des amerikanischen Präsidenten George W. Bush.

Schraders Film erzählt eine Spielergeschichte, die eigentlich eine Soldatengeschichte ist. Spieler und Soldaten verbindet eine seltsame, zwanghafte Legierung von einerseits Wagemut und andererseits Disziplin, zwischen denen Menschen (und Gesellschaften im Krieg) leicht zermahlen werden können wie zwischen zwei Steinen. Hatte George W. Bush eine Wahl nach den Anschlägen vom 11. September, konnte er anderes tun, als Dinge anzuordnen oder zuzulassen, die sich herumsprechen mussten, und dafür sorgen, dass man dem Westen in manchen Gegenden nicht glaubt, wenn seine Verantwortlichen sagen, ihre Truppen brächten Freiheit und Menschenrechte? Bush hielt oft konfuse Reden, die Medien spotteten gern über ihn. Dann kam Obama, der hielt schöne Reden. Dann Trump, der hielt sehr hässliche Reden. Biden folgte, der hält nun wieder konfuse Reden. Ehedem waren die Taliban in Afghanistan an der Macht, bei Biden sind sie es wieder. Was ist passiert in der Zwischenzeit außer Leid, Mühe, Vergeblichkeit?

Ich dachte: Die Welt geht unter

Am 11. September 2001 saß ich, frisch bei der Zeitung angekommener Redakteur, in einem Büro, das nicht mein Arbeitsplatz war (man hatte mir noch keinen zugewiesen), und schrieb die Glosse zum Schrecken, live. Ich sah dabei auf CNN, wie jede neue Nachricht die letzte totzuschlagen drohte. Ich dachte: Die Welt geht unter. Sie tat es nicht, aber die beängstigendste Erfahrung der Jahre seither besteht darin, dass eine neue Welt aufkommen kann, ohne dass die alte stirbt. Die jetzige besteht aus lauter teils akuten, teils chronischen Krisen, die das Urteilsvermögen angreifen, zerbrechen und die Trümmer mit sich reißen, wie eine Schlammflut Möbel aus Behausungen schwemmt, in denen sie nie gemütlich aussahen.

Fing das am 11. September 2001 an, oder erinnert man sich’s nur so zurecht? Ich weiß es nicht, so wenig, wie ich damals wusste, was ich schreiben sollte. Trotzdem schrieb ich, weil Schreiben ein Luftholen im Zuschauerraum ist. Vielleicht war es immer schon so schwer, über Geschichte, die gerade stattfindet, zu urteilen, auch ohne Echtzeitmedien. Aber war es je beschämender, Publikum bei diesem Prozess zu sein?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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