Hochwasser in Pakistan

Es bleiben nur Ruinen

Von Till Fähnders, Bahrain
09.09.2022
, 21:33
„Für uns ist die Welt zusammengebrochen“: Flutopfer in einem zerstörten Gebäude in Bahrain im Swat-Tal
Die verheerende Flutkatastrophe in Pakistan hat die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen zerstört. Im Swat-Tal kämpfen sie nun mit den Folgen. Den Betroffenen bleibt fast nichts mehr.

Der Erdboden vibrierte, als die Sturzflut kam. Der Strom zog riesige Steine über das Flussbett. Ein ohrenbetäubendes Brausen lag in der Luft, als würde der gesamte Berg einstürzen. Nur eine halbe Stunde vorher waren die Menschen weinend und schreiend vom Fluss weg in die höher gelegenen Wohngebiete gerannt. Darunter waren auch Saeedullah, seine Söhne und ihre Fa­milie. Sein Haus war binnen Minuten zerstört.

Nun steht er vor der Ruine und ringt sich ein schmales Lächeln ab. Schon im Jahr 2010 habe er ein Haus in der Flut verloren, berichtet er. „Man kann so ein Haus nicht einfach neu bauen, wir hatten es in den zehn Jahren seit damals geschafft. Aber nun wurde es in nur einer Nacht weggerissen. Jetzt sind wir obdachlos“, sagt der 56 Jahre alte frühere Grundschullehrer.

„Man hatte uns da­mals gesagt, so eine Flut komme nur alle 100 Jahre vor“

Es sieht aus, als habe ein Erdbeben das Haus durchgeschüttelt. Eine komplette Wand hängt vom Obergeschoss herab. Ein Badezimmer steht offen, die Armaturen sind noch dran. Teppichfetzen sind zu se­hen und paar persönliche Gegenstände, die im Geröll begraben liegen.

Die Familie hatte nur die Schuhe und die Kleidung, die sie am Leib trug, retten können. Für den Wiederaufbau fehlt nun das Geld. Drei von vier Söhnen studieren. Sohn Saifuddin ist angehender Elektroingenieur. Er sagt, der Klimawandel müsse hinter dieser Jahrhundertflut stecken, die nur zwölf Jahre nach der letzten gekommen ist. Zuvor habe es zwei Tage und Nächte ununterbrochen ge­regnet. Das Flusswasser änderte seine Farbe, wurde dunkler, erdiger und fing an zu stinken. „Wir dachten, dass es nicht normal ist, es wird eine Flut geben“, berichtet der Vater.

Junge Menschen in einer improvisierten Gondel über dem Swat-Fluss. Anders lässt sich dieser akut nicht überqueren.
Junge Menschen in einer improvisierten Gondel über dem Swat-Fluss. Anders lässt sich dieser akut nicht überqueren. Bild: Foto Till Fähnders

Die Menschen hier leben mit Überschwemmungen und Sturzfluten seit Jahrhunderten. Aber sie waren früher trotzdem ein seltenes Ereignis. „Man hatte uns da­mals gesagt, so eine Flut komme nur alle 100 Jahre vor“, sagt der Sohn über die Entscheidung, trotz der Flut im Jahr 2010 am Ufer des Daral noch einmal zu bauen. Außerdem habe die Familie kaum eine an­dere Wahl gehabt. „Wir haben nur dieses eine Stück Land.“ Die Familie lebt in dem Dorf Jheel im Swat-Tal.

Wie ein Drittel des gesamten Landes ist auch diese Region Ende August von verheerenden Fluten heimgesucht worden. Mittlerweile steht laut Regierung ein Drittel des Landes unter Wasser. 1391 Tote, 33 Millionen Betroffene, mehr als eine halbe Million Obdachlose zählt die Regierung mittlerweile. Dazu ge­hören auch die Flutopfer aus Jheel, die erst in einer Schule schliefen und nun bei Verwandten leben.

Kein sauberes Trinkwasser, hohe Lebensmittelpreise

Hungern müssen die Menschen hier nicht, aber es gibt Dörfer etwas weiter in den Bergen, die von der Außenwelt ab­geschnitten sind und per Hubschrauber versorgt werden. Und die Lebensmittelpreise sind nun noch höher als sowieso schon. Es fehlt sauberes Trinkwasser, viele Menschen leiden an Durchfall.

Hier im Swat-Tal zeigt sich Pakistan sonst eigentlich von seiner schönsten Seite. Wegen des beeindruckenden Panoramas mit grün be­wachsenen Bergen wird es auch als „Pakistans Schweiz“ bezeichnet. Größere Be­kanntheit hat es erlangt, weil die pakis­tanische Friedensnobelpreisträgerin Malala aus diesem Gebiet stammt. Vor 2009 hatten die Taliban das Tal eine Zeit lang unter Kontrolle gehabt. „Wenigstens gibt es jetzt niemanden, der uns er­schießt“, sagt Zubair Torwali, ein Autor, der in dem Ort Bahrain etwas unterhalb von Jheel lebt.

Der Hotelier Syed Ali Shah. Dass Touristen in absehbarer Zeit wieder ins Land kommen, ist sehr unwahrscheinlich.
Der Hotelier Syed Ali Shah. Dass Touristen in absehbarer Zeit wieder ins Land kommen, ist sehr unwahrscheinlich. Bild: Foto Till Fähnders

In dem Ort fließt der Daral in den Swat-Fluss. Die Geographie wurde dem Ort zum Verhängnis. Denn dort, wo die Wasserläufe zusammenfließen, stieg das Wasser mit der Sturzflut plötzlich mehrere Meter hoch an. Tonnenweise Schlamm, Geröll und Baumstämme hatte es mit sich gezogen. Die Gebäude am Flussufer sehen nun aus, als habe ein Tsunami sie getroffen.

Ein ganzer Straßenzug hat sich in eine Ruinenstadt verwandelt. Der Hotelier Syed Ali Shah steht in den Überresten dessen, was bis zur Flut sein Lebensinhalt war. Das Grace Hotel, 36 Zimmer, gehörte zu den gehobeneren Gasthäusern an der Touristenmeile von Bahrain. „Für uns ist die Welt zusammengebrochen“, sagt Shah.

Unterstützung der Regierung reicht nicht aus

Der Schlamm füllt nicht nur das Erd­geschoss, sondern auch den ersten Stock auf gut eineinhalb Meter. Im ehemaligen Hotelrestaurant im ersten Stock tritt sich unter Shahs Füßen nun eine dicke Erdschicht fest, in der auch irgendwo die Stühle und Tische feststecken. Obenauf liegen ein paar Kühlschränke, der Tresen, der hochgerissen worden war, und ein halber Baumstamm. Das Geschäft hatte gerade erst wieder an Fahrt aufgenommen, nach zwei Jahren Corona-Flaute. „Jetzt ist es auf null“, sagt Shah.

Die Regierung habe zwar 200.000 Pakistanische Rupien (875 Euro) Entschädigung für ein zerstörtes Haus versprochen, aber das reiche gerade einmal, um den Schlamm aus dem Gebäude holen zu lassen. Und niemand wisse, wann das Geld ausgezahlt wird.

Die einstigen Häuser am Swat-Fluss: Nun teils irreparable Ruinen.
Die einstigen Häuser am Swat-Fluss: Nun teils irreparable Ruinen. Bild: Foto Till Fähnders

Die Reihe von Hotels am Flussufer spricht dafür, dass die Gegend bei Touristen beliebt ist. Doch nun wird kritisiert, sie seien viel zu nah am Ufer gebaut worden. Anwohner sagen, es gebe Vorschriften, die ignoriert worden seien. Insgesamt sind am Ufer 80 bis 100 Geschäfte zerstört, die An­wohner haben ihre Lebensgrundlage verloren. Der Händler Mohammed Amin hält etwas weiter die Straße hinab Säcke ge­trockneter Nüsse in das reißende Flusswasser, um den Dreck abzuspülen. Es ist ein sinnloses Unterfangen, wie er selbst zugibt. Verkaufen lassen sich die Waren nicht mehr.

Aber die Säcke mit getrockneten Wal­nüssen und Mandeln sind das Einzige, was von seinem Geschäft noch übrig ge­blieben ist. Er habe zwei Läden verloren, 270.000 Rupien (1200 Euro) an Waren, zeigt sich aber dennoch tapfer. „Ich hatte keine Angst, es kommt vom allmächtigen Allah, gute Dinge werden geschehen“, sagt Amin.

Doch niemand rechnet damit, dass die Touristen bald wiederkommen werden. Ne­ben den Hotelruinen hat der Fluss auch eine Brücke komplett weggespült. Um überhaupt über den reißenden Fluss zu ge­langen, müssen die Menschen ihren Mut zusammennehmen. Sie besteigen einen of­fenen Käfig mit zwei Bänken, der von ein paar starken Männern an einem Drahtseil über das tosende Wasser gezogen wird.

Medikamente, Lebensmittel und sauberes Wasser sind knapp.
Medikamente, Lebensmittel und sauberes Wasser sind knapp. Bild: Foto Till Fähnders

Die jungen Männer feixen nervös, wenn sie so über dem Fluss hängen, eine Frau mit Ge­sichtsschleier stößt ein lautes Wimmern aus. Das Seil für diese Notbrücke hat ein unerschrockener Freiwilliger namens Nisar gespannt. Anwohner zeigen ein Video, wie er in waghalsiger Akrobatik über dem to­senden Fluss hängt. Seit dem Unfall in einer Kohlemine ist er arbeitsunfähig. Aber nun nennen sie ihn alle den mutigsten Mann von Bahrain.

Die Katastrophe hat mit dem Klima­wandel zu tun, aber es wurden auch Wälder abgeholzt, Dämme gebaut und nicht ausreichend gesichert. Zahir Shah steht in der Küche seines zerstörten Hauses, neben zwei verschlammten Sesseln. Im Wohnzimmer nebenan sind ein paar Nachbarsjungen damit beschäftigt, den Schlamm auf eine Schubkarre zu schaufeln und aus dem Haus zu bringen.

Der 60 Jahre alte Pensionär hat einst für die nationale Forst­behörde gearbeitet. Er führt einen Teil der Katas­trophe auf die Ziegenbauern zurück, die ­Bäume gefällt und den Boden mit ihren Herden weichgemacht hätten. Am Oberlauf habe zudem ein Staatsunternehmen ein Wasserwerk gebaut. „Das hat die Um­welt beeinflusst.“ Der Fluss ha­be keinen natürlichen Weg gefunden und schließlich den Staudamm überflutet. „Aber ich liebe den Fluss trotzdem weiter“, sagt Shah. „Er bringt so viel: Er liefert Strom, Wasser, und er kühlt bei heißem Wetter.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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