Katastrophe in der Oder

Mehr als hundert Tonnen toter Fisch

Von Kim Maurus, Frankfurt (Oder)
16.08.2022
, 15:55
An der Westoder: Ein Ranger der Naturwacht Brandenburg holt mit einem Kescher tote Fische aus dem Wasser.
Noch immer ist unklar, was das Fischsterben in der Oder verursacht hat. Naturschützer tun, was sie können. Anwohner sind irritiert – und die Verunsicherung wächst.

So richtig weiß Gernot Preschel nicht, was er machen soll. Außer, alles zu dokumentieren. „Das ist auch eine Form von Hilflosigkeit“, sagt er. „Man steht dem ohnmächtig gegenüber.“ Vor Preschel liegt die Oder, in seiner Hand hält er eine Kamera. Der Fluss sieht auf den ersten Blick normal aus. Hier in der Kleinstadt Lebus nur wenige Kilometer oberhalb von Frankfurt (Oder) kann man normalerweise von der Straße direkt ins Wasser gehen. Doch seit ein paar Tagen ist an und in der Oder nichts mehr normal.

Die kleine Bucht sieht wegen des Niedrigwassers aus wie ein dreckiger Tümpel. Preschel fotografiert ein paar tote Fische, die noch da liegen, groß, mit weißen Bauch. Einer ist vollständig zerfleddert, seine Schuppen liegen auf dem Sand verteilt. An der Wasseroberfläche schwimmt helles Muschelfleisch, die leeren Muschelschalen liegen am Ufer.

Die Umweltkatastrophe an der Oder er­streckt sich auf etwa 500 Kilometer Flusslauf. Preschel, Mitte Fünfzig, ist nach seinem Feierabend hergekommen, eigentlich arbeitet er als Haustechniker für den Großhandel. Seit 30 Jahren engagiert er sich im BUND Kreisverband Frankfurt (Oder). „Innerhalb der EU darf sowas nicht mehr passieren“, sagt er. „Das ist ein Fluss, der ständiger Kontrolle unterliegen müsste. Dass man erst reagiert, wenn die Fische tot mit dem Bauch nach oben schwimmen, das verstehe ich nicht.“

Es gibt nur wenige Dinge, die sicher sind, geht es um dieses Fischsterben. Jedenfalls war es massenhaft. Nach Schätzungen des BUND wurden bis zu 100 Tonnen toter Fisch aus der Oder geholt, örtliche Medien berichten am Dienstag sogar von 300 Tonnen. Auch ist erwiesen, dass polnische Behörden bereits Ende Juli Hinweise hatten, dass mit der Oder etwas nicht stimmt. Nahe Breslau wurden schon damals verendete Fische gesichtet. Im Stadtgebiet von Frankfurt (Oder) tauchten die toten Fische in Mengen am 9. August auf. Schon einen Tag vorher hatten Angler berichtet, die Oder stinke, erzählt Umweltschützer Preschel.

Gernot Preschel dokumentiert vor Ort, was er auffindet.
Gernot Preschel dokumentiert vor Ort, was er auffindet. Bild: Kim Maurus

Laut dem Brandenburger Umweltministerium gibt es in den neuen Laborergebnissen vom Dienstag keine Hinweise auf besonders hohe Werte für Schwermetalle wie Quecksilber. Die Untersuchungen zu den Nährstoffen seien noch nicht vollständig und noch nicht abgeschlossen, teilt Sprecher Sebastian Arnold mit: „Sie lassen bisher keine Hinweise auf eine singuläre Ursache für das Fischsterben in der Oder zu. Die Daten werden fortlaufend übermittelt und bewertet.“

Den Menschen an der Oder kommt es komisch vor, dass man bislang so wenige Erkenntnisse dazu hat, um welchen Giftstoff es sich handeln soll. Die Unwissenheit nährt Gerüchte. „Als würde man etwas vertuschen wollen“, sagt der Busfahrer auf dem Weg zurück von Lebus nach Frankfurt (Oder). „Die Spekulationen schießen ins Kraut“, meint ein Anwohner, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Wir wissen einfach nicht, wogegen wir kämpfen“, sagt Preschel. „Und das ist natürlich unbefriedigend.“ Angeln, Baden, das Schöpfen von Wasser: All das hat die Stadt Frankfurt (Oder) aus Sicherheitsgründen mittels Allgemeinverfügung am vergangenen Freitag verboten.

Auch Gerd Giese vom Frankfurter Katastrophenschutz zeigt wenig Verständnis: „Mit dem heutigen Stand der Technik nicht feststellen zu können, woran irgendein Lebewesen gestorben ist oder welche Schadstoffe in welchen Gewässern sind, überfordert meine Phantasie.“ Mark Langhammer, Ortsbeauftragter des Technischen Hilfswerks, geht davon aus, dass die Untersuchungen so lange dauern, weil es sich um ein unbekanntes Gift handele. „Man muss berücksichtigen, dass viele Stoffe untersucht werden.“

Messbare Veränderungen in der Oder um den 7. August

Zuständig für die Analysen ist unter anderem das Landeslabor Berlin-Brandenburg. Auf der Bundesebene wird es vom der Bundesanstalt für Gewässerkunde unterstützt. Man setze moderne Analytik-Methoden eine, teilt ein Sprecher der Bundesanstalt mit, darunter Verfahren, die darauf ausgelegt seien, unbekannte Schadstoffe zu identifizieren. Wie lange sich so etwas hinziehe, dazu lägen ihm keine Informationen vor.

Noch eine Sache gilt als sicher: In Frankfurt (Oder) hat sich der Fluss messbar um den 7. August verändert. Laut Daten des Brandenburger Landesamts für Umwelt stiegen unter anderem der Sauerstoffgehalt, der pH-Wert, die Trübung und die elektrische Leitfähigkeit des Wassers stark an und befinden sich seither auf höherem Niveau. Die Menge an Nitrat-Stickstoff fiel dagegen deutlich ab. In der Nacht auf den 7. August stieg zudem der Pegel des Wassers an der Frankfurter Messstelle um 30 Zentimeter und fiel dann schnell wieder ab.

„Da haben wir uns alle gewundert“, sagt der Anwohner. Man habe den Anstieg sehen können. Es gab Vermutungen, dass in Polen Rückhaltebecken geöffnet worden seien, um mögliches Gift im Wasser zu verdünnen. Die „Märkische Oderzeitung“ berichtet am Dienstag, die polnische Wasserbehörde „Wody Polskie“ habe diese Behauptung scharf zurück­gewiesen. Heftiger Regen in der Tschechischen Republik habe zu dem Anstieg geführt. Zudem habe ein Kahn in einem Wehr in Breslau festgesteckt. Als der wieder freikam, sei kurzzeitig mehr Wasser in den Fluss gelangt.

In Frankfurt (Oder) wächst derweil der Unmut über die Landespolitik. „Es gab keine Kommunikationswege“, sagt Langhammer vom Technischen Hilfswerk. Die Stadt hat in der vergangenen Woche gemeinsam mit der Feuerwehr und mit ehrenamtlichen Hilfsorganisationen Aufräumarbeiten organisiert – obwohl das Land davon abriet, die Fische zu entfernen, weil man nicht wusste, wie gefährlich das sei. Für Langhammer ist das unverständlich: „Die Kadaver fangen an zu verwesen. Wenn andere Tiere sie aufnehmen, kommt es zu Verschleppungen, die man noch weniger einschätzen kann als die derzeitige Lage.“ Unklar sei, ob noch mehr Fische am Flussgrund liegen, die wegen der bei der Verwesung gebildeten Gase noch auftauchten. Laut Giese vom Katastrophenschutz waren über mehrere Tage jeweils bis zu 15 Ehrenamtliche damit beschäftigt, in Schutzausrüstung die toten Tiere aus der Oder zu fischen. „Alle Anrainer waren mehr oder weniger sich selbst überlassen.“ Detaillierte Nachfragen der F.A.Z. zur Zusammenarbeit mit den Landkreisen ließ die Brandenburger Staatskanzlei am Dienstag unbeantwortet.

Die Quelle der Oder liegt in der Tschechischen Republik, sie fließt durch Polen, ist Teil der deutsch-polnischen Grenze und mündet in das Stettiner Haff in der Ostsee. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass sich die Katastrophe noch weiter ausbreiten könnte. Polnische Behörden meldeten am Dienstag, in Kanälen südlich der Hafenstadt Stettin, die mit der Oder verbunden sind, seien tote Fische geborgen worden. Die polnische Feuerwehr gab an, man habe ebenfalls tote Fische aus dem kleineren Fluss Ner geholt, der keine Verbindung zur Oder hat. Auch dort ist unklar, wie es zu dem Fischsterben kam.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Maurus, Kim
Kim Maurus
Volontärin.
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