Hurrikan Ida in den USA

Ertrunken im Keller

Von Roland Lindner, New York
03.09.2021
, 17:32
 USA, Philadelphia: Zwei Menschen betrachten eine durch den Hurrikan Ida überschwemmte Straße.
Mindestens 45 Menschen starben durch die Unwetterfluten in den USA. Die betroffenen Bundesstaaten kämpfen nun mit den Folgen. Präsident Biden reist nach New Orleans.

Am Morgen nach dem tödlichsten Unwetter seit dem Hurrikan Sandy 2012 schien in New York schon wieder die Sonne. Und für viele Menschen in der Stadt war es noch immer schwer zu fassen, was in der Nacht zuvor passiert war. Bürgermeister Bill de Blasio gab zu, die Wucht der Ausläufer des Hurrikans Ida vollkommen unterschätzt zu haben. Wettervorhersagen von Experten hätten sich innerhalb von Minuten als Hohn herausgestellt. Die erst seit Kurzem amtierende Gouverneurin Kathy Hochul sagte: „Wir wussten nicht, dass sich buchstäblich die Schleusen des Himmels öffnen und wie die Niagarafälle Wasser auf die New Yorker Straßen bringen würden.“ Die Stadt müsse von nun an besser vorbereitet sein.

Ida hat New York und angrenzende Regionen überrumpelt. Drei Tage nachdem der Sturm im südlichen Bundesstaat Louisiana als Hurrikan das amerikanische Festland erreicht hatte, kam er im Nordosten des Landes an, schwächer, aber dafür tödlicher. Mindestens 45 Todesopfer wurden bisher gezählt, in Louisiana sind es zwölf. Allein in New York sind 13 Menschen gestorben, die meisten von ihnen in überfluteten Kellerwohnungen in den Stadtteilen Queens und Brooklyn. Es wird spekuliert, dass es sich dabei um Apartments ohne ausreichende Fluchtwege und andere Sicherheitsstandards handelt, die in New York weit verbreitet sind und in denen oft Einwanderer leben. Im benachbarten New Jersey starben mindestens 23 Menschen. Gouverneur Phil Murphy sagte, die meisten von ihnen seien in ihren Autos von den Fluten mitgerissen worden.

Wetterdienste hatten gewarnt

New York hat Regenfälle in dieser Intensität noch nie erlebt. Innerhalb einer einzigen Stunde am Mittwochabend fielen im Central Park 80 Millimeter Regen. Das war mit Abstand ein neuer Rekord, die bisherige Höchstmarke wurde erst vor wenigen Wochen aufgestellt, als der Tropensturm Henri 50 Millimeter brachte. Auch wenn sich die lokalen Politiker überrascht zeigten, kam das Unwetter nicht aus dem Nirgendwo. Wetterdienste hatten schon am Dienstag auf möglicherweise erhebliche Flutgefahr hingewiesen. Anders als damals beim Hurrikan Sandy gab es dieses Mal keine Evakuierungsanweisungen.

Die Lage spitzte sich im Laufe des Mittwochabends schnell zu. Der Nationale Wetterdienst rief zum ersten Mal überhaupt einen Sturzflutnotstand für die Stadt aus, New Yorker bekamen wiederholt Alarmbenachrichtigungen, in denen das Unwetter als „ernsthafte Bedrohung für Menschenleben“ bezeichnet wurde. Auf den Straßen staute sich der Regen und machte Busse zu Amphibienfahrzeugen, Wassermassen stürzten in U-Bahn-Stationen. U-Bahnen saßen fest, Passagiere mussten aus mehr als einem Dutzend gestrandeter Züge befreit werden. „Das New Yorker U-Bahn-System ist kein U-Boot“, sagte Janno Lieber, der Chef der Verkehrsbehörde MTA, dem Fernsehsender CNN.

US Open-Turnier abgebrochen, Cafés überflutet

Beim Tennisturnier US Open in Queens musste ein Spiel in einem eigentlich überdachten Stadion abgebrochen werden, weil es von der Seite hineinstürmte und -regnete. Zuschauer saßen fest, weil U-Bahnen nicht mehr fuhren und Straßen um die Tennisanlage gesperrt waren. Die deutsche Tennisspielerin Angelique Kerber, die eigentlich am Mittwochabend im Einsatz sein sollte, musste im Fitnessstudio des Arthur-Ashe-Stadions übernachten, wie sie auf Instagram schrieb.

Etliche Restaurants in der Stadt wurden überflutet. Im Yafa Café in Brooklyn stand das Wasser kniehoch, die Betreiber sagten, es werde vermutlich einige Zeit geschlossen bleiben, und sie richteten auf der Online-Plattform GoFundMe eine Spendenseite ein. Essenslieferdienste blieben aber offenbar weiter verfügbar. Auf Twitter verbreitete sich ein Video eines Mannes, der sein Fahrrad und eine Tüte, in der offenbar eine Essensbestellung war, durch Wassermassen in Brooklyn schob.

Der Sturm verzog sich zwar schnell, aber die Folgen waren auch noch am Donnerstag bei strahlendem Sonnenschein überall zu sehen. Ein Baseballstadion in New Jersey stand noch immer unter Wasser. Auf vielen Straßen waren liegengebliebene Autos ohne Fahrer zu sehen, allein in New York wurden 500 Fahrzeuge abgeschleppt.

Stürme dieser Art „kein Zufall“

Eric Adams, der Kandidat der Demokratischen Partei für die Bürgermeisterwahl im November und voraussichtliche Nachfolger von Bill de Blasio, sagte, einen solchen Sturm habe er noch nie erlebt. Üblicherweise gebe es nach heftigen Regenfällen nur in Gegenden Überschwemmungen, die nahe am Wasser liegen, diesmal habe es aber auch ganz andere Viertel getroffen. Viele Politiker brachten das Unwetter mit dem Klimawandel in Verbindung. „Die plötzliche Brutalität dieser Stürme ist kein Zufall“, sagte de Blasio.

Gouverneurin Hochul meinte, wenn es innerhalb solch kurzer Zeit zwei Rekordregenfälle gebe, lege das den Schluss nahe, dass es sich hierbei mittlerweile um vorhersehbare Ereignisse handele. Der amerikanische Präsident Joe Biden twitterte, die Fluten in New York und andere Naturkatastrophen aus der jüngsten Zeit seien eine Erinnerung daran, dass die Klimakrise angekommen sei. Biden wollte am Freitag nach Louisiana reisen, um sich ein Bild von den Zerstörungen nach dem Hurrikan zu machen. Hier haben noch immer mehr als 850.000 Haushalte keinen Strom.

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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