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Ausstellung „Meisterwerk 2018“

Ist das Koons, oder kann das weg?

Von Anna-Sophia Lang
 - 14:36

Stellen Sie sich vor, Sie gehen eines Tages ins Museum, und Ihr Besuch endet damit, dass Ihnen ein fast drei Millionen Dollar teurer Jeff Koons unter den Händen zerplatzt. Können Sie nicht? Kein Wunder. Es klingt ja auch schaurig und, abgesehen davon, vollkommen abwegig. Wer wäre schon so verrückt, einen Koons anzufassen? Wenn er überhaupt so nah rankäme.

Am Sonntag vor einer Woche ist genau das einem Mann in Amsterdam passiert. 25.000 Besucher lang war alles gutgegangen bei der Ausstellung „Meisterwerk 2018“ im Museum Nieuwe Kerk. Erst am letzten Tag ging doch noch alles schief. Nach einem Konzert im Museum schaute sich ein Mann das Werk Koons’ an, das seit Mitte Februar in der Nieuwe Kerk zu sehen war. „Gazing Ball (Perugino Madonna und Kind mit vier Heiligen)“ besteht aus einer Kopie eines Altarbildes des italienischen Renaissancekünstlers Pietro Perugino, vor das Koons eine blaue Glaskugel montiert hat. Wer vor dem Werk steht, wird in der Kugel reflektiert und ist damit selbst Teil der Kunst. So die Idee. Vielleicht nahm sich der Mann das zu sehr zu Herzen, den Koonsschen Appell sozusagen, jedenfalls trat er so nah heran, dass er die Kugel berührte – die daraufhin zerplatzte.

Seinen Schock kann man sich vorstellen. Er sei ganz schön bestürzt gewesen, sagt ein Sprecher des Museums, und habe sofort umfassend kooperiert. Von vorsätzlichem Verhalten geht das Museum daher nicht aus. Das ist wichtig für die Ermittlungen der Versicherung. In Absprache mit Koons hatte das Museum das Werk nicht mit einem Band umzäunt, sondern permanent einen Wächter danebengestellt. Der konnte wohl nicht schnell genug reagieren. Was weiter passiert, kann noch niemand einschätzen. Muss der Mann womöglich bezahlen? Der Kunstversicherungsexperte Eric Wolzenburg von der Allianz sagt: „Das kommt auf die Versicherungsbedingungen an.“ Also zunächst darauf, über wen das Werk in der Ausstellung überhaupt versichert war. Übers Museum? Den Künstler? Jemand Drittes? War es das Museum, ist die Frage, ob in der Versicherung ein sogenannter Regressverzicht enthalten ist für Fälle, in denen Besucher Kunstwerke beschädigen. Wäre dem so, käme der Besucher ungeschoren davon. So unüblich, sagt Wolzenburg, seien solche Vereinbarungen nicht.

Zurzeit sind Vertreter von Koons noch damit beschäftigt, den Schaden einzuschätzen. Am Ende muss die Versicherung entscheiden, ob sie Ansprüche gegen den Mann erhebt. Man hofft für ihn, dass es nicht so ist, und wenn doch, dass er gut versichert ist: Koons gilt als einer der teuersten lebenden Künstler der Welt, seine Skulptur „Balloon Dog“ wurde 2013 für 58 Millionen Dollar verkauft, rund 47 Millionen Euro. Seine „Gazing Ball“-Gemälde, in den vergangenen Jahren hat er mehrere Dutzend davon gemacht, verkauften Galerien für zweieinhalb bis drei Millionen Dollar.

Damit verglichen, war das Gemälde, in das ein Junge vor drei Jahren in der taiwanischen Hauptstadt Taipeh stürzte, noch günstig. Auf 1,3 Millionen Euro wurde „Stillleben von Blumen“ des italienischen Barockkünstlers Paolo Porpora geschätzt. Ein Zwölfjähriger stolperte im Vorbeigehen und schlug mit der Hand einen Riss in die 350 Jahre alte Leinwand. Die Liste solcher Missgeschicke ist ewig lang – das berühmteste Beispiel aus Deutschland stammt sicher aus den achtziger Jahren: Ein Hausmeister der Düsseldorfer Kunstakademie entfernte die „Fettecke“ von Joseph Beuys neun Monate nach dessen Tod von der Wand und warf die Reste in einen Abfalleimer. 40.000 Mark Schadensersatz musste das Land Nordrhein-Westfalen zahlen. Schon mehr als zehn Jahre davor hatte ein SPD-Ortsverein eine von Beuys mit Fett, Filz und Pflaster bearbeitete Badewanne kurzerhand zum Spülbecken umfunktioniert, um darin Geschirr zu waschen. 2011 traf es Martin Kippenbergers Installation „Wenn’s anfängt durch die Decke zu tropfen“: Eine Putzkraft schrubbte im Dortmunder Museum Ostwall den Belag von einem Gummitrog herunter, der einen Teil des Werks bildete. Versicherungswert: 800.000 Euro.

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Der jüngste Fall, der in Deutschland großes Aufsehen erregte, ereignete sich im Sommer 2016. Eine Seniorin füllte ein Kreuzworträtsel-Kunstwerk im Neuen Museum Nürnberg aus, weil sie den Satz „Insert words“ am oberen Bildrand offenbar als Aufforderung interpretiert hatte. „Ich war der festen Überzeugung, dass das im Sinne des Künstlers ist“, gab sie in der „Süddeutschen Zeitung“ zu Protokoll. Ihr Anwalt argumentierte sogar, das Werk habe durch die öffentliche Aufmerksamkeit eine Wertsteigerung erfahren und seine Mandantin dadurch ein Urheberrecht erworben. Die Ermittlungen wegen „gemeinschädlicher Sachbeschädigung“ wurden einige Monate später wegen geringer Schuld eingestellt, und das Kunstwerk wurde mit Hilfe von Lösungsmitteln in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt.

Bis es im Amsterdamer Fall um Jeff Koons so weit ist, wird der Besucher wohl noch ein bisschen zittern müssen. Glück im Unglück, wenn man so will, ist es jedenfalls, dass der Künstler Koons heißt und nicht Rembrandt oder van Gogh: Er lebt noch. Denn Koons hätte die Chance, die zerbrochene Glaskugel zu ersetzen. „Dann könnte ich mir vorstellen, dass der entstandene Schaden nicht übermäßig groß ist“, sagt Versicherungsmann Wolzenburg. Und: „Koons könnte den Kern der kreativen Idee wiederherstellen. Das wäre perfekt.“ Die Möglichkeit dazu hätte er wohl – zumindest theoretisch: In seiner Heimat Pennsylvania, erzählte er der niederländischen Zeitung „NRC Handelsblad“, gebe es die Glaskugeln in jedem Gartencenter zu kaufen. Die Kugeln für seine „Gazing Ball“-Gemälde allerdings sind extra für ihn mundgeblasene Originale. Koons, so berichtete der „Guardian“ 2015, habe 350 Kugeln in Auftrag gegeben und sich die schönsten ausgesucht.

In der Selbstbeschreibung der Nieuwe Kerk heißt es übrigens über die Ausstellung: „In der Serie glänzen Kunstwerke, die so besonders sind, dass sie fast nie ausgeliehen werden.“ Sie seien nämlich zu verletzlich. Wie Jeff Koons reagierte, als er von dem Vorfall hörte, bleibt wohl ein Geheimnis. Das Kunstwerk ist inzwischen wieder auf dem Weg zurück zu ihm – samt Scherben.

Quelle: F.A.S.
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