Halberstadt

Nach Brandtragödie: Haftantrag gegen Obdachlosen abgelehnt

03.12.2005
, 17:18
Der Schauplatz der Katastrophe
Der Haftantrag gegen einen 55 Jahren alten Obdachlosen in Halberstadt ist vom zuständigen Gericht überraschend abgelehnt worden. Der Mann hatte eingestanden, vor dem Brand, bei dem neun Menschen ums Leben kamen, mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen zu sein.

Der Haftantrag gegen einen 55 Jahren alten Obdachlosen wegen der Brandtragödie in Halberstadt ist vom zuständigen Gericht überraschend abgelehnt worden. Wie ein Polizeisprecher am Samstag nachmittag mitteilte, schließt das Gericht eine technische Ursache für den Brand am Freitag mit neun Toten in einer Obdachlosenunterkunft nicht aus.

Der Tatverdächtige, der ebenfalls in den Containern wohnte, hatte im Polizeiverhör eingestanden, nach einem gemeinsamen Zechgelage in seinem Zimmer mit einer brennenden Zigarette in einem Sessel eingeschlafen zu sein. Er sei dann aufgewacht, als er Flammen in seinem Zimmer bemerkt habe.

Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung

Staatsanwaltschaft und Polizei zufolge könnte die Zigarette Ursache für den verheerenden Brand gewesen sein. Deshalb wird gegen den Mann wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Brandstiftung ermittelt.

Bild: dpa

Bei dem Brand am frühen Freitag morgen waren neun Männer im Alter zwischen 35 und 55 Jahren ums Leben gekommen; die Opfer waren zur Unkenntlichkeit verbrannt. Fünf weitere Menschen erlitten nach Polizeiangaben Rauchvergiftungen, darunter auch der später Festgenommene.

Hinweise auf einen „Brandanschlag von außen“ hatten die Ermittler nicht gefunden. Die Polizeipräsidentin Christiane Marschalk hatte einen Anschlag definitiv ausgeschlossen. Es seien weder Brandbeschleuniger gefunden noch Fremde beobachtet worden, sagte sie.

Ein Bild des Grauens

Es war die schwerste Tragödie dieser Art seit zehn Jahren. Bei den Todesopfern handele es sich um Männer im Alter von von 35 bis 54 Jahren, teilte die Polizei mit. Für die fünf Verletzten besteht keine Lebensgefahr, zwei von ihnen konnten bis zum Abend das Krankenhaus wieder verlassen. In dem Quartier waren zur Zeit der Katastrophe 15 Menschen gemeldet. Sie waren als Dauerbewohner dort untergebracht.

Den Rettungskräften bot sich nach dem Feuerinferno in der Obdachlosenunterkunft in Halberstadt ein Bild des Grauens: Die neun Menschen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt und dermaßen entstellt, daß die Polizei zunächst einen Holzstamm irrtümlich für ein zehntes Opfer hielt. Die Männer hatten offensichtlich keine Chance, dem Flammentod zu entkommen: Blitzschnell müssen sich Qualm und Feuer am Freitag morgen in den 20 Blechcontainern ausgebreitet haben. Die Männer wurden teils im Schlaf überrascht. Manche schafften es noch nicht einmal mehr, vom Tisch aufzustehen. Sie verloren durch den Qualm erst das Bewußtsein und verbrannten dann im Sitzen.

Diskussion über Obdachlosenunterkünfte

Vor dem Hintergrund des Brandunglücks hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe die Zustände in vielen dieser Unterkünfte kritisiert. Ohne die Situation am Brandort in Halberstadt speziell im Blick zu haben, sagte Werena Rosenke, stellvertretende Geschäftsführerin der Organisation mit Sitz in Bielefeld: „Unterkünfte müssen in einem vernünftigen Zustand sein. Das sind sie oft nicht.“ Besonders in kommunalen Wohnungslosen-Quartieren sei es häufig eng. „Sie sind dicht belegt bis überbelegt“, sagte Rosenke. Viele Kommunen stellten gerade im Winter häufig mobile Container auf. „Es wird ganz viel mit Provisorien gearbeitet.“ Es fehlten für diese Art von Unterbringungsmöglichkeiten besondere Brandschutzvorschriften.

Für Altenheime oder Krankenhäuser etwa stellte die Heimaufsicht viel strengere Richtlinien auf. Die Kommunen gingen ihrer Verpflichtung, die Menschen unterzubringen, sehr unterschiedlich nach. Als Faustregel gelte: „Je kleiner die Stadt, desto schlechter die Unterkunft“, sagte Rosenke. Als deutlich günstiger hätten sich nach Einschätzung ihrer Organisation Häuser der freien Träger erwiesen, die die Unterbringung mit therapeutischen und sozialpädagogischen Angeboten verknüpfen. Als Mangel werde immer wieder auch deutlich, daß es in kommunalen Einrichtungen praktisch keine Aufsicht gebe. „Da gibt es höchstens einen Hausmeister“, sagte Rosenke. Der bauliche Zustand sei sehr unterschiedlich. Häufig fehle eine Kochmöglichkeit, so daß die Bewohner zum mitgebrachten Gaskocher griffen. Oft sei jedoch auch der sorglose Umgang der Bewohner mit offenem Feuer Ursache für Brände.

Fünf Verletzte in ärztlicher Behandlung

Die Obdachlosenunterkunft in Halberstadt, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs im östlichen Stadtteil Wehrstedt, bestand aus 16 Containern für 24 Bewohner, die alle miteinander über Flure verbunden waren. Darum habe sich das Feuer auch rasch ausgebreitet und sämtliche Container in Mitleidenschaft gezogen, hieß es. In den Containern waren zuletzt 16 alleinstehende Obdachlose aus Halberstadt untergebracht, wie die Sprecherin der Stadt, Ute Huch, mitteilte. Es handelte sich fast ausschließlich um Männer, aber auch eine Frau wohnte dort. Sie sei offensichtlich nicht unter den Toten, sagte Polizeisprecher Timpe.

„Erschütternde Tragödie“

Das Feuer war laut Polizei um 5.34 Uhr von Nachbarn gemeldet worden. Nach Angaben der Stadtsprecherin Huch hatte der Hausmeister und Betreuer der städtischen Obdachlosenunterkunft den Brand entdeckt. Innenminister Klaus Jeziorsky (CDU) und Oberbürgermeister Harald Hausmann informierten sich am Freitag morgen vor Ort über das Brandunglück. Jeziorsky sprach von einer erschütternden Tragödie.

In Deutschland leben derzeit nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft rund 345.000 Wohnungslose. 144.000 davon sind Alleinstehende, 148.000 haben Partner oder Kinder. 53.000 sind deutschstämmige Aussiedler, die in Übergangsquartieren untergebracht sind.

Bei Bränden in Obdachlosenheimen sind in den vergangenen Jahren immer wieder Menschen ums Leben gekommen. Oft wurde das Feuer erst spät gemeldet, weil Rauchmelder fehlten. Einige Fälle:

Dezember 1999: In der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag sterben in einem Obdachlosenheim in Bad Freienwalde (Brandenburg) eine 46 Jahre alte Frau und ein 50 Jahre alter Mann. Ein Adventsgesteck in ihrem Zimmer hatte sich entzündet. Der Raum brannte komplett aus.

Februar 1999: Bei einem Feuer in einem Heim im brandenburgischen Pätz werden zwei Menschen getötet. Zehn weitere werden verletzt, fünf davon schwer. Das Haus brennt zu großen Teilen aus. Wegen persönlicher Differenzen mit dem Betreiber hatten vier junge Männer Molotow-Cocktails gegen das Haus geschleudert.

August 1998: Fünf Männer im Alter von 64 bis 69 Jahren sterben bei einem Brand in einem Heim bei Altshausen (Baden-Württemberg). 18 Personen werden teilweise schwer verletzt. Brandstiftung von außerhalb wird ausgeschlossen. Im Haus gab es keine Rauchmelder.

November 1995: Bei einem Feuer in einer städtischen Unterkunft in Detmold (Nordrhein-Westfalen) kommen neun Menschen ums Leben. Elf Personen erleiden meist schwere Verletzungen. Als Brandursache wird eine glimmende Zigarette vermutet, die eine Matratze entzündet hatte.

Juni 1993: In einem Heim in Siegburg bei Bonn sterben bei einem Brand sechs Menschen. Sieben Personen werden verletzt. Möglicherweise war ein Mann mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
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