Unglück im Himalaya

Wieso ist die nepalesische Passagiermaschine abgestürzt?

Von Jürgen Schelling
31.05.2022
, 13:16
Einsatzkräfte der nepalesischen Polizei während der Bergungsarbeiten
Der Absturz einer Passagiermaschine zeigt, wie gefährlich das Fliegen in Nepal ist. Das verunglückte Flugzeugmodell gilt zwar als robust, doch die Navigation im Himalaya-Gebirge ist so schwierig, dass es eine ganze Reihe von möglichen Unfallursachen gibt.

Nun herrscht Gewissheit: Den Absturz einer kleinen Passagiermaschine am Sonntag in den Bergen von Nepal hat keiner der 22 Personen an Bord überlebt. Unter den Opfern sind auch eine Frau und ein Mann aus Mittelhessen.

Was bisher über den Crash der DeHavilland Twin Otter DHC-6 der nepalesischen Fluggesellschaft Tara Air bekannt ist, wirft kein gutes Licht auf die Luftfahrtsicherheit in dem asiatischen Bergstaat. Wahrscheinlich war die Crew im Sichtflug unterwegs und geriet wegen der tiefhängenden Wolken in Instrumentenflugbedingungen. Dann könnten die Piloten entweder die Orientierung verloren oder die eigene Position inmitten des Himalaya-Vorgebirges im nördlichen Nepal falsch eingeschätzt haben. Einen Notruf vor dem Absturz gab es jedenfalls nicht.

Aviatik-Experten halten es jedoch auch für möglich, dass es sich um einen sogenannten Controlled Flight into Terrain, kurz CFIT, gehandelt haben könnte. Dabei fliegen die Piloten nach Instrumentenflugregeln wie eine Boeing oder ein Airbus in Wolken, können also ihre Umgebung nicht sehen. Sie verlassen sich auf ihre Instrumente und glauben fälschlicherweise, dass sie entweder oberhalb der höchsten Hindernisse in der Umgebung oder in einer anderen Position unterwegs sind.

Der Crash ins Terrain ist trotz moderner Warnsysteme gar nicht so selten

Falls aber keine Bodenannäherungs-Warnsysteme an Bord sind und die Crew vom Kurs abkommt oder zu tief fliegt, crasht das Flugzeug im Reiseflug mit entsprechender Geschwindigkeit ins Terrain. Auf Deutsch nennt sich dieses Unfallmuster “Gesteuerter Flug ins Gelände”. Leider ist dieses Szenario trotz heutiger moderner Warnsysteme gar nicht so selten.

Auch ein technischer Defekt könnte die Ursache für das Unglück gewesen sein. Das können Unfallforscher vermutlich herausfinden. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass bei der bereits 1979 gebauten Maschine schon eine sogenannte Black Box an Bord war, die Flugzeug-Parameter zum Zeitpunkt des Unfalls und Gespräche im Cockpit aufzeichnet. Aber weil die Twin Otter beim Crash auf 4420 Metern Höhe nicht gebrannt hatte, lassen sich viele technische Details auch so noch rekonstruieren. Experten können beispielsweise anhand der Verformung der Propeller erkennen, ob die Turbinen beim Aufprall noch liefen. Das würde zumindest einen Triebwerksdefekt ausschließen.

Ein Teil des Flugzeugwracks
Ein Teil des Flugzeugwracks Bild: AFP

Der Absturz in Nepal ist leider kein Einzelfall. Gerade die Flugstrecke von Pokhara nach Jomsom gilt als eine der gefährlichsten Flugrouten der Welt. Laut der Nepali Times sind dort seit 1997 bei fünf Flugunglücken 74 Menschen ums Leben gekommen. Erst vor sechs Jahren war auf dieser Route ebenfalls eine Twin Otter DHC-6 derselben Airline Tara Air abgestürzt. Dabei kamen am 24. Februar 2016 alle 23 Menschen an Bord ums Leben. Eine weitere Twin Otter DHC-6, allerdings ein neueres Modell und im Dienst von Nepal Airlines, stürzte am 16. Februar 2014 an anderer Stelle in Nepal ab. Dabei gab es 18 Tote. Damals ignorierte der Flugkapitän wohl die Warnungen des vorhandenen Bodenannäherungs-Warnsystems, weil er diese wohl für einen Fehlalarm hielt.

Unzureichende Luftfahrt-Standards

Nepalesische Fluggesellschaften haben keinen guten Ruf, da die Luftfahrt-Sicherheitsstandards des Landes, die Ausbildung der Piloten und die Wartung der Maschinen aus europäischer Sicht unzureichend sind. Außerdem soll es zu wenige Kontrollen der Behörden geben. Seit etwa zehn Jahren stehen die Airlines aus Nepal deshalb auf einer schwarzen Liste der EU und dürfen keine Länder der Europäischen Union anfliegen.

In diesen Bergen ist das Flugzeug abgestürzt.
In diesen Bergen ist das Flugzeug abgestürzt. Bild: Via REUTERS

Die abgestürzte Twin Otter DHC-6 ist ein relativ kleines Verkehrsflugzeug für bis zu 19 Passagiere. Mehr als 900 Exemplare wurden bisher von den Firmen DeHavilland Canada oder Viking Air hergestellt. Als Antrieb dienen zwei als sehr zuverlässig bekannte Propellerturbinen des Typs PT6A vom Hersteller Pratt&Whitney. Die Twin Otter besitzt keine sogenannte Druckkabine. Die Crew kann also nicht wie ein Airbus oder eine Boeing in zehn Kilometer Höhe über dem Wettergeschehen unterwegs sein, sondern muss in einer Höhe von üblicherweise bis zu 4000 Metern und damit in Nepal meist mitten im dort rasch wechselnden Wettergeschehen fliegen.

Trotzdem gilt die Maschine wegen ihrer Robustheit als legendär, ähnlich wie eine Junkers Ju52. Die Twin Otter wurde ursprünglich zwischen 1965 und 1988 von DeHavilland Canada gebaut. Seit 2008 wird sie wieder gefertigt, nun deutlich modernisiert von der Firma Viking Air in Kanada. Die Maschine hat ein nicht einziehbares Fahrwerk. Dadurch ist sie zwar vergleichsweise langsam, benötigt aber auch nur kurze Start- oder Landestrecken und kann von unbefestigten Pisten aus operieren.

Quelle: FAZ.NET
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