Nach Erdbeben in Haiti

Hilfskonvois überfallen, Ärzte entführt

Von Tjerk Brühwiller, São Paulo
24.08.2021
, 16:05
Menschen entladen humanitäre Hilfe aus einem Hubschrauber der US-Armee auf dem Flughafen in Les Cayes.
Weil kriminelle Banden wichtige Straßen blockieren, kommt auch zehn Tage nach dem Erdbeben die Versorgung im Katastrophengebiet nur schwer in Gang. Hilfsgüter müssen per Hubschrauber transportiert werden.

Die Zahl der Todesopfer in Haiti ist rund zehn Tage nach dem Erdbeben der Stärke 7,2 im Süden des Landes auf mehr als 2200 gestiegen. Viele Familien nutzten das vergangene Wochenende, um ihre verstorbenen Angehörigen beizusetzen. Die Gedenkfeiern waren oftmals improvisiert, da zahlreiche Kirchen durch das Erdbeben zerstört wurden. Weiterhin kämpfen Hilfskräfte damit, die große Zahl der Verletzten zu versorgen und die Obdachlosen unterzubringen. Laut den haitianischen Behörden wurden mehr als 12.000 Personen bei dem Erdbeben verletzt. 30.000 Familien haben ihre Behausungen verloren.

Unterdessen sind mehrere internationale Rettungsteams im Katastrophengebiet eingetroffen und weitere Einsatzkräfte unterwegs, um die überforderten haitianischen Behörden zu unterstützen. Noch immer werden unter den Trümmern weitere Opfer gefunden.

Die Hilfsmaßnahmen werden durch die Bandengewalt im Land stark beeinträchtigt. Ein letzte Woche ausgehandelter „Waffenstillstand“ mit Banden, die wichtige Verbindungsstraßen blockieren, hielt nicht lange. In den vergangenen Tagen wurden Hilfskonvois überfallen und zwei Ärzte entführt. Hilfsgüter müssen per Hubschrauber transportiert werden, um sicher in der Krisenregion anzukommen. Am Wochenende bot der einflussreiche Bandenführer Jimmy „Barbecue“ Chérizier seine Unterstützung an, um einen humanitären Korridor zwischen der Hauptstadt Port-au-Prince und der Krisenregion zu gewährleisten. In der Region selbst kommt es überdies vermehrt zu Streitigkeiten um die knappen Hilfsgüter unter der Bevölkerung. Betroffene fürchten, nicht genügend Nahrungsmittel für sich und ihre Kinder zu finden.

Das Erdbeben hat einen Großteil der Infrastruktur im Süden Haitis beschädigt oder zerstört. Die Stromversorgung, die Verbindungswege, die Telekommunikation und vor allem die Wasserversorgung sind beeinträchtigt. Laut Berichten sind etliche Gemeinden im Katastrophengebiet ohne sauberes Wasser. In der Bevölkerung wachsen Verzweiflung und Wut auf die politische Klasse, der vorgeworfen wird, nach dem Erdbeben 2010 internationale Hilfsgelder in die eigenen Taschen statt in die Infrastruktur des Landes gesteckt zu haben. Hilfsorganisationen befürchten, dass dies die Bereitstellung weiterer Gelder nun beeinträchtigen könnte.

Ein Grund für die Zurückhaltung ist auch die politische Krise, in der sich der Karibikstaat seit längerer Zeit befindet und die mit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli einen weiteren Höhepunkt erreicht hat. Die Gewalttat ist weiterhin nicht aufgeklärt. Haitianische Ermittler untersuchen nun, ob die Ermordung Moïses eventuell im Zusammenhang mit dem Drogenhandel steht. Offenbar soll der Kommandant der Leibgarde des Präsidenten zu den Verdächtigen in einem großen Fall von Menschenhandel zählen. Moïse soll in den Tagen vor seiner Ermordung Freunden erzählt haben, dass man es auf ihn abgesehen habe, wie aus Gesprächen der Nachrichtenagentur Reuters mit mehreren Personen aus dem näheren Umfeld Moïses hervorgeht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Brühwiller, Tjerk
Tjerk Brühwiller
Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
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