Flutwelle in China

In der U-Bahn ertrunken

Von Friederike Böge, Peking
21.07.2021
, 15:56
In der chinesischen Provinzhauptstadt Zhengzhou hat Starkregen zu einer „Jahrtausendflut“ geführt: Es gibt zahlreiche Todesopfer, viele Staudämme sind in Gefahr.

Es gibt nicht viele Orte in China, in denen je innerhalb einer Stunde so viel Niederschlag gemessen wurde wie am Dienstag in der Hauptstadt der Provinz Henan. Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags erreichte die Regenmenge in Zhengzhou 202 Millimeter, also 202 Liter pro Quadratmeter. Das ist ein Drittel dessen, was in der Millionenstadt normalerweise in einem ganzen Jahr niedergeht. Es ist zudem mehr Niederschlag als in den am schlimmsten betroffenen deutschen Hochwassergebieten innerhalb eines Tages. Auf den Straßen und in der U-Bahn von Zhengzhou führte der Starkregen zu dramatischen Szenen. Hunderte Fahrgäste steckten vier Stunden lang im Tunnel fest, während das Wasser in ihrem Waggon weiter stieg. Videos von Menschen, denen die braune Brühe bis zur Schulter steht und die sich verängstigt an den Haltegriffen in der U-Bahn festklammern, kursierten am Dienstagabend im Internet und schreckten das ganze Land auf. Die meisten Eingeschlossenen konnten in der Nacht befreit werden. Für mindestens zwölf Fahrgäste kam aber jede Hilfe zu spät.

Manche Straßen in Zhengzhou und umliegenden Städten verwandelten sich innerhalb kurzer Zeit in reißende Flüsse, die Autos und Menschen mit sich rissen. Die Zahl der Todesopfer wurde am Mittwochabend mit 25 angegeben, könnte aber weiter steigen. Chinesische Meteorologen sprechen von einer Jahrtausendflut. Das Militär warnte, dass ein Staudamm in Zhengzhous Nachbarstadt Luoyang „jederzeit“ brechen könne. Zuvor hatte sich eine 20 Meter lange Bruchstelle gebildet. Eine Militäreinheit sei dabei, stromaufwärts Sprengungen vorzunehmen, um Flutwasser abzulassen und den Druck auf den Staudamm zu verringern. Mehr als 100.000 Bewohner wurden in Notunterkünften einquartiert.

Staats- und Parteichef Xi Jinping nannte die Lage am Mittwoch „sehr ernst“. Mehrere Staudämme und Wasserreservoire seien beschädigt. Das Wichtigste sei nun, die Sicherheit und den Besitz der Bürger zu schützen, sagte Xi und rief die lokalen Verantwortlichen auf, sich „strikt“ an die Vorgaben der Flut- und Nothilfeverordnungen zu halten. Darüber hinaus gab Xi Jinping, der auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte ist, die Anordnung, dass Soldaten bei den Rettungs- und Aufräumarbeiten helfen sollten.

Zahllose Hilferufe im Internet

Es ist ungewöhnlich für China, dass sich der Staats- und Parteichef so schnell und umfassend zu einer Katastrophenlage äußert. In den Staatsmedien wurde ausschließlich über die offiziellen Rettungsarbeiten der Feuerwehr, Sanitäter und Soldaten berichtet, während sich im Internet die Zivilgesellschaft organisierte. Private Helfer und Firmen boten Unterkünfte, Fahrdienste und Nahrungsmittel an. Sie reagierten auf zahllose Hilferufe im Internet von Menschen, die vom Wasser eingeschlossen wurden oder nach Vermissten suchten. Beiträge mit dem Hashtag #Henan-Unwetter-Selbsthilfe wurden mehr als 2,8 Milliarden Mal angesehen. Stark betroffen war auch die Kleinstadt Gongyi vor den Toren Zhengzhous, wo zahlreiche Häuser einstürzten. Mindestens vier Menschen kamen dort ums Leben. In lokalen Medien berichteten Augenzeugen über die beängstigenden Stunden, die sie in der U-Bahn von Zhengzhou verbracht hatten.

Drei Stunden nachdem die U-Bahn stecken geblieben war, sei der Sauerstoff knapp geworden, sagte ein Mann der Zeitung der Kommunistischen Jugendliga. „Viele Leute um mich herum schnappten nach Luft, manche übergaben sich. Es waren auch Kinder dort, schwangere Frauen und alte Leute.“ Die Fahrgäste hätten die Fenster eingeschlagen, damit zumindest Sauerstoff in den Waggon gelangen konnte. Die Zeitung Nanfang Zhoumo interviewte einen Mann, der seiner in der U-Bahn feststeckenden Frau zur Hilfe geeilt war. „Es gab nicht genügend Rettungskräfte“, sagte er. Er habe eine Person auf seinem Rücken aus der Gefahrenzone getragen und erst später gemerkt, dass sie bereits tot gewesen sei.

Zhengzhou liegt unweit des Gelben Flusses und ist ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt in Zentralchina, sodass das Hochwasser den Bahnverkehr in Teilen des Landes lahmlegte. Hochgeschwindigkeitsverbindungen zwischen Wuhan und Peking wurden vorübergehend eingestellt. In Chinas Großstädten kommt es immer wieder zu schweren Überschwemmungen. Die Regierung hat daher 2015 ein Förderprogramm aufgelegt, mit dem in Metropolen Wasserspeicher wie Parks, Grünflächen und Feuchtgebiete ausgebaut sowie Abwassersysteme verbessert werden. Chinesische Stadtplaner haben dafür den Begriff „Schwammstädte“ geprägt, den Xi Jinping aufgegriffen hat.

Tatsächlich gehört Zhengzhou zu den Pilotstädten des Programms. Erst im Juni berichtete das Staatsfernsehen, dass „die Stadt 125 überflutungsgefährdete Stellen eliminiert hat“. Welche Rolle das beim aktuellen Hochwasser spielt, ist nicht bekannt. Mögliche Zusammenhänge zwischen dem Extremwetterereignis und dem Klimawandel spielten in der öffentlichen Debatte am Mittwoch kaum eine Rolle. Über dieses Thema wird in China oft nur von Experten diskutiert, in der Kommunikation der Regierung wird es aber kleingehalten. Xi Jinping spricht lieber über sein eigenes Konzept einer „ökologischen Zivilisation“.

Kritiker nahmen die Überschwemmungen in Henan am Mittwoch auch zum Anlass, um manchen Kommentatoren Heuchelei vorzuwerfen. In den vergangenen Monaten hatten chinesische Medienvertreter und Diplomaten auffällig häufig Katastrophen in anderen Ländern mit der Aussage kommentiert, so etwas könne in China nicht passieren oder würde dort besser gehandhabt. Der Chefredakteur der Parteizeitung Global Times, Hu Xijin, hatte kürzlich geschrieben: „Vom Hochhauseinsturz in Miami bis zur Flut in Deutschland und dem antihumanitären Verhalten während der Pandemie gab es eine Reihe von tiefgreifenden Schocks, die Chinas Wahrnehmung der Regierungsführung im Westen erschüttert haben.“ Zu Deutschland schrieb Hu Xijin, dass das Frühwarnsystem und die Notfallhilfe versagt hätten und er hoffe, „dass manche Verantwortlichen hart bestraft werden. So wäre es in China.“ Die Überschwemmungen in Henan bezeichnete er am Mittwoch hingegen als „unvermeidlich“.

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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