Umweltkatastrophe in der Oder

Polen schließt Quecksilber als Ursache für Fischsterben aus

13.08.2022
, 21:12
Viele tote Fische treiben im Wasser des deutsch-polnischen Grenzflusses Oder.
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Die Zusammenarbeit mit Polen habe anfangs nicht reibungslos funktioniert, gesteht Umweltministerin Lemke ein. Politiker fürchten, dass die Umweltkatastrophe sich bis auf die Ostsee ausweitet. Laboranalysen weisen auf eine große Menge im Wasser gelöster Salze hin.

Erhöhte Quecksilberwerte sind nach Angaben der polnischen Regierung nicht die Ursache für das Fischsterben in der Oder. Dies hätten die ersten toxikologischen Untersuchungsergebnisse von Proben toter Fische ergeben, schrieb Polens Umweltministerin Anna Moskwa am Samstag auf Twitter. „Das staatliche Veterinärinstitut hat sieben Arten getestet. Es hat Quecksilber als Ursache für das Fischsterben ausgeschlossen.“ Man warte nun auf die Ergebnisse von Untersuchungen auf andere Schadstoffe. Polnische Behörden hatten nach Regierungsangaben bereits Ende Juli erste Hinweise darauf bekommen, dass in dem Fluss massenweise verendete Fische treiben.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) gestand am Samstagabend in Frankfurt (Oder) diesbezüglich Fehler in der Zusammenarbeit mit Polen ein. Die Grünen-Politikerin strebt nun eine bessere Koordinierung an. „Die Frage der deutsch-polnischen Zusammenarbeit hat an dieser Stelle ganz offensichtlich nicht funktioniert (...), sonst hätten wir früher Informationen erhalten, zumindest das Land Brandenburg oder auch die Anrainerkommunen“, sagte Lemke. Dort hatten Helfer viele tote Fische vom Ufer eingesammelt.

„Tatsächlich wissen wir, dass diese Meldekette, die für solche Fälle vorgesehen ist, nicht funktioniert hat“, hatte ein Sprecher des Umweltministeriums zuvor gesagt. Brandenburg hatte ebenfalls offen kritisiert, es sei von polnischen Behörden nicht informiert worden.

Lemke sagte bei ihrem Besuch, mit ihrer polnischen Amtskollegin Anna Moskwa habe sie bereits am Freitag in einem ersten Gespräch dazu vereinbart, dass es eine gemeinsame Expertenbewertung der Situation und einen Austausch der Analyseergebnisse geben solle. Laut dem ZDF wird sich die Bundesumweltministerin am Sonntagabend mit Moskwa treffen.

Die Ursache des Fischsterbens ist noch ungeklärt. Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Axel Vogel (Grüne) weist die Oder „sehr stark erhöhte Salzfrachten“ auf. Polens Regierung vermutet, dass der Fluss mit Chemie-Abfällen vergiftet wurde. Die polnische Polizei hat eine Belohnung von umgerechnet 210.000 Euro für die Aufklärung ausgesetzt.

Gewässerproben in Vorbereitung

Die Umweltkatastrophe zieht unterdessen immer weitere Kreise. Das Umweltministerium in Mecklenburg-Vorpommern rechnet mit Auswirkungen des Fischsterbens in der Oder auf das Stettiner Haff. Es sei damit zu rechnen, dass die Belastungen die Odermündung nahe Stettin (Polen) abhängig von Wind- und Strömungsverhältnissen bereits am Abend erreichen, schrieb das Ministerium in einer Mitteilung am späten Freitagabend. Im Verlauf des Samstags könnte dann auch der vorpommersche Teil des Stettiner Haffs betroffen sein.

Das Ministerium von Till Backhaus (SPD) rief daher die Anlieger vorsorglich dazu auf, auf das Fischen in und die Wasserentnahme – unabhängig von der Nutzung – aus dem Gewässer zu verzichten. Die zuständigen Behörden in Mecklenburg-Vorpommern bereiten demnach aktuell Gewässer- und Fischproben vor.

Die Untersuchungen zur Aufklärung des Fischsterbens dauern an. Bisherige Laboranalysen brachten noch keinen genauen Aufschluss über die Belastung des Wassers und die Ursachen. Umweltpolitiker und Naturschützer bewerteten das Fischsterben als Umweltkatastrophe.

„Sehr stark erhöhte Salzfrachten“

Nach Angaben von Brandenburgs Umweltminister Vogel weist die Oder „sehr stark erhöhte Salzfrachten“ auf. Das sei „absolut atypisch“, sagte der Grünen-Politiker am Freitagabend im RBB-Fernsehen vor der Veröffentlichung der Probenergebnisse aus Polen. Vogels Ministerium erklärte, die gemessenen Salzfrachten könnten im Zusammenhang mit dem Fischsterben stehen. „Nach jetzigen Erkenntnissen wird es jedoch nicht ein einziger Faktor sein, der das Fischsterben in der Oder verursacht hat“, hieß es in einer Mitteilung. Der Begriff Salzfrachten bezeichnet im Wasser gelöste Salze. Es handele sich um erste weitere Ergebnisse des Landeslabors Berlin-Brandenburg zu den Tagesproben, die bis zum Freitag an der automatischen Messstation in Frankfurt (Oder) entnommen wurden, erläuterte das Ministerium am Abend.

Die Ergebnisse seien „noch nicht voll aussagefähig und nicht abschließend“. Weitere Untersuchungsdaten „insbesondere zu Schwermetallen, Quecksilber (in weiteren Proben) und anderen Elementen“ befänden sich noch in dem Labor in Abklärung und sollen in der kommenden Woche verfügbar sein. „Die heutigen Daten weisen auf multikausale Zusammenhänge hin, zu denen auch die derzeit sehr niedrigen Abflussmengen und hohen Wassertemperaturen gehören.“

Mit Blick auf möglicherweise erhöhte Quecksilberwerte sagte Vogel, das werde weiter überprüft. Es könne sich um eine lokale Erscheinung handeln. Auf die Frage, ob Grundwasser oder Trinkwasser kontaminiert sein könnten, antwortete der Minister: „Das wollen wir nicht hoffen.“ Es sei auf jeden Fall „eine tödliche Fracht“, die in dem Fluss mittransportiert worden sei. Er würde aber nicht so weit gehen, die Grundwasservorkommen in Gefahr zu sehen.

Polnischer Regierungschef entlässt zwei Beamte

Der Umgang mit dem Fischsterben löste in Polen personelle Konsequenzen aus. Regierungschef Mateusz Morawiecki entließ zwei Spitzenbeamte, weil sie zu langsam auf das Fischsterben in der Oder reagiert haben sollen. Der Chef der Wasserbehörde und der Leiter der Umweltbehörde müssten ihre Ämter mit sofortiger Wirkung räumen, schrieb Morawiecki am Freitag per Kurznachrichtendienst Twitter. „Ich teile die Ängste und die Empörung über die Vergiftung der Oder. Diese Situation konnte man auf keine Weise vorhersehen, aber die Reaktion der zuständigen Behörden hätte schneller kommen müssen.“

In betroffenen Gebieten an der Oder in Brandenburg sollen Feuerwehr und andere Kräfte die Kadaver einsammeln. Am Freitag waren unter anderem im Nationalpark Unteres Odertal im Nordosten Brandenburgs noch viele tote Tiere am Ufer zu sehen, andere trieben mitten auf dem Fluss. Naturschützer befürchten weitreichende Folgen für den Lebensraum vieler Arten.

Die Bevölkerung ist weiter aufgerufen, jeden Kontakt zum Wasser zu meiden. Diese hatten bisher eher den Charakter von Empfehlungen. Die Stadt Frankfurt an der Oder teilte am Freitagabend aber mit, sie habe nun Verbote erlassen etwa fürs Baden und Angeln. Es sei davon auszugehen, dass der Kontakt mit Wasser aus der Oder für Mensch und Tier gefährlich sei, hieß es.

Quelle: dpa
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