Südafrika

„Wir haben hier unsere Kinder verloren“

Von Claudia Bröll, Kapstadt
06.07.2022
, 16:57
Aufgebahrte Särge in südafrikanischen East London: In einer Kneipe waren 21 Jugendliche unter mysteriösen Umständen umgekommen.
In Südafrika haben Hunderte bei einer Trauerfeier der 21 Jugendlichen gedacht, die in einer Gaststätte gestorben sind. Bis heute ist die Todesursache nicht geklärt.

Mit Blumengestecken geschmückte Holzsärge in langen Reihen in einem Zelt auf einem Sportfeld: Am Mittwoch haben in Südafrika Hunderte Menschen von den 21 Jugendlichen Abschied genommen, die vor zehn Tagen in einer Taverne in einem Armenviertel unter mysteriösen Umständen gestorben sind.

Emotionale Szenen ereigneten sich, als die Särge einer nach dem anderen zu Chorgesängen in das Zelt gebracht wurden. Auf Gedenktafeln waren die Bilder der neun Mädchen und zwölf Jungen abgedruckt mit dem Satz „21 Forever in Our Hearts“. Auch Südafrikas Staatspräsident Cyril Ramaphosa und mehrere Minister waren zu der Trauerfeier in dem Viertel Scenery Park nahe der Stadt East London angereist. Die Zeremonie wurde im Internet und im Fernsehen übertragen.

Das tragische Ereignis hat großes Entsetzen in Südafrika ausgelöst. Die Leichen der Jugendlichen wurden am Sonntagmorgen nach einer ausgelassenen Feier in der Nacht in der Enyobeni-Taverne gefunden. Sie lagen auf Tischen, Stühlen und auf dem Boden ohne erkennbare Anzeichen von Verletzungen. Das jüngste Opfer war 13 Jahre alt. Medienberichten zufolge starben 17 junge Menschen in der Gaststätte, vier später im Krankenhaus.

Todesursache unbekannt

Bis heute gibt es nur Spekulationen über die Todesursache, eine offizielle Erklärung liegt selbst nach den Untersuchungen der Leichen nicht vor. Ein Rapper, der in der Nacht in der Gaststätte aufgetreten war, schrieb auf Twitter, die Jugendliche seien erstickt. „Sie konnten nicht atmen, weil sie an einem Ort ohne Luftzufuhr feststeckten.“ Dem Tweet zufolge hätten sie Pfefferspray eingeatmet, einige seien zu Boden gefallen und nicht mehr aufgestanden. In südafrikanischen Medien wurde auch über einen defekten Generator und die Inhalation von Kohlenmonoxid spekuliert. Der Besitzer der Kneipe war nach eigenen Angaben an dem Abend nicht anwesend.

Polizeiminister Bheki Cele, der schon am Tag nach dem Unglück nach Scenery Park gereist war, machte auch während der Trauerfeier keine Angaben zur Todesursache. „Heute sind wir hier, um zu trauern, uns von unseren Kindern zu verabschieden und um zurückzubleiben, um die Scherben aufzusammeln. Es gibt eine Menge Scherben aufzusammeln“, sagte Cele. Die 19 aufgebahrten Särge waren Medienberichten zufolge leer. Die Familien hätten sich für private Bestattungen entschieden, zwei Familien hätten ihre Verstorbenen bereits beerdigt.

Der Vorfall hat eine Debatte über ein schärferes Vorgehen gegen den Alkoholkonsum von Minderjährigen ausgelöst. In Südafrika ist der Verkauf und Ausschank von Alkohol an Menschen unter 18 Jahren verboten. „Wir haben hier unsere Kinder verloren. Es gibt Eltern, die ihren Sohn oder ihre Tochter nicht mehr umarmen oder küssen können. Wir verlieren unsere künftige Generation durch die Geißel des Alkoholkonsums von Minderjährigen“, sagte Ramaphosa in seiner Rede. Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation rangiert Südafrika unter den zehn Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum auf der Welt.

Zuvor hatte Südafrikas Präsident bereits in einem Brief an die Bürger die „zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz des Alkoholkonsums junger Menschen“ als ernstes Problem bezeichnet. Die im Internet veröffentlichten Bilder von der Party zeigten ausgelassene Jugendliche mit Alkoholflaschen in der Hand. Mehrere Zeugen hätten berichtet, alkoholische Getränke seien an dem Abend kostenlos ausgeschenkt worden. Ramaphosa appellierte in dem Brief an Familien und Erwachsene auf die Einhaltung der Gesetze zu achten. Die Polizei müsse schärfer gegen Verstöße vorgehen. In vielen armen Gegenden wie Scenery Park gebe es außerdem zu wenige sichere Freizeiteinrichtungen für Jugendliche. Die Enyobeni-Taverne wurde mittlerweile geschlossen.

Quelle: FAZ.NET
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Claudia Bröll
Politische Korrespondentin für Afrika mit Sitz in Kapstadt.
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