Nach der Flut in Ahrweiler

Taufe im Kloster

Von Tobias Schrörs
27.09.2021
, 14:55
Ein Stück Normalität: Vater Klees während der Taufe mit Sohn
Zwei Monate nach der Flutkatastrophe im Westen der Republik kann Familie Klees aus Ahrweiler endlich ihren Sohn taufen. Ein Fest unter Ausnahmebedingungen.

Für die Taufe seines Sohnes musste Josef Klees sich erst mal Schuhe besorgen, die alten waren nach der Flut weg. „Meine Anzugschuhe waren im Erdgeschoss gelagert, die gibt es nicht mehr.“ Er trug hellblaue Sneaker. „Die passen so gar nicht zum Anzug – aber was soll ich machen?“ Die Schuhe hatte seine Frau in einem Verteilzentrum in Gelsdorf gefunden. Da fährt Familie Klees ab und zu hin, um sich mit Dingen auszustatten, die auch mehr als zehn Wochen nach dem Hochwasser immer noch fehlen. Der Täufling trug an seinem großen Tag über dem Body eine blaue Weste mit Fliege.

Es war schon das dritte „Tauf-Outfit“. Aus dem ersten wuchs er heraus, weil der ursprüngliche Tauftermin wegen der Pandemie verschoben werden musste. Das zweite lag in der Flutnacht zum Waschen im Keller und ist mit Schlamm überzogen. So wie die Laurentiuskirche in Ahrweiler, in der die Taufe hätte stattfinden sollen. Dort gibt es ein Fresko, das seltsam anzusehen ist. Es zeigt die Taufe Jesu, allerdings nicht im Jordan, sondern in der Ahr. Ausgerechnet in dem Fluss, der nun so viel Unheil brachte. Weil in der Kirche noch keine Gottesdienste gefeiert werden können, wurde Josef Klees Sohn in einem alten Kloster in der Stadt getauft.

Auf dem Weg dorthin gingen Klees tausend Gedanken durch den Kopf. Was hätte man noch alles besser organisieren können? „Es ist ja alles – wie sagt man hier so schön – in Umständen. Es ist ja nicht so wie im eigenen Zuhause.“ In der Übergangswohnung im fünf Kilometer entfernten Karweiler sei nichts an seiner Stelle. Außerdem gibt es weniger Platz, jetzt, wo die junge Familie mit zwei Kindern sich mit den Schwiegereltern eine Wohnung und damit auch ein Badezimmer teilt, in dem sich vor so einer Taufe jeder herrichten muss.

„Ein Stück Normalität“

Trotzdem: Die Taufe war für die Eltern wunderschön. Pfarrer Jörg Meyrer empfing sie an den Stufen zum Kloster, und auch ein Kind der früheren Nachbarn aus Ahrweiler wurde getauft. „Das war mal ein Stück Normalität“, sagt Klees’ Frau. Das Fest feierten sie im Garten der Familie, die ihnen für den Übergang großzügig eine Wohnung vermietet. In anderen Zeiten wären sie in ein Restaurant in Ahrweiler gegangen, doch auch das ist von der Flut betroffen. „Also feierten wir ganz klein und entspannt mit unseren Familien und mit unserer Flutfamilie.“

Die „Flutfamilie“ sind die Leute, die den Klees und anderen eine Wohnung anboten. Insgesamt ein Dutzend Personen lebte zeitweise zusätzlich in der früheren Hofanlage, jetzt sind noch acht davon da. Zur Tauffeier kamen noch einmal alle zusammen. Und der Gastgeber wurde Taufpate.

Eigentlich sollte der ein Jahr alte Sohn bald mit der Kita-Eingewöhnung anfangen. Doch daraus wird nichts. Auch das ist eine Folge des Hochwassers. Klees’ Frau wird darum nicht wieder arbeiten gehen im Oktober. Sie ist Biologin und arbeitet bei einem Biotechnologieunternehmen. Er ist Flugleiter auf einem Flugplatz. Beide sind noch in Elternzeit. Das Jugendamt hat angeboten, den Verdienstausfall der Mutter zu erstatten, weil an eine Kita-Eingewöhnung in der gegenwärtigen Lage nicht zu denken sei. Unter Dach und Fach ist das aber noch nicht.

Die große Schwester geht in einen Notkindergarten in Karweiler, diese Not­lösung war zunächst bis Ende September angesetzt. Ihre alte Kita ist jetzt übergangsweise in den Räumlichkeiten jenes Klosterkomplexes gezogen, in dem auch die Taufe stattfand. Die Familie hat noch nicht erfahren, wann die Tochter dorthin kann, aber es gibt einen Platz für sie.

In regelmäßigen Abständen berichtet ­Familie Klees aus Ahrweiler hier darüber, wie sie die Flutkatastrophe bewältigt. Vor welchen Herausforderungen Sie bei der Sanierung Ihres Hauses steht, können Sie hier nachlesen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schrörs, Tobias
Tobias Schrörs
Politikredakteur.
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